US-Soldaten im Irak (Archivbild) © dpa

Ein Diplomat würde er nie werden. Das, erinnert sich Carne Ross, habe sein Vater ihm schon früh deutlich gemacht, zu Hause in Südlondon. Um Diplomat zu werden, erklärte der Vater dem 12-Jährigen, müsse man sehr schlau sein. Und dass er seinen Sohn nicht zu den Schlausten in der Familie zählte, machte er deutlich. Zum 16. Geburtstag schenkte er der Tochter die komplette Shakespeare-Werkausgabe. Der Sohn erhielt, gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder, ein Gewehr.

Wenige Diplomaten erzählen so oft von ihren Demütigungen wie Carne Ross. Wenige aber auch haben sie in einen solchen Antrieb verwandelt.

Mit 22 Jahren schaffte Ross die Aufnahme in den britischen diplomatischen Dienst. Von London aus ging er nach Bonn und später ins Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York. Er zog in ein mondänes Apartment in Manhattan, bald wäre er Botschafter geworden. Und dann schmiss er nach 15 Jahren alles hin. Die Lügen, es sind ihm irgendwann einfach zu viele geworden.

Das ist jetzt elf Jahre her, Ross war damals 38 Jahre alt, und er hatte die diplomatische Welt sein ganzes Leben lang von oben betrachtet. Jetzt wollte er einmal die andere Blickrichtung versuchen. Ross begann, diejenigen zu beraten, die auf den Konfliktfeldern der Welt keine Stimme haben. Aus einem hellen Büroloft in Manhattan vermittelt er mittlerweile gemeinsam mit 30 jungen Kollegen im Auftrag der Tamilen in Sri Lanka, der Regierung von Somaliland, der Western Sahara, der Marshallinseln und einer der syrischen Oppositionsgruppen. Ross’ einziges sichtbares Relikt aus alten Tagen ist sein akkurater Dreiteiler.

"Wir haben Beweise für das Leiden der Zivilbevölkerung regelrecht geleugnet"

Das erste Mal traf ich auf Carne Ross in einem kalten Sammeltaxi in Utah. Er fuhr zu einem Vortrag, den er auf dem Film-Festival in Sundance halten sollte, und wir kamen ins Gespräch. Der Himmel war längst dunkel, es war ziemlich spät am Abend, und so wirkte seine Geschichte, die er mir in seinem Oxford-Englisch, tief in einen warmen Parka versunken, in dieser langen Taxinacht zum ersten Mal erzählte, umso gespenstischer. Er habe einmal fest daran geglaubt, dass Regierungen dazu da seien, Chaos zu vermeiden. Doch in 15 Jahren diplomatischem Dienst sei in ihm die Überzeugung gereift, dass Regierungen der Grund für viele Instabilitäten in der Welt seien. In seinem Job für das britische Foreign Office habe er für seine Regierung zuerst aus Überzeugung gelogen, dann mit Zweifeln, und zum Schluss habe er immer häufiger ein nagendes Gefühl von Schuld verspürt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015.

Die Geschichte, die Ross in dieser Nacht erzählt, beginnt in den späten 1990er Jahren. Er hatte gerade bei den Vereinten Nationen angefangen, und die mächtigsten Staaten der Welt versuchten damals, den irakischen Diktator Saddam Hussein nach seinem Angriff auf Kuwait mit Wirtschaftssanktionen zu zwingen, Beweise vorzulegen, dass er keine Massenvernichtungswaffen mehr besaß. Ross sollte die Sanktionen im Auftrag Großbritanniens verhandeln. "Und das, obwohl meine Regierung davon ausging, dass Saddam Husseins Waffen keine Gefahr mehr darstellten", sagt Ross. Damals habe er das einfach hingenommen, Jahre später, als ihm klar geworden sei, dass er seinen Job nicht mehr länger ertragen konnte, habe er das in einem Untersuchungsausschuss zum Irakkrieg ausgesagt.

Die Sanktionen, sagt er, hätten ausschließlich dazu gedient, Saddam davon abzuhalten, seine Armee mit dem Geld aus dem Ölverkauf wieder aufzubauen. Der Irak wurde mit komplettem Handels- und Finanzembargo belegt. Die gesamte Wirtschaft brach daraufhin zusammen. Die Berichte über die humanitären Zustände im Irak seien verheerend gewesen, sagt Ross. Experten gingen davon aus, dass 500.000 Kinder unter fünf Jahren aufgrund der Sanktionen gestorben seien, es habe kaum noch sauberes Wasser gegeben, weil auch Chlor nicht mehr importiert werden durfte, die medizinische Versorgung sei katastrophal gewesen.

Doch Kritik am westlichen Kurs habe es offiziell nicht geben dürfen, sagt Ross. "Wir haben Beweise für das Leiden der Zivilbevölkerung regelrecht geleugnet und jeden mundtot gemacht, der die Sanktionen infrage stellte." Selbst die Äußerungen von Kofi Annan habe er kontrolliert, sagt Ross. "Ich habe die Berichte seines Büros vor Erscheinen redigiert. Annan hat gesagt, was wir wollten." Zwanzig Mitarbeiter der Menschenrechtsabteilung hätten damals gekündigt. Heute ist Ross überzeugt, dass die Sanktionen dem Irak mehr geschadet haben als der Krieg. "Sie haben ein hochentwickeltes Land komplett zerstört. Und ich habe dabei mitgemacht."

Eliten werden nicht zur Rechenschaft gezogen

2002 ließ sich Ross zunächst für ein Jahr beurlauben. Er habe nachdenken müssen. Bis dahin hatte er geglaubt, dass der Demokratie am besten durch eine gut informierte Elite, die Entscheidungen trifft, gedient sei. Von oben sieht man mehr als von unten, dachte er. Aber im Irak war dies seiner Meinung nach total schiefgegangen. Ein Großteil an Informationen war einfach ignoriert worden. Viele Stimmen waren gar nicht, andere dagegen umso genauer gehört worden. So sei, statt Chlor von dem Embargo auszunehmen, für Wrigleys-Kaugummi eine Ausnahme gemacht worden. Es wurde als humanitäre Hilfe eingestuft – die Firma musste auf ihre Millionenumsätze im Irak nicht verzichten.

Ross las Kant, Wittgenstein und Karl Popper und versuchte, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie globale Eliten zu besseren Entscheidungen kommen könnten. Staaten lösen sich in Fragmente auf, Konflikte werden immer seltener zwischen Staaten, sondern innerhalb von Staaten ausgefochten, und die Welt und ihre politischen Mittel waren darauf kein bisschen eingestellt, befand er. Ross kam bei seinen Überlegungen immer wieder zu einem Gedanken zurück: Das Problem der globalen Eliten ist es, dass sie für die Folgen ihrer Entscheidungen nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Zwischen New York und Bagdad liegen 10.000 Kilometer. Weder Wahlen noch Demonstrationen müssten die, die über das Schicksal anderer Länder bestimmen, da fürchten. Aber was konnte er tun, um das zu ändern?

Nach dem Jahr Pause ging Ross zunächst als UN-Koordinator in das Kosovo, aber auch dort fragte er sich immer wieder, ob er mit seiner Arbeit Regionen stabiler oder eher instabiler machte. Er verhandelte gemeinsam mit den mächtigsten Staaten der Welt über das Schicksal der Kosovaren, ohne sie selbst im Geringsten in den Prozess miteinzubeziehen. Wie aber sollten sie jemals eine Entscheidung mittragen, wenn sie nicht an ihr beteiligt waren?

Die Kosovaren hätten einen Diplomaten gebraucht, einen, der sich für ihre Interessen einsetzt, einen, der ihnen einen Termin bei den UN in New York verschafft, glaubt er. Einen wie Carne Ross.

Der Dienstherr in London machte ihm seine Entscheidung nicht gerade schwer. In Großbritannien hatte sich sein Kollege David Kelly, ein international anerkannter UN-Waffeninspekteur für den Irak, gerade umgebracht. Er hatte ein Dossier, das Ministerpräsident Tony Blair über die Bedrohung durch Saddams Massenvernichtungswaffen hatte erstellen lassen, als überzogen kritisiert. Die Waffen sollten später als Grund für die Invasion des Iraks dienen. Die englische Regierung stellte Kelly öffentlich an den Pranger, seine Reputation wurde angezweifelt, seine Karriere zerstört. Kurz darauf fand man Kelly tot in einem Waldstück. "Sie haben ihn mit ihren Demütigungen fertiggemacht", sagt Ross. Von einer solchen Politik wollte Ross nie wieder abhängig sein. 2004 kündigte er, das Kosovo wurde sein erster Kunde als freier Diplomat.

Nach einem Jahr Pause ging Ross daran, die Welt zu ändern

Aus dem hellen Büroloft in Manhattan versucht er nun seit zehn Jahren, seine Vorstellung von einer besseren Diplomatie zu verwirklichen. An der Bürotür steht "ID", Independent Diplomats. An der Wand hängt eine große Weltkarte. Er hilft, sagt Ross, jetzt Ländern, über deren Zukunft er früher aus weiter Ferne bestimmt hätte.

Viel Zeit verwendet er gerade auf die Beratung der Syrischen Nationalen Koalition. Ross hat lange dafür gekämpft, dass sie an den Verhandlungen über ihre Zukunft teilnehmen kann. Im Januar haben sich die Rebellen gerade verständigt, sollen Friedensgespräche mit Assad beginnen. Darauf bereitet Ross die Koalition jetzt vor.

Dem Kosovo hat Ross damals auf seinem Weg zur Unabhängigkeit geholfen. Gefeiert wurde das auf Kosovarisch in einer weißen Stretchlimousine in den Straßen von Manhattan mit viel Musik und Befreiungsliedern.

Die Syrer, sagt Ross, wünschen sich vor allem erst einmal, dass ihnen jemand zuhört. Kürzlich war Ross in Syrien, um sich ein Experiment anzusehen, das keiner in diesem kriegszerstörten Land erwartet hätte. Assads Machtstrukturen hatten sich im Krieg aufgelöst, und die Kurden hatten begonnen, den Staat mit einem Netz aus Bürgerversammlungen und Gemeinderäten zu ersetzen. Kein Chaos, sondern eine funktionierende Selbstverwaltung entstand. Der ehemalige Elite-Diplomat stand in Syrien und schaute sich das alles an. Er redete nicht. Er fragte. Er belehrte nicht, er lernte. Er hörte einfach mal nur zu.