Es war eine Floskel. Ein unbedeutender Satz in einer unbedeutenden Rede einer verhältnismäßig unbedeutenden Lokalpolitikerin.

"Das ist gut so."

Doch dieser Satz hat das Leben von Stefanie von Berg, Bürgerschaftsabgeordnete der Grünen, verändert.

Dirk aus Wittenberg findet nun, man solle ihr "mit ner Schrotflinte in die Fresse schießen". Richard aus den USA schreibt, er habe sich Satellitenbilder ihres Hauses angeschaut, er sei ein böser Junge und komme demnächst einmal nach Hamburg. Und Jürgen aus dem Münsterland wünscht ihr zu Weihnachten "von ganzem Herzen" eine Vergewaltigung.

Wie es so weit kommen konnte?

Am Mittwoch, dem 11. November, kurz nach 18 Uhr, tritt Stefanie von Berg ans Rednerpult der Bürgerschaft. Es ist eine dieser Debatten, derentwegen der Bürgerschaft so oft Langeweile vorgeworfen wird. Schon zum zweiten Mal geht es an diesem Tag um Schulunterricht für Flüchtlingskinder. Von Berg, 51 Jahre alt, ist schulpolitische Sprecherin der Grünen, ein mäßig dankbarer Job, der vor allem darin besteht, die vom Koalitionspartner SPD geführte Schulbehörde gegen Kritik der Opposition zu verteidigen.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

"Frau Präsidentin, meine Damen und Herren, unsere Gesellschaft wird sich ändern, unsere Stadt wird sich radikal verändern", beginnt von Berg. "Ich bin der Auffassung, dass wir in 20, 30 Jahren gar keine ethnischen Mehrheiten mehr haben in unserer Stadt." Sie stolpert durch eine Passage, die wohl sagen soll, dass die Stadt von der Vielfalt profitieren werde. Und dann kommt jener unbedachte Satz, jene spontane Reaktion auf einen Zwischenruf, die alles veränderte: "Und ich sage Ihnen ganz deutlich, gerade hier in Richtung rechts: Das ist gut so."

Ein Abgeordneter klatscht. Dann erklärt von Berg, dass Bildung der Schlüssel zur Integration der Flüchtlinge sei, und vertieft sich in die Details des CDU-Antrags.

Knapp sechs Wochen später haben sich mehr als 200.000 Menschen im Internet ein Video angeschaut, auf dem der Beginn dieser Rede zu sehen ist. Mehr als 5.000 Internetnutzer haben das Video kommentiert. Sie wüten gegen Flüchtlinge, gegen die Politik, gegen das ganze angeblich verkommene System.

Zum Fest der Liebe ist dies eine Geschichte vom Hass. Sie erzählt von selbst ernannten Christen, die anderen den Tod wünschen. Sie erzählt von einer Partei, die Feindbilder im Netz aufbauscht. Und von einer Politikerin, die versucht, sich nicht einschüchtern zu lassen.