Wunderbare Wochen der Lektüre und des Staunens: Einen solchen geistigen Reichtum gab es also einmal! Über 600 Freundesbriefe wechselten der berühmte Bonner Romanist Ernst Robert Curtius und der Zürcher Literaturkritiker Max Rychner zwischen 1922 und 1955. Als George Steiner vor einiger Zeit "die Vorherrschaft des Sekundären und Parasitären" attackierte und Botho Strauß ihm assistierte mit dem Bild von den Kletterpflanzen, die den Baum schließlich sterben lassen, da ließ sich diesem harschen Befund kaum widersprechen. Betrachtet man ihn jedoch im Spiegel des von E. R. Curtius und Max Rychner geführten Briefgesprächs über Literatur und auch der von beiden praktizierten Literaturkritik, werden Begriffe wie Primäres und Sekundäres obsolet, und man begreift Literaturkritik wieder als jene Form der Literatur, deren Gegenstand die Literatur ist.

Während E. R. Curtius, der früh zum geistigen Hochadel Europas zählte, vielen noch ein klingender Name sein mag, muss man heute sogar Literaturkritikern erst erklären, wer Max Rychner war. Dabei sollten doch dessen Bände mit Essays und Kritiken (unter anderem Welt im Wort, Sphären der Bücherwelt, Arachne) für jeden über Literatur Schreibenden zur Grundausstattung zählen. Thomas Mann rühmte Rychner als "bestschreibenden Eidgenossen", T. S. Eliot druckte seine Essays in der Zeitschrift The Criterion nach, und so unterschiedliche Autoren wie Hugo von Hofmannsthal, Paul Valéry, James Joyce, Robert Walser, Rudolf Borchardt, Walter Benjamin, Max Kommerell, Siegfried Kracauer, José Ortega y Gasset, Aldous Huxley oder Marcel Jouhandeau waren stolz, in der von Rychner geleiteten Zeitschrift Wissen und Leben (die von 1926 an Neue Schweizer Rundschau hieß und der Neuen Rundschau den Rang ablief) vertreten zu sein. Apropos Robert Walser: Noch als der ein von fast allen Verkannter war, verlieh ihm Rychner bereits den Ehrentitel "Shakespeare des Prosastücklis", darauf muss man erst mal kommen!

Max Rychner trat, auch als er von 1939 bis 1962 das fabelhafte Feuilleton der vom Migros-Erfinder Gottlieb Duttweiler gegründeten Zeitung Die Tat leitete, nie als Großkritiker auf, aber er war ein großer Kritiker, bei dem Intellekt und Instinkt eine gelungene Symbiose bildeten. Walter Benjamins Forderung an den Literaturkritiker, sich Bücher wie ein Kannibale vorzunehmen, war nicht in seinem Sinn, er näherte sich ihnen eher als Schatzgräber. Immer zur Bewunderung bereit, stellte er doch höchste Ansprüche an jedes Buch und maß es an der großen Überlieferung des alten Wahren.

Dass dieser mit fast jedem Nebenweg vertraute Wanderer durch die Weltliteratur unnachahmlich elegant zu formulieren verstand, zeigen schon Auftaktsätze seiner Essays wie dieser: "Lichtenberg, dem die Natur einen Buckel zu tragen gab, ist schräg in der Welt gestanden und hat sie unter vielfachen Winkeln der Fragwürdigkeit gesehen." Auch die Gabe graziöser bis bissiger Ironie stand Rychner in hohem Maße zur Verfügung, so wenn er Ernst Jünger vorstellt als "ausgerüstet mit der elementaren Erfahrung der Materialschlachten und mit dem Sturmgepäck einer knappen Bildung". Von Max Bense sagt er: "Er wuchert mit seinem Pfund, als wäre es ein Kilo." An Heidegger richtet er die Frage, um wie viel näher man dem Seienden im Schwarzwald sei.

Max Rychner hielt sich wenig mit dem Stoff eines Buches auf, er erging sich nicht, wie heute bei Literaturkritikern fast üblich, in öden Inhaltsbeschreibungen, sondern spürte "dem Gang des Geistes von Wort zu Wort" nach, also der Sprache, die ihm nicht als Neben-, sondern als die Hauptsache galt. Sein absolutes Gehör für wirkliche Dichtung befähigte ihn zu bedeutenden Entdeckungen. So druckte er schon in den dreißiger Jahren Günter Eich und Gertrud Kolmar und stellte 1948 den gerade aus Rumänien emigrierten Paul Celan in der Tat mit ersten Gedichten vor, obwohl diese seiner eigenen, eher klassizistischen Lyrik doch sehr fremd sein mussten. Die akademische Karriere verweigerte Rychner, weil ihn, der blutjung schon mit Hofmannsthal, Valéry oder Gide verkehrte, nie ein Professor "angezündet" hatte, wie er 1951 an E. R. Curtius schrieb: "Vielleicht wärst Du der Lehrer gewesen, auf den ich hoffte." In Rychners Essay Bewundern heißt es: "Man entzündet sich an dem Bewunderten." Wohl wahr, dass ihn die großen Gestalten der Vergangenheit meist mehr entzündeten als jene der Gegenwart, von Hofmannsthal zurück über Goethe bis zu Dante und Vergil. Und so wie Dante den Segen Vergils erflehte, erflehte Rychner den Goethes, der zum Zentralgestirn seines Lebens wurde. Mit Grillparzer konnte er von sich sagen: "Ich betete Goethe an."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015.

Es war nicht zuletzt diese Goethe-Liebe, die ihn mit dem 13 Jahre älteren E. R. Curtius verband, mit dem er dazu die frühe Fixierung auf Frankreich teilte. "Wir sind, wie jeder rechte Mensch, in Frankreich verliebt, von Deutschland erfüllt und für Europa geboren", schrieb Rychner 1927 an Curtius. Wir verdanken Curtius neben einem bis heute unübertroffenen Buch zu Balzac auch jenes über Die literarischen Wegbereiter des neuen Frankreich, das 1919 dem durch die Niederlage verzerrten teutonischen Blick ein anderes Frankreich-Bild entgegenhielt, das bestimmt war von Romain Rolland, Paul Claudel, Charles Péguy, Paul Valéry und André Gide, mit dem Curtius eine enge Freundschaft verband. Rychner wiederum wurde durch seine Essays über Valéry und seine großartige Übersetzung des Monsieur Teste zum Herold für Paul Valéry im deutschen Sprachraum. Auch übertrug er Werke von Jean Giraudoux und Valéry Larbaud, zwei seiner Favoriten (ein Foto von Giraudoux stand bis zuletzt auf seinem Schreibtisch). Dass Curtius wie Rychner früh dem Zauber Prousts verfielen, mit dem Curtius noch korrespondiert und über den er einen wegweisenden Essay geschrieben hatte, davon zeugen viele Spuren in ihrem Briefwechsel. Kein Wunder, dass Curtius’ Assistentin Eva Rechel-Mertens später erstmals Prousts Riesenwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit vollständig übertragen hat.

Auch wenn Curtius für die Chilenin Gabriela Mistral warb (die später zu Nobelpreisehren kam) oder schon 1927 T. S. Eliots The Waste Land übersetzte, war sein Horizont wie der Rychners ein eng europäischer. Zwar ließen beide "die Pyrenäen nie als spanische Wand gelten" (Max Rychner) und drangen mit den Jahren und zunehmender Begeisterung tief in die iberische Kultur ein (so übersetzte Curtius etwa die Gedichte von Jorge Guillén), aber aus dem Osten Europas kam ihnen kaum Licht. Dostojewskis Diktum "Ich will keine Harmonie, lieber bleibe ich in meinem unstillbaren Zorn" war für die beiden "Arkadier" und Verehrer Goethes, die sich an dessen Maxime "Nur kein düster Streben!" hielten und den Sinn der Kunst darin sahen, Schönheit zu schaffen, unannehmbar, wenn auch Dostojewskis religiöse Inbrunst zumindest bei Curtius, den es immer wieder zum Katholizismus zog, eine Saite anrührte.

"Vielleicht ist Unersättlichkeit mein Hauptlaster", schrieb Curtius 1925 an den Freund. Diese bewies sich mit den Jahren immer weniger in der Suche nach dem Neuen als nach dem verschütteten Alten, das ihm im Sinne Goethes – "Jeder sei auf seine Art ein Grieche! Aber er sei’s" – zum Neuen wurde. Curtius vergrub sich in die Antike und studierte Dante, der "die verwitterte Römerstraße von der antiken zur modernen Welt freigelegt" hatte, nachdem die Kleriker des "lateinischen Mittelalters" die antike Tradition nur scholastisch dürftig konserviert hatten. An Rychner schreibt er 1932: "Für uns historieverwandten Traditionalisten ist die Gegenwart einfach um dreitausend Jahre weiträumiger als bei den Fortschrittlern." Die zwei Jahrzehnte währende Arbeit an seinem Opus magnum Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, die Curtius nach 1933 zugleich Distanz zum Ungeist der neuen Machthaber erlaubte – das nach dem Untergang des Nazireichs 1949 erschienene Werk las Ulrich Raulff geradezu als "Vermächtnis und Legitimation der inneren Emigration" –, hat im Briefwechsel der beiden Freunde vielfach Spuren hinterlassen, auch wenn sich Curtius der Zensur wegen oft einer Sklavensprache bedienen musste. In den Kriegsjahren verstummte er fast ganz. Nur bei seinen wenigen Aufenthalten im Ausland konnte er deutlich werden, so schreibt er im August 1938 aus dem schweizerischen Mürren: "Noch graut mich bei dem Gedanken, bald wieder nach Dld zu müssen. Die Versklavung unseres Volkes macht reissende Fortschritte."

Ganz wohl ist einem bei Curtius’ Rückzug in den Elfenbeinturm seines Mediävalismus so wenig wie bei der ungebrochenen Geistgläubigkeit der beiden Freunde, die auch noch nach 1945 an eine überzeitliche Tradition des europäischen Geistes glaubten und nicht einsehen wollten, dass Bildung und Humanismus vor der Barbarei völlig versagt hatten. Geradezu bestürzend sind in ihren Briefen manche antisemitischen Untertöne, meist in Urteilen über minder geschätzte Kollegen. Nur fünf Jahre nach Auschwitz bringt Curtius es fertig, zu schreiben: "Sils (Maria) wäre ganz vollkommen, wenn nicht so viele Juden in der Gegend wären." Es macht die Sache nicht besser, dass einige Juden zu den engsten Freunden von Curtius und Rychner zählten.

Rom war Curtius’ Sehnsuchtsstadt, und immer, wenn ihm ein Aufenthalt dort vergönnt war, wechseln seine Briefe in eine höhere Tonlage, bei der noch ein Vibrato hinzukommt, wenn Curtius, der Stefan Georges Fängen knapp entwischt war und lange als Hagestolz galt, dort mit seiner jungen Verlobten weilte. Die Briefe des spät Verliebten, der von allen Freunden wohl nur Max Rychner so tief in sein Herz sehen ließ, haben etwas rührend Kindliches und versöhnen ein wenig mit dem zunehmenden Unverständnis, mit dem der alte Curtius großen Gegenwartsautoren begegnete (Beckett fand er "kotzenswert"). Fünf Tage nach seinem 70. Geburtstag, an dem Rychner noch bei ihm war, starb Curtius im April 1956 in einer römischen Klinik. Schon 1928 schrieb ihm Rychner: "Worin wir uns gleich sind, worin verschieden – das verliert an Bedeutung vor der Tatsache, dass wir zusammen etwas sind, ( ...) was einmal und nie mehr ist und sein wird."

Ernst Robert Curtius/Max Rychner: Freundesbriefe 1922–1955. Herausgegeben und kommentiert in Zusammenarbeit mit Claudia Mertz-Rychner von Frank-Rutger Hausmann; Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2015; 910 S., 198,– €