"Das Schlimmste an den Kriegen ist, dass hinterher immer Romane über sie geschrieben werden", auch der Spanische Bürgerkrieg werde "ein paar ganz besonders idiotische Romane hervorbringen". Solche über "ganz besonders tapfere junge Helden und besonders gut gebaute, engelsgleiche junge Mädchen". Und, noch schlimmer, solche von Ausländern, "die aus diesem ganzen gewaltigen Schlamassel großartige Geschichten über Toreros und Zigeuner fabrizieren werden".

Das sagt Juli Soleràs, einer der verrücktesten, tiefsinnigsten und ideenreichsten Romanhelden, die uns seit Langem begegnet sind. Und er sagt es in einem Roman über den Spanischen Bürgerkrieg, der alle genannten Klischees hinreißend unterläuft. Seine republikanischen Kämpfer sind nicht besonders tapfer, sie büxen in der Schlacht aus, desertieren, Juli wechselt sogar auf die faschistische Seite, die andern liebäugeln mehr als einmal mit dem Gedanken. Schon gar nicht ist Joan Sales’ fabelhafter Roman Flüchtiger Glanz, ein nun erstmals ins Deutsche übersetzter Klassiker der katalanischen Literatur, etwas, was man eine großartige Geschichte nennen würde. Fern aller Großartigkeit ist es die Geschichte einer Niederlage, eines Scheiterns in Chaos und Zerstreuung. Das Scheitern und die Auflösung durchdringen sogar die Romanform: Statt einer magistral durcherzählten Geschichte lesen wir zwei versandende Briefsammlungen und einen ebenso ins Unabgeschlossene sich verlierenden Rückblick aus zwanzigjährigem Abstand. Nicht zuletzt kann man sich mit guten Gründen fragen, ob dieser Klassiker über den Spanischen Bürgerkrieg wirklich ein Roman über den Spanischen Bürgerkrieg ist. Eher ist er nämlich ein großes Buch der theologischen Erzählliteratur.

Wie denn das? Beginnt dieses Buch denn nicht am 19. Juni 1937, mitten im Krieg, mit den Briefen des anarchistischen Kämpfers Lluís? Endet es nicht im Bericht des Soldaten Cruells im März 1938, noch immer mitten im Krieg, an einer "Verteidigungslinie", welche die Republikaner "nach drei Wochen Flucht" gerade wieder mühselig befestigt haben? Und erzählen die Briefe der Trini Milmany, Tochter eines berühmten Anarchisten, im Mittelteil nicht von der Kriegszeit in Barcelona in den Jahren 1936 und 1937, von den anarchistischen Hetzjagden gegen die Kirche und die Priester sowie in bestürzenden Details von den faschistischen Bombardements der Stadt? Sind nicht alle männlichen Hauptfiguren Kämpfer auf der republikanischen Seite?

All das trifft zu. Aber es ist nicht die Hauptsache. Vom politischen Diskurs und von der Nahkampf-Kriegsberichterstattung solcher Spanienklassiker wie Hemingways Wem die Stunde schlägt oder Orwells Mein Katalonien ist Sales’ Roman meilenweit entfernt. Politische Glut ist seinen Kämpfern fremd. Statt die Faschisten für das schlechthin Böse zu halten, spielen sie in Gefechtspausen lieber mit ihnen Fußball. Die Indoktrinationen der Politkommissare sind ihnen suspekt. Und die Schandtaten der eigenen Seite, die Kirchenschändungen, die Priestermorde, tragen sehr dazu bei, dass sie sich dem zuwenden, was in diesem Roman das Wichtigste ist: Jesus und das Christentum.

Exemplarisch vollzieht sich das im Mittelteil des Romans an der 21-jährigen Trini. Sie ist von Haus aus Anarchistin, wird in ihrer Jugend Studentenrebellin. Im August 1936 wird auf dem Grundstück gleich hinter ihrem Haus ein alter Priester von Anarchisten ermordet. "Seine Augen und sein Mund waren weit aufgerissen." Sie sieht ihn, schreit entsetzt auf, "eine Woche später fand ich mich völlig unerwartet in einer heimlichen Messe wieder" – wie in den urchristlichen Katakomben müssen die Gottesdienste damals auf versteckten Dachböden abgehalten werden. Einige Monate bleibt Trinis Glaube "etwas Schwebendes, Nebulöses", dann lässt sie sich katholisch taufen. "Ich glaube mit ganzer Seele, dass wir die Poesie und den Glauben so sehr brauchen, um nicht todunglücklich zu sein, denn Poesie und Glauben sind das Dasein und das Leben, und ohne sie würde alles im Leben zu einem Nichts zerrinnen wie ein unbestimmter, substanzloser Traum."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015.

Derart plane Bekenntnisse bleiben in Flüchtiger Glanz aber die Ausnahme. Ganz im Gegenteil ist der theologisch wie erzählerisch raffinierte Umgang mit dem Glauben eine der großen Stärken von Sales. Die theologische Autorität des Romans ist ein Antiautoritärer schlechthin. Es ist der Ideenvulkan Juli Soleràs, ein stets sich entziehender Einzelgänger, nach dessen Freundschaft Lluís, Trini und Cruells, die briefschreibenden und erzählenden Hauptfiguren des Romans, sich sehnen. In wilden und widersprüchlichen nächtlichen Ideengesängen infiziert Soleràs die Köpfe und Seelen seiner Freunde. Und er führt sie dabei in ein von der Anarchie und Kierkegaard gleichermaßen bestimmtes Christentum ein, das jeden Sieg bedauert, das Glück einzig in der Niederlage und im Scheitern sieht und ans Kreuz glaubt, weil es absurd ist.

Um diese attraktive, wenn auch nicht immer vollends verständliche Theologie hat Sales einen fabelhaft weit gespannten Erzählraum gebaut. Er besteht aus der betörend geschilderten Landschaft Aragoniens, in der im ersten und im dritten Teil an meist toten Fronten die Einheiten von Lluís und Cruells liegen, und aus der nicht minder anziehend dargestellten Stadtlandschaft Barcelonas. Lange Gänge durch diese Landschaften, geschildert in wiederum sehr langen und meditierenden Briefen, machen den Hauptteil dieses Romans aus. Alle Helden suchen dabei, angestachelt von Soleràs, ihren Glanz und ihre Erfüllung – der titelgebende flüchtige Glanz heißt im Original und in einer entsprechenden Shakespeare-Zeile in bezeichnender religiös-ästhetischer Doppelsinnigkeit glòria, glory. Und alle bevölkern nach und nach diesen Raum des Spazierens und Sinnierens mit einem fein gesponnenen Netz von Imaginationen. Immer wieder legen sich Gesichter über die Landschaft, immer wieder spielt die ferne, aber entscheidende Figur des Jesuitenpaters Gallifa hinein, der allen die Einheit von Liebe und Glauben ans Herz legt. Und immer wieder taucht Jesus, "der Große Besiegte", auf, bis in die Schlussvision, als der gläubige Soldat und angehende Arbeiterpriester Cruells ihn in den "wirren Tagen unserer letzten Niederlagen" auf den endlosen Rückzugsmärschen zu sehen glaubt. Die Soldaten tragen die Last der MGs, "auch Er ging gebeugt unter einer Last, der des Kreuzes, und Er ging vor uns her als Besiegter unter den Besiegten, als wolle Er uns den Weg der Niederlage weisen und alle unsere Schmerzen, alle Niederlagen, alle Scham mit uns teilen".

Joan Sales, der 1912 in Barcelona zur Welt kam und 1983 ebendort starb, hat den Flüchtigen Glanz stark an seine eigene Lebensgeschichte angelehnt. Nur die Konversion zum Christentum hat er vorverlegt; selber hat er erst 1943, im mexikanischen Exil, zum Glauben seiner Kindheit zurückgefunden. Sales hat an seinem Roman seit der Rückkehr nach Barcelona 1948 geschrieben. Fürs Theologische hat er sich, wie man dem erstklassigen Nachwort Eberhard Geislers entnehmen kann, an den von ihm selber verlegten Priester Carles Cardó gehalten. Nach Einwendungen der franquistischen Zensur konnte der Roman 1956 erscheinen; 1971, noch zu Lebzeiten Francos, folgte die erweiterte, endgültige Fassung.

Man braucht einen zugleich schweifenden und konzentrierten Geist, um diesem gelegentlich ausufernden und bisweilen etwas verwinkelten Roman gerecht zu werden. Seine Suggestionskraft ist aber enorm. Und schon deshalb würde man gern auch Wind der Nacht kennenlernen, die eigenständige Fortsetzung, die Sales 1983 veröffentlicht hat. Hanser plant die Übersetzung nicht – seit wann macht man dort halbe Sachen?

Joan Sales: Flüchtiger Glanz.
Roman; aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt; mit einem Nachwort von Eberhard Geisler; Hanser Verlag, München 2015; 575 S., 26,– €