Sie nennen ihn Carletto: Carlo Ancelotti © Gerard Julien/Getty Images

Im weltumspannenden Showbetrieb des Fußballs sind die Rollen der Protagonisten fest besetzt. Bei den Trainern ist Arsene Wenger der Gentleman und Jürgen Klopp der wilde Kreative. José Mourinho gibt den Schurken, Louis van Gaal den General und Pep Guardiola das vergrübelte Genie. Und dann ist da einer, der zieht seit Jahren von einem schillernden Klub zum nächsten, vom AC Mailand über Chelsea und Paris Saint-Germain bis zu Real Madrid. Überall hat er Trophäen gesammelt und dabei vor allem den Eindruck hinterlassen, ein feiner Kerl zu sein. Das ist Carlo Ancelotti.

Im Juni übernimmt der 56-jährige Italiener den FC Bayern von Pep Guardiola. Im Gepäck hat er drei Champions-League-Siege und ebenso viele Meistertitel in Italien, England und Frankreich. Erwartet wird er von den einen mit der Hoffnung, nach der anstrengenden Zeit mit Guardiola beim erfolgsgetriebenen deutschen Rekordmeister ein wenig Gelassenheit zu verbreiten. Die anderen aber argwöhnen, dass Ancelotti für den FC Hollywood entschieden zu gemütlich ist. Zu viel Tortellini – sein erklärtes Leibgericht. Zu viel Bodenhaftung, zu wenig Ehrgeiz, zu wenig Visionen. Zu altmodisch, ja rückständig. Das ist das Carletto-Klischee.

Es ist, als fürchte man nach den mystischen Höhenflügen mit dem asketischen Katalanen Guardiola, mit dem stämmigen Italiener wieder auf dem Boden der Tatsachen zu landen. Also bei der Einsicht, dass Fußball sicher noch ein Sport, vor allem aber ein gigantischer Unterhaltungsbetrieb ist und keine akademische Veranstaltung. Und das, was neuerdings in Deutschland als "Philosophie" eines Trainers und seiner Mannschaft verkauft wird, mit dem Begriff Taktik eigentlich auch ganz gut bedient wäre. Einer wie Ancelotti könnte die Aufregung um Spielsysteme und Trainerpersönlichkeiten als Wichtigtuerei entlarven, wenn er wieder einmal mit seiner schlichten, ja banalen Lehre erfolgreich wäre, dass Fußball von den Spielern gemacht wird. Und eine Mannschaft deshalb immer nur so gut ist wie ihre Akteure, so glänzend wie deren Talent. Wenn das fehlt, dann hilft auch kein Hegel auf der Bank.

Andererseits kann aber ein einziger Weltklassemann im Team durchaus ein ganzes Spiel drehen. Spieler wie Zinedine Zidane, Andrea Pirlo, Didier Drogba, Zlatan Ibrahimovic und Cristiano Ronaldo. Ancelotti hat sie alle trainiert, mit einem System, "das diesen Hochbegabten entgegenkommt". Und die Hochbegabten verehren ihn dafür, ausnahmslos. Ibrahimovic ruft ihn regelmäßig an und fragt ihn um Rat. Mit Pirlo war er neulich noch in New York essen, die Fotos zeigen gut gefüllte Rotweingläser. Cristiano Ronaldo gab für Ancelotti alles, allein den Bayern verpasste er im Champions-League-Halbfinale 2014 zwei Tore. Ancelottis Real Madrid gewann in München 4 : 0, es war die größte Demütigung für Guardiola. Der katalanische Guru wurde von dem italienischen Pragmatiker vorgeführt, der sein Konterspiel kühl so verteidigte: "Es ist die einfachste Art, um Tore zu machen. Natürlich zeugt es von einer schwachen Identität, wenn ein Team nur Konter spielt. Aber wenn man nun mal den Platz dafür hat ..." Im Finale gegen Atletico Madrid reichte der Platz erneut zum Sieg, doch als im Jahr darauf die Trophäen ausblieben, musste der Italiener gehen. Spieler und Fans trauern immer noch.

Sein einziges Dogma ist die Viererkette. Das traut sich Ancelotti inzwischen auch zu sagen

Bis heute bereut Ancelotti, dass er als junger Trainer beim AC Parma den begabten, aber anarchischen und willensstarken Offensiv-Freigeist Roberto Baggio ablehnte, der ihm auf dem Silbertablett präsentiert wurde. "Ich hätte für Baggio mein Taktikschema ändern müssen, und dafür fehlte mir der Mut." Inzwischen traut sich Ancelotti zu sagen, sein einziges Dogma sei die Viererabwehr, "denn damit steht man hinten nun mal besser". Im Übrigen sei er mit Taktikpredigten sehr vorsichtig geworden, weil seine besten Spieler mindestens so gut Bescheid wüssten wie er selbst: "In jeder Mannschaft gibt es Männer, die mühelos für den Coach einspringen könnten. Ich denke an John Terry, Thiago Motta, Thiago Silva, Andrea Pirlo und Xabi Alonso. Glaubt ihr wirklich, ich könnte Pirlo noch etwas beibringen?"

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015.

Das heißt natürlich nicht, dass Xabi Alonso oder Philipp Lahm demnächst das Training bei den Bayern leiten. Sondern schlicht, dass Ancelotti nicht dazu neigt, seine Spieler wie Schachfiguren zu behandeln. In 40 Jahren Fußball hat er die Erfahrung gemacht, dass Kontrolle gut ist, Vertrauen aber besser. Die Chemie muss stimmen, dann stimmt auch der Rest. Ein Trainer kann nicht wichtiger sein als seine Mannschaft, und schon gar nicht darf er sich wichtiger nehmen. Ein Gegenentwurf also zu Pep Guardiola, der in München rasch das Gefühl verbreitete, die Bundesliga sei einem derart welt-gewandten, ja intellektuellen Fußballlehrer gar nicht gewachsen. Fortan hechelte der deutsche Fußball mitsamt der Bayern Guardiola und seinen Systemwechseln bei laufendem Spielbetrieb hinterher.