Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde." So beginnt die Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas.

Ein Paar, die Frau hochschwanger, eine göttliche Verheißung, aber kein Platz in der Herberge. Zwei Jahrtausende nachdem sie aufgeschrieben wurde und obwohl jeder sie kennt, bewegt die kleine Episode nach wie vor ihre Zuhörer.

Natürlich, das Christentum ist eine Weltreligion, zu der sich gut ein Drittel der Menschheit bekennt. Die Gläubigen wollen sich vergewissern, dass es diesen Jesus gab, woher er kam und wie das alles begann. Und ja, Themen wie Flucht und Vertreibung sind Grundmotive der menschlichen Existenz – wann wäre das augenscheinlicher als gerade, angesichts von Millionen Geflüchteten aus der Weltgegend, in der auch Lukas’ Erzählung spielt.

Aber ebenso wichtig ist: Der Evangelist erzählt eine richtig gute Story.

Menschen lieben Geschichten. Fabulieren ist das, was sie mit Lust und Laune und ganz freiwillig tun. Sie plappern, ratschen, quasseln, simsen, bloggen, dichten Verse oder schreiben Romane. "Die Menge der Erzählungen ist unüberschaubar", erkannte der französische Philosoph Roland Barthes – egal, ob es sich um gesprochene oder geschriebene Sprache handelt, das stehende oder bewegte Bild, die Geste oder "das geordnete Zusammenspiel all dieser Substanzen". Erzählung findet sich im Mythos, in der Legende, der Fabel, dem Märchen, der Novelle, dem Epos, in Geschichten, der Tragödie, dem Drama, der Komödie – zu allen Zeiten, an allen Orten und in allen Gesellschaften. "Nirgends gibt oder gab es jemals ein Volk ohne Erzählung, sie ist einfach so da, wie das Leben", schrieb Barthes. Die Lust des Menschen, zu erzählen oder Geschichten zu hören, bewog den amerikanischen Philosophen Walter Fisher gar dazu, den Menschen umzutaufen: Kein Homo sapiens sei er, sondern ein Homo narrans. Der schottisch-amerikanische Philosoph Alasdair MacIntyre hingegen erkannte im Menschen ein Geschichten erzählendes Tier, ein "storytelling animal" .

Gibt es zu den Einsichten der Philosophen eine Entsprechung in der Biologie des Menschen? Anders gefragt: Ist der Erzähldrang bloß ein Produkt unserer Kultur, oder gehört er zu unserer Natur? Einiges spricht für die zweite Vermutung. Jedenfalls stellt das Erzählen von Geschichten eine Art psychologischer Grundposition dar. Fisher war davon überzeugt, dass Menschen sich selbst und ihre Umwelt weniger durch die Anwendung von Vernunft oder vorurteilsfreie Beobachtung erfahren als durch das Erzählen glaubhafter Geschichten.

Paläoanthropologen wissen heute, dass der anatomisch moderne Mensch einst in Konkurrenz zu anderen Menschenarten entstand. Er lebte in Gruppen, die anderen auch, sein Gehirn musste in der Lage sein, in diesem Durcheinander den Überblick zu behalten. Er musste kooperativ und hilfsbereit sein, die Emotionen der anderen lesen und darauf reagieren können. Das alles wäre ohne ein besonderes Werkzeug unmöglich: die Sprache. Wer gut reden konnte, hatte einen Überlebensvorteil. Bald wurde Erzählen zum Bedürfnis wie sonst nur das nach Essen, Schlafen, Sex oder nach Gesellschaft. Erzählen war indes kein Zeitvertreib, es war Training. Es erlaubte dem Menschen, Theorien darüber aufzustellen, was der andere im Schilde führen mochte, wer mit wem gut Freund war oder wer womöglich nur ein Schauspiel aufzuziehen versuchte.

Wie tief der Erzählinstinkt verankert ist, haben Fritz Heider und Marianne Simmel erforscht. Noch heute wird ihr Experiment aus dem Jahr 1944 als Pionierarbeit zitiert. Die österreichischen Psychologen zeigten ihren Versuchspersonen in einer kleinen Animation drei sich bewegende Körper – ein großes Dreieck, ein kleines Dreieck und einen kleinen Kreis. Nachdem die Probanden eine Zeit lang beobachtet hatten, sollten sie die Animation beschreiben. Und prompt erzählten sie Geschichten, als hätten sie eine Interaktion selbstständig handelnder Wesen gesehen. Aus den Dreiecken wurden Männer im Streit um den Kreis, also eine Frau. Die Aussagen lassen sich grob so zusammenfassen: Das große Dreieck bedrohte das ängstliche kleine Dreieck, die beide um die Aufmerksamkeit des Kreises konkurrierten – der Beziehungsklassiker Eifersucht.

Der menschliche Geist erschafft also offenbar Leben, wo keines ist. Er unterstellt Absichten oder Intentionen und knüpft Bezüge – als besäße er einen göttlichen Odem. Der amerikanische Philosoph Daniel Dennett nennt das die "intentionale Grundhaltung" des Menschen. Immer und überall wirkt der Drang, Absichten und einen Willen zu erkennen. Und nicht selten schießt er übers Ziel hinaus, indem er schlichten geometrischen Figuren (oder dem Himmel über sich) einen eigenen Willen zuschreibt. Offenbar ist das evolutionär vertretbar, und viel schlimmer wäre es, wenn Menschen sich zu wenig um die Absichten anderer kümmern würden. Schließlich betreffen uns die Wünsche, der Zorn oder die Angst realer Personen ganz unmittelbar. Erzählen ist also nichts anderes, als Schauspieler mit innerem Antrieb auf die Bühne des eigenen Bewusstseins zu stellen. Was andere wollen, kann niemand wissen, das ist die conditio humana und war es seit Anbeginn der Menschheit.

Erschwerend kommt die Eigenart des Menschen hinzu, als Reaktion auf Geschehnisse oder schlicht aus einer Laune heraus seine Meinung zu ändern. Aristoteles nannte das Peripetie, eine plötzliche, schicksalhafte Wendung, die, vor allem bei der Tragödie oder beim Drama, den Kern einer Geschichte ausmacht und auch in den Umständen begründet sein kann. (Denken wir an Kaiser Augustus, der in der Weihnachtsgeschichte seine Steuern verlangt, oder König Herodes, der um seine Macht fürchtet.)