Für Gabriele Koenig war die DDR das Land hinter der Mauer, ein fremdes Land. Sie hatte dort weder Verwandte noch Freunde, mit ihrem Leben hatte der SED-Staat nichts zu tun. Und dennoch gehört Gabriele Koenig, einer Frau aus Aachen, ein einzigartiges Stück ostdeutscher Kunstgeschichte: Akte, Küchenszenen, Konterfeis, Eckkneipen, Fabrikhallen – Gabriele Koenig besitzt, mit insgesamt 200 Bildern, die wohl bedeutendste Privatsammlung an Fotografien aus der DDR. Eine Sammlung, von der kaum einer bisher jemals gehört hat.

Es sind Bilder von Fotografen wie Thomas Steinert, dessen Werk heute als vorweggenommener Abgesang auf die Utopie des Arbeiter-und-Bauern-Staats gilt. Von Fotografinnen wie Helga Paris, deren Porträts von den Menschen hinter den sozialistisch vorgegebenen Rollenbildern erzählen. Von Günter Rössler, jenem Mann, der in seinen dezent erotischen Akten die DDR auszog. Oder von Sibylle Bergemann, die als Kulisse für ihre Modefotografie die reale Tristesse von Fabrikhallen und bröckelnden Fassaden wählte, lange bevor der unverstellte Blick in westlichen Modemagazinen en vogue wurde.

Die Frage, die man Gabriele Koenig sofort stellt, lautet deshalb: Wie kommt eine 74-jährige Frau aus Nordrhein-Westfalen zu einem solchen DDR-Schatz?

"Es war eigentlich ein Zufall", sagt sie. Ein Zufall allerdings, der ohne Neugier und Gespür für den richtigen Moment nicht vorstellbar gewesen wäre. Gabriele Koenig, Tochter eines Anwalts, studierte in Paris, reiste als Chefredakteurin eines Modemagazins von Mailand bis New York und gründete später ein eigenes Label, das Damenmode im europäischen Stil für den japanischen Markt entwarf.

Ihr Beruf war es, Dinge und Menschen in Szene zu setzen. Sie arbeitete mit Helmut Newton zusammen, über dessen Kunst sie lakonisch sagt: "Ich mag ihn." Sie arbeitete auch mit Frank Horvath, dem Meister der Modefotografie.

Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass Gabriele Koenig schon eine Frau von Welt war, als mobile Kommunikation noch den Münzapparat an der Ecke meinte und ein internationales Netzwerk nicht die Freunde bei Facebook, sondern die persönlichen Kontakte vor Ort. Ein Blick in Gabriele Koenigs Wohnzimmer genügt, um zu erahnen, wie bunt und prall dieses Leben gewesen ist: In den Regalen Skulpturen aus Japan, an der Wand Pop-Art, auf dem Sideboard Fotos ihrer Söhne und Enkelkinder.

Und dazwischen dieser Stapel mit Fotos aus der DDR.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 52 vom 23.12.2015.

Als Gabriele Koenig 2004 ihre letzte Modekollektion verkauft hatte, gab es für sie eigentlich nicht mehr viel zu entdecken, gar zu begehren. In einem Kunstmagazin, sagt sie, sei sie auf einen Artikel über die Fotografie in der DDR aufmerksam geworden; illustriert mit einem Bild von Thomas Steinert: eine junge Frau allein an einem Kneipentisch, den Kopf auf die Hand gestützt, ihr Blick eine Melange aus Trauer und Sehnsucht. "Goldenes Herz" heißt die Kneipe, Elke die Frau, sie wird wenige Wochen später in den Westen fliehen. Der illusionslose Realismus habe sie berührt, erinnert sich Frau Koenig. "Und mich neugierig gemacht auf die Entdeckung einer Fotokunst, wie sie damals im Westen noch nicht wahrgenommen wurde."

Über Galeristen in ganz Deutschland beginnt sie danach die Suche nach Fotografien aus dem Alltag einer längst vergangenen Wirklichkeit. Zunächst kauft sie nahezu ziellos. Es sind Bilder aus dem Leben in einem totalitären Staat: Szenerien aus Kantinen der volkseigenen Kombinate, aus heimischen Wohnzimmern, von belebten Plätzen und leeren Straßenzügen, vom Spiel der Kinder in Hinterhöfen und dem Tanz verliebter Paare vor Gartenlauben. Einblicke in das Leben hinter den Fassaden – der Häuser und manchmal auch des Regimes.

Mit der Zeit verdichtet sich Gabriele Koenigs Sammlung und findet ihr Zentrum: Nahaufnahmen einzelner Menschen, Gesichter, Augenblicke. Und weibliche Akte. Geradezu ein Konterpunkt zu solchen Bildern ist eine Arbeit aus der Serie Secret Rooms von Daniel und Geo Fuchs: der Vernehmungstrakt in Hohenschönhausen, mit gepolsterten Zellentüren. Für sie, sagt Gabriele Koenig, sei das "der Inbegriff der intellektuellen Nacktheit eines totalitären Regimes".

Die Fotografien aus dem Stasi-Gefängnis und die Bilder nackter Körper. Das ist der Spannungsbogen dieser Sammlung, der Sammlung Koenig.

Bislang hat noch kaum jemand von diesem Fotoschatz Kenntnis genommen, ein einziges Mal, vor fünf Jahren, wurde eine Auswahl der Bilder in einem Aachener Museum gezeigt, von einer breiteren Öffentlichkeit beinahe unbemerkt. Eros und Stasi hieß die Ausstellung. Den Titel hat Gabriele Koenig selbst ausgewählt. Sie versteht es eben, Dinge und Menschen in Szene zu setzen.