Indonesiens Wälder haben gebrannt. Eine Fläche von der Größe Sachsens ist zwischen September und November in Flammen aufgegangen. Aus dem All waren die riesigen Rauchwolken zu sehen. Eine halbe Million Menschen musste wegen Atemwegserkrankungen im Krankenhaus behandelt werden. Dann begann die Regenzeit, das Feuer erlosch. Und mit ihm das Interesse an den Flammen.

Im Westen waren die Reaktionen auf das, was auf den südostasiatischen Inseln passierte, routiniert. Erst das Seufzen: "Schlimm, schlimm", dann das Schulterzucken: "Aber machen kann man auch nicht viel."

Wer über Naturschutzthemen schreibt, steht oft vor einem Dilemma. Sie sind wichtig, aber deprimierend. Und Geschichten, die uns unsere Hilflosigkeit vor Augen führen, will niemand lesen. Hinzu kommt: Ob es um illegale Rodung, Müll in den Ozeanen oder die Waldbrände in Indonesien geht, die Muster gleichen sich, das Abhängigkeitsgeflecht ist komplex. Die Frage, wer verantwortlich ist, lässt sich genauso schwer beantworten wie die, was gegen das Problem getan werden kann.

Vielleicht ist das der Grund, warum die Waldbrände nicht dort gelandet sind, wo sie hingehört hätten: auf die Titelseiten der Zeitungen und die Frontpages der Onlineportale, in Sondersendungen und Abendnachrichten. Die brennenden Wälder von Indonesien waren vielleicht die schlimmste Umweltkatastrophe des jungen Jahrtausends.

Können Komplexität und die Tatsache, dass die Meldungen so deprimierend sind, die einzige Erklärung für das Desinteresse sein? Oder geht es im Kern um eine andere Erkenntnis: dass auch wir Verantwortung tragen. Und dass die Waldbrände vielleicht sogar im Interesse Indonesiens sein könnten – und wir deshalb darüber nachdenken müssen, was wir unter Naturschutz verstehen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015.

1,8 Millionen Hektar Regenwald sind von September bis November verbrannt (das entspricht rund 16 Prozent der deutschen Waldfläche), Lebensräume von seltenen Arten wie Orang-Utans, Hornvögeln oder Malaienbären wurden vernichtet. 1.500 Millionen Tonnen des Treibhausgases Kohlenstoffdioxid haben die Feuer in die Luft gepumpt, so viel wie Japan in einem Jahr emittiert. In Teilen Sumatras sahen Menschen für Monate die Sonne nicht. In Singapur sangen die Vögel seltener.

Die Schuldigen scheinen leicht auszumachen zu sein. In Indonesien gehört der Wald dem Staat, Firmen können für definierte Flächen Nutzungskonzessionen erwerben. Etwa um Holz zu schlagen, Palmöl- oder Zellstoffplantagen anzulegen. Besonders Palmöl ist ein lukratives Geschäft, Indonesien ist der weltgrößte Produzent.

Die Initiative Global Forest Watch hat Satellitenbilder und Karten ausgewertet. Sie sind erschreckend eindeutig: 41 Prozent der Brandflächen liegen in Konzessionsgebieten von Zellstofffirmen, 54 Prozent in jenen von Palmölunternehmen. Auch wenn im Einzelfall kaum nachzuweisen ist, wer das Feuer gelegt hat – das ist kein Zufall. Oft haben die Firmen vermutlich selbst gezündelt. Oder die Unternehmen haben sich schlicht nicht darum gekümmert, die Feuer zu löschen – auch das ist illegal. Aber was haben wir damit zu tun? Und wie sollen wir das bewerten?

Bleiben wir beim Palmöl. Mehr als 18 Kilogramm verbraucht jeder Deutsche jährlich. Palmöl steckt in Biodiesel, Nutella, Kerzen, Hundefutter, Shampoo und Fertigpizza. Jedes zweite Produkt in unseren Supermärkten enthält das Fett, schätzt die Umweltschutzorganisation WWF. Kein Land der Welt produziert so viel Palmöl wie Indonesien, und selbst das ist der Regierung des Landes noch nicht genug. Bis 2025 sollen rund 26,5 Millionen Hektar mit Ölpalmen bepflanzt werden – das wäre die Fläche Deutschlands ohne Niedersachsen. Es wird also noch deutlich mehr Wald weichen müssen.

Was sind die Mechanismen, die dazu führen, dass gerade Indonesien seinen Wald so brutal abholzt wie kaum ein anderes Land? Ein Besuch im Thünen-Institut für Internationale Waldwirtschaft und Forstökonomie in Hamburg. Hier arbeiten Menschen, die sich damit beschäftigen, wie globale Holzmärkte und Waldpolitik funktionieren. Menschen wie Richard Fischer. Er sitzt im dritten Stock und braucht nur eine Kurve, um zu erklären, was in Indonesien gerade passiert. Fischer nimmt einen blauen Stift und setzt ihn auf die weiße Tafel im fensterlosen Konferenzraum, dann zeichnet er zwei Achsen. An die vertikale schreibt er "Waldbedeckung % " , an die horizontale ein kleines "t " , für die Zeit. Dann malt er die Kurve. Sie startet oben, bei 100 Prozent, fällt dann steil in ein Tal herab, bevor sie langsam wieder ansteigt und sich auf einem niedrigeren Niveau stabilisiert.