2015 war das Jahr, in dem die Beschäftigung mit Essen und Trinken ihren Gipfel erreicht hat. Überall gibt es nur noch Craft-Beer zu trinken, jede Kleinstadt hat einen Street-Food-Market, und alle, die etwas auf sich halten, stellen zu Hause im Hobbykeller ihren eigenen Gin her. Was als Leidenschaft hedonistischer Großstadtbewohner mit Distinktionswunsch begann, ist nun allgegenwärtig: Nahrungsmittel, bei denen die individuelle Herkunft des Rohproduktes und der handwerkliche Herstellungsprozess als Geschichte mitverkauft werden.

In den Triumphzug hinein platzt jetzt aber die Nachricht: Alles Quatsch. Also zumindest die Geschichte der Brüder Rick und Michael Mast aus Brooklyn. Die beiden dienten mit ihren rustikalen Holzfällerbärten als Prototypen für alle Ernährungshipster, seit sie 2006 damit begannen, in ihrer eigenen Manufaktur Schokolade herzustellen. Und zwar, so versprachen sie, "bean to bar", also ganzheitlich aus einer Hand, vom Einkauf der Kakaobohnen von ausgesuchten Plantagen über das Rösten in der Williamsburger Manufaktur bis hin zum Verpackungsdesign. Zwei urbane Mittdreißiger, die in Kakaobottichen herumrühren, das ist, kurz zusammengefasst, die Geschichte der Gegenwart. Nun hat sich aber herausgestellt, dass der Kakao, in dem sie rührten, gar nicht mit eigenem handwerklichen Geschick gewonnen wurde, sondern aus eingeschmolzener Industrieschokolade. Die Craft-Welt ist erschüttert. Ist auch der Kaffee mit dem ausgesucht beerigen Bohnenaroma, der einem neulich vom Barista empfohlen wurde, nur eine Lüge? Ist es am Ende egal, ob einem doch nur Jacobs Krönung in die Tasse gekippt wird?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015.

Vielleicht muss man den Bohnen-Skandal als Befreiungsschlag verstehen. Die Ernährungshistorikerin Rachel Laudan schrieb vor Kurzem einen klugen Essay mit dem Titel A Plea for Culinary Modernism, ein "Plädoyer für kulinarischen Modernismus". Statt vor dem industriellen Essen zu fliehen, sollten wir, so Laudan, das Gegenteil tun: nach mehr industriellem Qualitätsessen verlangen. Aber unter dem herrschenden handwerklichen Zeitgeist kann das Industrielle nur zurückkehren, wenn wir es wie die Mast-Brüder machen. Man schmuggelt es als selbst gemacht durch.