DIE ZEIT: Eure Heiligkeit, Sie haben über die Christen des Nahen Ostens gesagt: Wir werden vergessen! Was meinen Sie damit?

Joseph Younan: Wir werden nicht nur vergessen, sondern betrogen von der sogenannten zivilisierten Welt, die sich weigert, die Notlage der christlichen Minderheit unter einer nicht christlichen Mehrheit anzuerkennen. Seit Jahrhunderten überleben wir Christen im Nahen Osten. Wir sind dem Land unserer Vorfahren auch nach der Entstehung des Islams treu geblieben, haben unseren Glauben, unsere Liturgie und unsere Sprache bewahrt. Aber jetzt könnten Terrorbanden wie der "Islamische Staat" uns für immer vertreiben.

ZEIT: Die Armenier und Aramäer wurden schon vor hundert Jahren Opfer eines Genozids. Warum glauben Sie, dass gerade jetzt das Ende der orientalischen Christen naht?

Younan: Weil ich unsere Leute im Irak und in Syrien immer schwerer zum Bleiben bewegen kann. Besonders im Osten Syriens ist die Lage hoffnungslos. Ich selber bin in der Provinzhauptstadt Hassaka geboren, meine Eltern waren als Kinder aus der Türkei dorthin geflohen. In dieser Region liegen auch die assyrischen Dörfer mit über 3.000 Christen, die im Februar vom IS überfallen wurden. Die meisten flohen nach Hassaka.

ZEIT: Dort wurden sie später wieder angegriffen. Welcher Ort ist noch sicher?

Younan: Keiner. Wir Christen im Nahen Osten sind verletzlich, weil wir wenige sind. Wir bilden keine Umma, wir haben kein Öl, und der Westen will seine Geschäfte mit den muslimischen Ländern nicht gefährden, indem er uns verteidigt.

ZEIT: Der Grund für die westliche Zurückhaltung im Nahen Osten sind nur Wirtschaftsinteressen?

Younan: Es gibt auch noch eine Political Correctness des Westens, die wir nicht verstehen. Europa hat die Muslimbrüder als politische Flüchtlinge willkommen geheißen – obwohl sie Politik und Religion untrennbar verbinden, darin ähnelt ihr Denken durchaus dem von Al-Nusra oder IS. Oder nehmen Sie die Organisation für islamische Zusammenarbeit, wo 56 Staaten sich aufgrund ihrer Religion verbünden: Das widerspricht der Religionsfreiheit.

ZEIT: Zur Religionsfreiheit gehört auch das Beharren auf einer bestimmten Religion.

Younan: Ja, aber wer die Politisierung der Religion gutheißt, fördert den politischen Islam mit seinen Menschenrechtsverletzungen. Und der Westen schweigt, auch aus Angst vor Terroranschlägen.

ZEIT: Waren die Christen denn unter Assad freier?

Younan: Sehr viel freier! Die Baath-Partei zwang der Region zwar ihre Ordnung auf, aber dazu gehörte auch das Verbot, andere Religionen anzugreifen. Die Baath-Partei war laizistisch, weil die Alawiten als religiöse Minderheit selbst diskriminiert worden waren. Wo immer es in der Geschichte einen starken Sultan, König oder Präsidenten gab, waren wir Christen sicher. Man schätzte uns als friedliches, fleißiges Volk. Verfolgt wurden wir, wenn Chaos ausbrach und niemand mit harter Hand den Frieden garantierte. Deshalb bin ich auch kein Fan des Arabischen Frühlings.

ZEIT: Er begann als Aufstand gegen Diktatoren, und der Westen hoffte auf ein neues 1989.

Younan: Ich habe schon im Mai 2011 davor gewarnt, dass gewaltsame Aufstände zu Sektierertum und Konfessionskonflikten führen würden. Meine Freunde in Paris nannten mich einen Pessimisten, ich solle einfach ein paar Wochen abwarten, dann wären die Regime gestürzt. Und jetzt? Sehen Sie sich die kaputten Städte an. Wir kennen das Prinzip schon aus dem Schreckensjahr 1915: Damals brach Chaos aus und richtete sich schließlich gegen Armenier und Aramäer, auch weil sie so erfolgreich als Geschäftsleute und Politiker waren.

ZEIT: Wollen Sie lieber ein Leben in der Diktatur?

Younan: Nein, wir wollen Demokratie. Aber wie soll sie in Ländern Fuß fassen, die Staat und Religion nicht trennen? Das wird nichts, solange der Islam Staatsreligion ist, der Präsident Muslim sein muss oder die Verfassung auf der Scharia basiert.

ZEIT: Im Libanon, wo Sie leben, ist das anders.

Younan: Ja, aber der Libanon ist die Ausnahme. Und auch hier kam es zu schlimmen sektiererischen Kämpfen, weil jede Gruppe den Koran anders versteht. Bevor die arabischen Länder Unabhängigkeit erlangten, hätten sie sich politisch vom Islam emanzipieren und zumindest jene Artikel streichen müssen, die die Scharia zur Grundlage der Gesetzgebung machen. Die säkularisierten Politiker des Westens beruhigen sich heute mit der frommen Lüge, die muslimischen Länder hätten eben eine andere Kultur. Aber die bittere Wahrheit ist, dass sie keine Religionsfreiheit gewähren.