Als Leonie kam, fuhr sie Gokart, Runde um Runde, sie wollte gar nicht mehr aufhören, so was kannte sie ja nicht. Das Gokart war nicht so klein wie ein Kettcar, sondern so groß, dass sogar Dirk Nowitzki sich mal reinquetschte, aber um den geht’s jetzt nicht. Es geht um Leonie, die im Gokart saß, "16 km/h" stand auf dem Armaturenbrett, steht immer darauf, ist ja kein richtiges Armaturenbrett.

Es geht um Leonie, die im Gokart saß und sich des Lebens freute.

Leonie, das ist nur in dieser Geschichte ihr Name, eigentlich hat sie einen anderen, und eigentlich nennen sie alle nur beim Spitznamen, daher bekommt sie auch hier einen: Leo.

Leo und das Gokart, da müssen alle lachen. Leo fuhr mal mit dem Gokart in den See, und am liebsten spielte Leo im Gokart mit den anderen Räuber und Gendarm. Leo und das Gokart, sagt Gunda. Fehlte gerade noch, dass sie damit ins Bett gegangen ist.

Gunda, die mit Nachnamen Fleischhauer heißt, aber von allen nur Gunda genannt wird, ist die Frau im Haus. Eine Mama, auch wenn sie nicht Leos Mama ist. Sie gibt, was eine Mama gibt. Leo kam mit zwölf. Ein Kind, aber nicht Gundas Kind. Sie brauchte, was ein Kind braucht. Leo ist nun 17. Und braucht noch immer, was ein Kind braucht. Dass sie bald 18 wird, kann sie selbst kaum glauben. Leo war früher zu wenig Kind.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015.

Als Leo kam, erhielt Gunda eine Akte vom Jugendamt, die Leos Leben mit ein paar Schlagwörtern versah. Leo, stand darin, ist ungepflegt, schmutzig gekleidet, hortet Lebensmittel, klaut bei Kindern in der Schule. Leo hatte erlebt, wie Beziehungen abrupt abbrachen, sie war allein, zeigte keine Emotionen. Leo war, so sagte man, verwahrlost. Ein Begriff, der das Äußere beschrieb, aber nicht, wie sich das Innere anfühlte. Leos Seele, sagt Gunda, war sehr verwundet.

Wie und wann das alles anfing, ist nicht leicht zu sagen, und warum sie verwundet war, denn Leo tastet sich gerade langsam ran an die Wunden in ihrem Leben. Wunde – auf Griechisch: Trauma. Leichter, als zu sagen, was früher alles geschah, lässt sich sagen, was es früher nicht gab. Jemanden, der sie ansah, der ihr Schutz gab, Sicherheit; jemanden, dem sie vertrauen konnte.

Hier, sagt Leo, wo wir mit Gunda wohnen, das ist Zuhause, ganz einfach.

Was ist das Zuhause, Leo?

In einem Lied von Adel Tawil, da gibt’s eine Zeile: Zuhause ist da, wo deine Freunde sind. Ich finde, sagt Leo, das ist das hier. Ich bin gern da, ich will nicht zurück. Will ich jetzt nicht, wollte ich nie.

Was heißt zurück?

Das ist ein Schritt in eine alte Welt, sag ich mal, zurück zu meiner Mutter, zurück halt, das will ich nicht.

Die alte Welt, ja, da kann ich was zu erzählen, beginnt Leo, mir ging’s damals einfach nicht so gut, sag ich mal. Ja, aber was kann ich erzählen?, überlegt Leo.

Leo: Kurzhaarfrisur, braun, Augen, braun und das Kinn auf einmal etwas rot, das Kinn, auf einmal etwas weggerutscht.

Ich bemerke gerade, Leo, dass du nicht erzählen solltest, sagt Gunda.

Nicht? Okay, gut, Gunda, dann nicht.

Gunda und Leo sitzen an einem großen Tisch im Haus. Leo, sagt Gunda, du kannst natürlich erzählen. Aber die Leo hat ein äußeres Zeichen, wenn es ihr nicht gut geht.

Leo, rotes Kinn, hat nun Tränen in den Augen. Leo, es tut noch weh, ja?

Ja, sagt Leo, bisschen, ja.

Komm, wir denken an was Schönes: Meer, Sonne, Delfine.

Korfu! Als wir im Urlaub waren!

Ja, Korfu, an was auf Korfu?

An den Sandstrand und an den Ausblick.

Wie ihr runtergelaufen seid ans Meer?

Ja, und als wir hochgelaufen sind, hatten wir alle Schrammen.

Ja, ihr saht aus, als wenn ihr unter die Räuber geraten seid.

Leo, Kinn nicht mehr rot, Tränen weg, lacht.

Den Sommer, sagt Leo, mag ich mehr als den Winter, im Sommer springen wir immer in den See hinterm Haus, nur bloß keinen Köpper machen. In den See, in den sie auch mit dem Gokart fuhr.

Das Haus, in dem sie wohnen, liegt in Franken. Es ist eine alte Fachwerk-Mühle. Hinter der Mühle der kleine See, im Grunde eher ein Tümpel, ein Bach mit Holzbrücke, dahinter eine Wiese mit Fußballtor. Große Bäume, Tanne, Birke, Weide, ein Steinofen und ein Tisch, an dem Leo letztens für ihren Schulabschluss lernte.

Im Flur des Hauses steht ein Buch, es heißt: Heim kommt von Heimat.

Ihre Wunden sind verborgen, aber nicht verheilt

Das Zuhause in sich selbst. © AREF KARIMI/AFP/Getty Images

Die Steinmühle ist ein Heim, in dem Gunda und neun Kinder leben. Gunda hat es 1974 gegründet, zusammen mit ein paar Kollegen. Es ist ein Haus für Kinder, die besonders viel Betreuung benötigen, Kinder mit Verhaltens-, Emotions-, Entwicklungs- und psychosomatischen Störungen, so heißt es in der Amtssprache. Kinder ziehen hier ein, nachdem jemand die Stopptaste in ihrem Leben drücken musste: Stopp, weil zu viel passiert war, das sie belastete; weil sie verletzt wurden, missbraucht; weil in ihr Leben die Traurigkeit eingezogen war oder zu viel Chaos; weil sie mit Aggressivität reagierten oder sich zurückzogen. Als hätten sie abgeschlossen mit ihrem Leben, bevor es überhaupt richtig begonnen hat.

Ein Kind, das bei Gunda einzog, schlief ein und atmete tief, aber die Augen blieben offen, der Körper blieb angespannt, es hatte Schutz bekommen, traute ihm aber nicht. Das Kind war dreieinhalb, unterernährt; einen wunden Po hatte es, fiel hin, konnte nicht sprechen, kroch unter eine Bank, eingerollt wie ein Embryo lag es da und bewegte sich nicht.

Ein Kind, das bei Gunda einzog, weinte und schrie, schlug um sich, klopfte über Stunden an die Wände und auf den Boden, stellte die Musik laut, Tag und Nacht, warf mit Steinen, verweigerte das Essen, die Schule, stieß jeden weg. Das Kind hatte bei seiner psychisch kranken Mutter gelebt und danach in vier Pflegefamilien.

Ein Kind, das bei Gunda einzog, schlug um sich, sobald es die Küche betrat, es schrie eine Mitarbeiterin an: Schlampe! Hure! Das Kind war vom Vater gefesselt und in den Küchenschrank gesperrt worden.

Ein Kind, das bei Gunda einzog, erschrak bei dem Wort Schnecke. Das Kind hatte das Wort von Erwachsenen gehört, die es sexuell missbrauchten.

Ein Kind, das bei Gunda einzog, nässt manchmal ins Bett, es ist 15, und Gunda sagt: Das ist okay, du darfst das, es sind nicht geweinte Tränen.

Wenn ein neues Kind bei Gunda einzieht, konnte es bei seinen Eltern nicht bleiben, dann haben oft andere Maßnahmen des Jugendamts nicht geholfen, es wurde auf der Straße gefunden oder stand kurz vor dem Tod. Wenn ein neues Kind einzieht, dann hat es genug gekämpft, dann sagt Gunda: Leg alles ab, du musst nicht mehr. Dann, könnte man sagen, wird ein Leben gerettet.

Als Leonie bei Gunda einzog, gab Gunda ihr den Namen Leo. An Leonie schrieb die Mutter, die leibliche, die aus der alten Welt, einen Brief, den Gunda, neue Welt, Leo vorlas. Leonie, schrieb die Mutter, ich liebe dich, aber ich möchte dich nicht. Da, wo du jetzt bist, bist du besser aufgehoben. Gunda las den Brief vor, und als Leo weinte, fragte Gunda: Darf ich dich in den Arm nehmen? Leo, du bist jetzt hier, sagte sie, du bist jetzt bei uns in der Steinmühle, hier geht es dir gut, wir gehen jetzt zusammen weiter.

Leonie, man muss es so sagen, war ein ungeliebtes Kind, der Prototyp des ungeliebten, ungewollten Kindes, sagt einer ihrer Lehrer.

Als Leo bei Gunda einzog, fand sie auf ihrem Bett einen Zettel: Herzlich willkommen. Und daneben war ein Herz gemalt, sagt Leo, das fand ich toll.

Es ist die Hoffnung, Leo etwas geben zu können, was Leonie so nie bekommen hat.

Leo wollte anfangs ihre schmutzige Wäsche nicht abgeben, sie wollte sich nicht waschen. Es ging darum, aus dem Aschenputtel eine Prinzessin zu machen, sagt Gunda. Du bist eine Prinzessin, sagte sie zu Leo, in jedem Mädchen steckt eine Prinzessin, Leo, in dir auch.

Es sind kleine, alltägliche Dinge, die die Kinder nicht gelernt haben. Baden. Zähne putzen. Es war niemand da, bei dem sie sich das abschauen konnten. Wir versuchen mit traumatisierten Kindern neue Bahnen im Gehirn zu gehen, sagt Gunda, wir können das Alte nicht löschen, aber wir holen auf, was nicht gelebt werden konnte. Wir sammeln Äpfel, wir gehen ins Kino, fahren Schlitten, backen Muffins.

Wir, das sind: Luca, 9, Noah, 10, Nikolai, 10, Michael, 15, Tina, 16, Oliver, 17, Leo, 17, Franziska, 17, Marcel, 18, die in dieser Geschichte auch alle andere Namen haben. Und Gunda natürlich, die Hausmutter. Und Johannes, der ausgebildeter Pädagoge ist, und die anderen Mitarbeiter.

Mir fällt gerade auf, sagt Leo, ich mag alle im Haus total gerne.

Die Tina! Tina macht immer so Späße, sagt Leo. Tina streckt mir die Hand hin, ich nehm sie, sie drückt dann kräftig, bis ich sage: Jetzt ist gut. Dann meint sie: Ich hab dir doch nur die Hand gegeben.

Und der Luca, sagt Leo, der macht manchmal Sachen; das finden wir anderen nicht so toll, was der manchmal abzieht! Er schmeißt sich auf den Boden, brüllt, wenn er nicht das kriegt, was er will. Luca weckt in einem die böse Seele, sagt Leo, das ist der Wahnsinn, aber ich weiß, dass er eigentlich nicht so ist, so was gibt es bei mir ja auch. Und dann, wer noch?

Johannes, den mag ich besonders. Johannes, der ist ein bisschen Vaterersatz, sagt Leo. Johannes hilft mir immer ganz arg, meine dummen Angewohnheiten abzulegen: Ich bin zum Beispiel mal spätabends runtergegangen an den Kühlschrank und habe heimlich was gegessen. Johannes sagte mir, ich muss das nicht heimlich machen, ich darf essen, wir haben hier genug zu essen, niemand ist sauer auf mich, wenn ich was esse. Als ich heimlich runterging, habe ich was Käsemäßiges gegessen oder Eis aus der Gefriertruhe.

Nur das Eis, sagt Gunda, das wäre ja nicht so schlimm gewesen.

Ja, sagt Leo, ich habe auch Schüsslersalze gegessen und Neurexan, so was.

Ein homöopathisches Mittel, sagt Gunda.

Ja, ich habe gedacht, ich kann das nehmen, irgendwann fiel es dann aber auf.

Im Kühlhaus, sagt Gunda, war immer was angebissen, nur eines von zwanzig Würstchen, Pakete waren angerissen, und einmal, da stand die Heizung auf fünf, und auf der Heizung lagen Fertigreibekuchen und tauten auf.

Dumme Sachen sind das, die ich gemacht habe, sagt Leo.

Es sind Sachen, die kommen aus der Vergangenheit, sagt Gunda, es sind frühere Verhaltensweisen, auf die traumatisierte Kinder zurückgreifen, wenn sie unsicher sind. Es sind ihre alten Systeme. Systeme, die sie brauchten, um in ihrem Umfeld zu überleben. Warum aber Leo in einem Moment ihr altes System benutzt, sagt Gunda, das weiß niemand, je mehr wir mit ihr arbeiten, desto mehr können wir dahinterkommen.

Es ist ein Vormittag mitten in der Woche, fast alle sind in der Schule, Leo ist zu Hause geblieben. Sie hat sich am Daumen verletzt, um ihn ist ein Verband gewickelt, er spreizt sich etwas ab von den anderen Fingern, als würde Leo die ganze Zeit den Daumen recken. Zwischendrin im Gespräch, wenn ihr was gefällt, hebt sie die Hand und sagt: Ich gebe ein Like drauf.

Sie hat keine Scheu vor Fremden, sie schaut in die Augen, hört zu, antwortet höflich. Ein Gespräch mit ihr ist wie auf einem offenen Feld zu sein und überall hinlaufen zu können, alles fragen zu können; und von einem Moment auf den anderen gehen Schranken zu: hier nicht weiter, zu nah, zu früh.

Wer am Tisch sitzt mit Leo, mit Luca, Noah, Nikolai, Michael, Tina, Oliver, Franziska und Marcel, kann sich kaum vorstellen, dass in all ihren Leben etwas steckt, bei dem Gunda sich manchmal fragt, wie ein Mensch, so jung, das aushalten kann. Ihre Wunden sind verborgen, aber nicht verheilt.

Wir müssen die Kinder immer ganz genau beobachten, sagt Gunda, das macht es so schwer. Manchmal ist es nur ein Bild, ein Geruch, ein Wort, eine Geste, das sie zurückwirft.

Bei diesen dummen Sachen, die ich mache, sagt Leo, hilft mir Johannes zu verstehen, was dahinter ist.

Vor einiger Zeit, eineinhalb Jahre ist es her, setzten sich Johannes und Leo zum ersten Mal zusammen. Sie begannen sich heranzutasten an das, was früher geschah. Leo saß auf einem Sofa und Johannes rechts neben ihr, ums Eck.

Irgendwann taten sie so, als würden sie CDs einlegen. CDs, die Leos früheres Leben zeigten, das Leben von Leonie. Sie taten so, als hätten sie drei davon. CD 1, da war Leonie null bis sechs Jahre, CD 2, da war sie sieben bis neun, CD 3, da war sie zehn bis zwölf. Titel von CD1: "Die Zeit bei meiner Mutter". CD 2: "Die Zeit bei meinem vermeintlichen Vater und seiner Familie".

Mir wurde mal gesagt, da war ich sieben, dass mein Vater gefunden ist, sagt Leo. Ich hatte bis dahin bei meiner Mutter gelebt und wusste nichts von meinem Vater, dann zog ich zu diesem Mann, zwei Jahre lang, bis plötzlich herauskam: Er ist gar nicht mein Vater. Dann zog ich wieder zu meiner Mutter, das ist CD 3.

Diese CDs, sie sind wie Fernsehschauen. Leo hat Distanz zu ihrer Vergangenheit, guckt sich Sequenzen an, und dann fallen ihr Szenen von früher ein.

Johannes bat Leo, zu überlegen, in welchen Momenten sie immer runtergeht, um sich heimlich Essen zu holen, ob sie gute Laune hat oder schlechte. Oder ob ich ein bisschen weggedingst bin in früher, sagt Leo; und ihr fiel auf, es ist immer abends, wenn sie runtergeht. Früher war abends eine Zeit, in der ich mich sehr einsam fühlte, abends war meine Mutter immer weg oder bei meinem Geschwisterchen. Mir fehlte, dass sie mich ins Bett brachte. Ich war einsam, sehr einsam, sagt Leo.

Beim Essen, sagt Johannes, geht es nicht nur um das Wurstbrot, sondern auch darum, dieses Alleinfühlen zu überdecken.

Die Schüsslersalze, das Neurexan, das hat mir geschmeckt, sagt Leo.

Es ging darum, dass man was in den Mund bekommt, sagt Johannes.

Ich habe auch einmal Soßenpulver für Rouladen aufgemacht und gegessen, sagt Leo. Diese dummen Sachen, das ist ja mein Trauma.

Manchmal, wenn sie darüber reden, hat Leo einen Kloß im Hals, aber Leo sagt, ich will da durch, ich kann das Früher ja nicht ablegen, aber ich kann darüber die Kontrolle haben.

Sie versucht es.

Die Opferrolle

Einmal war Dirk Nowitzki, ein Freund des Kinderheims, zu Besuch, es war Sommer, und sie saßen hinten im Hof. Leo neben Gunda, Gunda neben Dirk, und dann sagte Leo laut, sodass es jeder hörte: Krieg ich ausnahmsweise auch mal ein Eis?

Da schlüpfte ich in die Opferrolle rein, sagt Leo.

Diese Opferrolle, erklärt Leo, heißt: Ich kann nichts, ich darf nichts, ich bin nichts. Und ich krieg nichts, sagt Johannes.

Ja, sagt Leo, das auch.

In die Opferrolle schlüpft sie manchmal, wenn sie sieht, ein Kind bekommt mehr Kleider, ein Kind bekommt Medikamente, ein Kind isst etwas, was sie auch gerne isst. Dann ist es so, als gehe bei Leo ein Alarm an, vielleicht, weil sie sich dann wie Leonie fühlt, die nicht beachtet wurde. Näher angeschaut haben wir uns das noch nicht, sagt Johannes.

Einige Episoden auf den CDs lassen sie erst mal aus. Manche kennt Leo selbst noch gar nicht, weil das, was früher geschah, noch zu verdrängt ist, zu verborgen. Leo fängt gerade erst an, sich mit Leonie zu verknüpfen. Und zu verstehen, dass das, was Leonie erlebte, Leo zu dem machte, was sie ist.

Gunda, wie ist Leo? Sie singt gerne, sie tritt gerne auf, sie liest viel, manchmal zu viel, sie kennt keine Grenze, aber das hatte ich früher auch. Da ist schon viel Lachen bei Leo, vieles ist im heilenden Bereich.

Leo mag die Serie Lena, Liebe meines Lebens, und besonders gerne mag sie den Hauptdarsteller Max Alberti; sie mag Tim Bendzko, Nur noch kurz die Welt retten; sie mag Bücher von Kerstin Gier und Voice of Germany; Leo mag sich an Fasching verkleiden; sie mag die Farbe Gelb, sie mag Käse und Käsespätzle und Käsestangen. Leo mochte gerne Deutsch in der Schule, sie schaffte vor einem halben Jahr den qualifizierenden Hauptschulabschluss, nun macht sie Praktika im Einzelhandel. Leo spielt gerne Harfe – ganz vorne in ihrer Mappe: Es wird scho glei dumpa, ein Weihnachtslied. Gerade ist die Harfe sehr verstimmt, sagt Leo und zieht an den Saiten, dann blättert sie in der Mappe: Träumerei in a-Moll . Sie setzt sich an die Harfe und spielt. Träumerei in a-Moll mag ich am liebsten, sagt Leo.

Leos Lieblingsfilm war ganz lange Findet Nemo. Den hab ich so oft geschaut, ich weiß gar nicht, wie oft. Diese Szene, lacht Leo, ich hab mich so weggeschmissen, die Dory, wie sie versucht, Walisch zu reden, und dann zieht Leo den Mund auseinander und zieht alle Silben in die Länge: Haaaaalloooo Waaaaaal! Das ist so lustig, sagt Leo.

Der Film, sagt Leo, ist auf CD 1, als ich bei der Mutter lebte. Zusammen guckten sie ganz viel Fernsehen, es war das Einzige, was sie zusammen machten. Ich wollte immer Super RTL und Kika, sagt Leo, Mama auch mal ProSieben, ich mochte die Simpsons, und irgendwann, ich glaube, das war schon am Anfang von CD 3, mit zehn Jahren, durfte ich Galileo schauen. Das war der Wahnsinn!, sagt Leo.

Sie erinnert sich an die Details, als wolle sie die Zeit niemals vergessen, so schön, so besonders, so selten.

Der Wohnzimmertisch, an dem sie saßen, war immer vollgestellt, viele Gläser, überall lag was, niemand räumte auf. Es war klebrig, pappig, aber es war eine schöne Zeit, gemeinsame Zeit.

Manchmal kommt es mir vor, als stelle Leo diese Zustände wieder her, sagt Gunda. Leo räumt dann ihre Sachen unters Bett statt weg, sie lässt Essensreste im Zimmer liegen oder benutzte Wäsche. Dann riecht es, und wir werden Detektive, versuchen herauszufinden, woher es kommt. Es gelingt ihr nicht, Ordnung zu halten, es ist das alte System.

Gunda, fragt Leo, was hast du für diesen Text über mich erzählt?

Ich habe gesagt, dass wir viele Stolpersteine hatten, erst mit der Hygiene. Dass du nie bewusst gestohlen hast, dass es einen guten Grund hatte, dass der Johannes versucht, mit dir da ranzukommen. Dass manchmal schon die Prinzessin da ist.

Leo lacht, leicht.

Ja, guck, da ist sie ja, die Prinzessin, sagt Gunda.

Im ersten Jahr, als Leo einzog, wurde sie selbstbewusster, Gunda hatte ihr immer und immer wieder gesagt: Du musst nicht mehr ums Überleben kämpfen. Und Leo merkte, diese Beziehungen brechen nicht sofort ab.

Im zweiten Jahr kam sie an und wollte in den Arm genommen werden, und sie kam auch mal und gab einen Kuss.

Im dritten Jahr, sagt Leo, begann ich zu verstehen, dass es normal ist, dass man so was wie ein Trauma hat. Dass man auch mal zurückfällt und sich verhält, wie es früher wichtig war, um zu überleben.

Im vierten Jahr ging Leo oft abends noch nach unten und holte sich heimlich Essen, das macht Leo nun nicht mehr, und sie stellt sich kaum noch als Opfer dar. Leo sagt nun manchmal, was sie braucht, was sie sich wünscht.

Und einmal, da hat Leo schon daran gedacht, wie es wohl ist, wenn sie 25 ist. Sie stellte sich eine gemütliche, kleine Wohnung vor, mit vielen Kissen.