Wie nah Claudia Dantschke dem Terror ist, lässt sich an ihrem Handy ablesen. Dantschke lebt in Berlin, aber wie oft ihr Handy klingelt, brummt und vibriert, hängt von der Qualität der Internetverbindung im syrischen Rakka ab. Rakka ist die Hauptstadt des "Kalifats", das die Terrorgruppe IS voriges Jahr ausgerufen hat.

Seit 2011 haben sich rund 800 Islamistinnen und Islamisten aus Deutschland auf den Weg nach Syrien und in den Irak gemacht, einige sind beim IS gelandet und leben in Rakka. Wenn die Internetverbindung dort gut ist, meistens am Wochenende, melden sich viele von ihnen bei ihren Eltern, meist per WhatsApp oder Skype. Und die Eltern melden sich bei Claudia Dantschke. Sie wollen wissen, was sie antworten sollen.

"Versuchen Sie es mit einer klaren Ansprache", tippt Claudia Dantschke dann zum Beispiel in ihr Handy. "Schreiben Sie X ruhig: Wenn du meine Ratschläge nicht mal versuchst umzusetzen, kann ich dir nicht helfen." Wenn Dantschke danach den weiteren Chatverlauf zugeschickt bekommt, schreibt sie zurück: "Ja, gut, weiter so." Ihr Ziel ist es, die Verbindung zwischen den Ausgereisten und ihren Angehörigen aufrechtzuerhalten. Nicht alle, die sich nach Rakka aufgemacht haben, sind Kopfabschneider. Einige haben die Propaganda des IS durchschaut und suchen einen Ausweg. Manchmal gelingt es, sie wieder nach Deutschland zu lotsen, bevor sie sich völlig in den Terror verstricken.

Claudia Dantschke, 52 Jahre alt, eher klein, eher kompakt, kurze Haare, wache Augen, sitzt auf dem Sofa in ihrer Wohnung in Berlin-Mitte und erzählt, dass sie sich eigentlich einmal vorgenommen hatte, das Wochenende arbeitsfrei zu halten. Aber da muss sie gleich lachen. Wie soll das denn gehen, wenn die in Rakka nur am Wochenende vernünftiges Internet haben?

Dantschke lacht überhaupt viel und gern. Dasselbe gilt fürs Reden. Und fürs Rauchen. Man kann sich Claudia Dantschke als ein Kraftwerk vorstellen, das pausenlos in Betrieb ist.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015.

Seit vier Jahren leitet Dantschke die Berliner Beratungsstelle Hayat, das ist arabisch und bedeutet "Leben". An Hayat wenden sich Angehörige, wenn sich jemand radikalisiert, plötzlich vom Auswandern nach Syrien redet oder schon ausgereist ist. Seit Ende 2011 haben Dantschke und ihre Mitarbeiter, finanziert vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), in Berlin und in der Nebenstelle in Bonn 204 Fälle bearbeitet. Davon waren 50 "sicherheitsrelevant", hatten also mit Reisen in Krisengebiete oder zu Terrorgruppen zu tun. Als abgeschlossen gelten 75 Fälle, 40 "im positiven Sinn", das heißt: Die Beziehung zum radikalen Umfeld ist beendet, der Betroffene hat sich stabilisiert, arbeitet oder studiert, ist Teil eines sozialen Netzes. Nur 40 von 204 – die Zahlen zeigen, wie mühsam Deradikalisierung ist. Sie zeigen aber auch, dass sie funktionieren kann.

Mittlerweile gibt es in Deutschland mehrere Beratungsstellen, die Hayat vergleichbar sind. Alle bekommen öffentliche Gelder, leider zu wenig. Wer hier arbeitet, tut es aus Überzeugung. Schätzungsweise zwei Dutzend Menschen haben einen ähnlichen Job wie Claudia Dantschke, aber sie war die Pionierin.