DIE ZEIT: Frau Müller, was lernt man über Geld als Chefredakteurin eines Straßenmagazins?

Birgit Müller: Viel! Wir sind stolz darauf, ein Heft zu produzieren, das sich selbst tragen muss. Etwas mehr als die Hälfte unseres Budgets besteht aus Spenden, und die fließen hauptsächlich in unsere Sozialarbeit und die Festangestellten, davon sind fast die Hälfte ehemalige Obdachlose. Alle werden nach Diakonietarif bezahlt. Wir wollen hier nicht zu Dumpinglöhnen arbeiten lassen, das gilt auch für Redaktion und freie Journalisten.

ZEIT: Wie macht man ein Straßenmagazin, das die Leute nicht nur aus Mitleid kaufen?

Müller: Wir bleiben unseren Themen treu, aber versuchen, mit neuen Perspektiven zu überraschen. Wir stellen unser Magazin spätestens alle zwei Jahre auf den Prüfstand. Aber auch da spielt Geld eine Rolle. Am Anfang wollten wir mit einer ehrenamtlichen Redaktion arbeiten. Das ist völlig schiefgelaufen, die Ehrenamtlichen hatten nie Zeit. Uns wurde klar, dass wir für die Beiträge bezahlen müssen. Das gibt uns auch die Möglichkeit, sie abzulehnen, wenn sie nicht unseren Ansprüchen genügen. Die Artikel müssen ja nicht nur gut geschrieben, sondern auch hieb- und stichfest recherchiert sein. Natürlich ist der erste Impuls, dem Hinz&Künztler zu helfen. Doch dann müssen wir es schaffen, dass der Leser am Ball bleibt. Und er bleibt jetzt seit 22 Jahren am Ball.

ZEIT: Wie viele Verkäufer sind für Sie tätig?

Müller: 530 im Winter, im Sommer etwas weniger.

ZEIT: Ihre Verkäufer sind quasi selbstständige Unternehmer?

Müller: Die Idee der Selbstständigkeit finde ich schön. Viele sind Hartz IV-Empfänger. Wir wollen, dass die Leute wieder hoch in die Gesellschaft kommen, durch den Verdienst sollen sie wieder so etwas empfinden wie: Wir haben was zu bieten, wir sind auf Augenhöhe, keine Almosenempfänger.

ZEIT: Gibt es Verkäufer, die mit Hinz&Kunzt ihren Lebensunterhalt bestreiten?

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Müller: Eigentlich ist es dafür nicht gedacht. Der Verkäufer gewinnt Freiheit, weil er entscheiden kann, was er mit dem Geld anstellt. Das macht die Leute stolz. In erster Linie bekommen sie damit Anerkennung, sind wieder Teil unserer Gesellschaft, fühlen sich zugehörig. Ich muss aber sagen, dass einige rumänische Verkäufer von dem Verdienst ihre ganze Familie ernähren müssen.

ZEIT: Die Verkäufer verdienen derzeit die Hälfte des Heftpreises von 2,20 Euro. Wie viel zahlen Sie Ihren Redakteuren?

Müller: Etwa 25 Euro die Stunde. Bei Autoren, die mal eine Geschichte anbieten, einen Euro pro Zeile.

ZEIT: Wie viel verdienen Sie als Chefredakteurin?

Müller: Ein Gehalt, das dem einer fest angestellten Redakteurin mit meiner Berufserfahrung entspricht. Ich schwanke zwischen 30 Stunden die Woche und Vollzeit. Aber ich will eigentlich reduzieren. Das ist ein heftiger Job.

ZEIT: Die Arbeit? Oder das Umfeld?

Müller: Wenn ich vor meine Bürotür trete, treffe ich viele Menschen mit schweren Schicksalen. Das muss man verarbeiten, ohne abzustumpfen. Gleichzeitig versuche ich auch, kreativ zu bleiben. Dazu brauche ich Freiraum.