Manchmal fragen unsere Leser, ob wir "nicht mal wieder etwas Schönes" auf dieser Seite drucken können. Irgendetwas "ohne Krieg und Fundamentalisten". Es ist eine gute Frage, ein verständlicher Wunsch. Doch wöchentlich erreichen uns Hiobsbotschaften über vertriebene, verschleppte, gefolterte, ermordete Gläubige aller Konfessionen. Wie sollten wir nicht über sie berichten? Allein im Irak wurden seit Mitte letzten Jahres, seit der "Islamische Staat" sein Kalifat des Schreckens ausrief, über drei Millionen Menschen vertrieben. Manchmal ist aber auch das Glaubensressort kriegsmüde und möchte etwas "Schönes" drucken.

Dann ruft Pater Emanuel Youkhana aus dem Nordirak an. Ein Herbsttag, ein europäischer Flughafen, das Handy klingelt. Wenn man abnimmt und sich die miese, knackende Verbindung zwischen der Kriegsregion und dem Friedenskontinent aufbaut, ahnt man schon, dass schlechte Nachrichten kommen. Emanuel Youkhana ist Archimandrit, also Erzdiakon der Assyrischen Kirche und Direktor der größten christlichen Hilfsorganisation Capni im Irak. Er ist einer unserer wichtigsten Gesprächspartner in der Region. Er sagt: Der IS hat drei Christen vor laufender Kamera ermordet.

Später wird er das Video schicken. Drei Männer in orangefarbenen Exekutionskitteln knien in einer leeren Wüstenlandschaft. Wir kennen das Szenario schon von der Enthauptung amerikanischer Journalisten, es wirkt auch jetzt wieder unwirklich. Aber die Opfer sind echt. Sie nennen ihre Namen und das Dorf, aus dem sie stammen:

"Ich bin der assyrische Christ Aschur Brairam Rostom Abraham aus Tel Dschasira."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015.

"Ich bin der assyrische Christ Bassam Issa Michael aus Tel Schamiram."

"Ich bin der assyrische Christ Abdel Masih Asaria Nwija aus Tel Dschasira."

Dann schießt ein vermummter Dschihadist die Männer in den Kopf. Bildschnitt. Drei andere Männer knien im Sand. Vor ihnen liegen die Erschossenen. Auch sie sagen ihren Namen, ihr Dorf und dass auch ihnen die Erschießung drohe. Es sei denn –

Das ist der Grund, warum Youkhana angerufen hat. Denn die Männer im Video gehörten zu den über 250 Geiseln, die seit Februar in Gefangenschaft der Terroristen waren. Damals überfiel der IS 35 Dörfer in Syrien, inzwischen wurden Dutzende Geiseln freigekauft. Nun lautet die Drohung des IS: Wenn kein weiteres Lösegeld kommt, werden nach und nach alle hingerichtet.

Der IS forderte anfangs 100.000 Dollar pro Kopf, dann waren es 50.000, jetzt sind es 30.000. Nicht viel für die Rettung eines Menschenlebens. Aber unerschwinglich für die Familien der Geiseln, denn sie wurden vertrieben, haben fast alles verloren.

Youkhana sagt an jenem Oktobertag: Wo bekommen wir jetzt das Geld her? Schnell? Seine Hilfsorganisation will die Kirchen kontaktieren. Er sagt: Bitte schreiben Sie noch nicht darüber, wir wollen die Gefangenen nicht gefährden. Aber wenn Sie einen Rat haben, wenn Sie wissen, wer in Deutschland helfen könnte, bitte.

Es sind solche Hilferufe an ganz normalen Tagen, die das Ausmaß der Not klarmachen, in der sich momentan alle befinden, die der IS zu Feinden erklärt hat. Auch Christen. Vor allem Christen. Sie erleben derzeit den Verlust ihrer Heimatgebiete, in denen sie bald 2.000 Jahre verwurzelt waren. Aber sie haben das Gefühl, dass ihre Mitchristen in Europa und Amerika dieses Drama nicht sehen. Die Vielzahl der zerstörten Kirchen, die Vertriebenen, die Toten. Jeder weiß von dem Hinrichtungsvideo, das die Enthauptung James Foleys zeigte. Wer weiß von dem Erpressungsvideo, das die drei Assyrer zeigt?