DIE ZEIT: Herr Spohr, im Alltag eines Vorstandschefs geht es selten um Leben oder Tod. Wie sind Sie damit umgegangen?

Carsten Spohr: Der Verlust des Germanwings-Fluges 4U9525 hat alles andere relativiert und lässt auch heute noch alles andere in den Hintergrund treten. Es war das Unglück mit den meisten Todesopfern in der Geschichte der Bundesrepublik. Ich hielt es damals für selbstverständlich, sofort zur Absturzstelle zu fliegen, und habe Angehörige getroffen. Wenn Sie der Elterngruppe einer ganzen Schulklasse aus Haltern, deren Kinder umgekommen sind, gegenübertreten, dann vergessen Sie das nicht. Dagegen verblassen wirklich alle alltäglichen Probleme.

ZEIT: Es lässt Sie nie wieder los?

Spohr: Das ist sicher so. Ich werde derjenige bleiben, der an dem Tag Lufthansa-Chef war, als sich die Tragödie ereignete. Das gehört nun zu meinem Leben. Aber was ist das schon im Vergleich zu dem Leid der Angehörigen, die einen geliebten Menschen verloren haben?

ZEIT: Ist da kein Impuls, es hinter sich zu lassen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015.

Spohr: Natürlich wünschte ich, so wie alle Kolleginnen und Kollegen, es wäre nie geschehen. Ganz sicher. Aber abstreifen? Nein. Auch weil ich überzeugt bin: Der Lufthansa-Konzern hat angesichts der tragischen Ereignisse schnell und kompetent reagiert und sofort die Betreuung der Angehörigen in den Mittelpunkt gestellt, selbst wenn nicht alles perfekt war. Nach dem fürchterlichen Versagen eines Einzelnen hat Germanwings mit der Unterstützung der gesamten Lufthansa-Gruppe versucht, sich bestmöglich um Familien und Freunde der Opfer zu kümmern, um das Leid zu mindern.

ZEIT: Denken Sie heute anders übers Fliegen?

Spohr: Nein. Seit ich als Führungskraft vor Mitarbeitern spreche, betone ich, dass Sicherheit unsere oberste Maxime ist. Danach kommt in der Prioritätenliste der Lufthansa lange nichts. Ich habe das seit Jahrzehnten verinnerlicht. Menschen vertrauen uns ihr Leben an, wenn sie bei uns einsteigen.

ZEIT: In den ersten Stunden nach dem Absturz war vollkommen unklar, was passiert war, die Lage war unübersichtlich. Wie haben Sie reagiert?

Spohr: In so einer Situation erwarten die Menschen Kompetenz und ehrliche Information. Als ehemaliger Pilot und weil ich die A320 früher selbst geflogen habe, fühlte ich mich durchaus in der Lage, die mir vorliegenden Informationen einzuschätzen. Das hilft.

ZEIT: Was war in diesen Stunden Ihr Ziel?

Spohr: Sie spüren die Erwartungen der Menschen – der Angehörigen, der Mitarbeiter und Kunden. Unsere Gäste wollten ja am nächsten Tag auch wieder ins Flugzeug steigen und überzeugt sein, dass Fliegen trotzdem das sicherste Verkehrsmittel ist. Und so ist es auch gekommen. Wir haben keinen Einbruch in den Buchungen erlebt und auch kein Misstrauen unserer Kunden. Das beweist: Substanz, Fokus und Verantwortungsgefühl werden in kritischen Situationen essenziell.

ZEIT: Psychologen sprechen von "Resilienz", wenn jemand auch in schlimmsten Situationen innerlich gefestigt bleibt. Wo kommt das bei Ihnen her?

Spohr: Ein inneres Wertesystem ist absolut elementar für Führungsaufgaben. Dieses geht sicher bis auf die Erziehung durch das Elternhaus zurück.

ZEIT: Was haben Ihnen Ihre Eltern mitgegeben?

Spohr: In meiner Kindheit und Jugend haben meine Eltern mir vermittelt und vorgelebt, dass Leistung eine große Rolle spielt. Und es war meinen Eltern wichtig, dass man eben nicht nur auf das Beste für sich persönlich fokussiert bleibt, sondern dass man auch Verantwortung für andere übernimmt. Im Sport genauso wie in der Schule.

ZEIT: In welchem Sport?

Spohr: Ich habe als Jugendlicher gerudert. Da gibt es nichts, womit Sie mangelnde Leistung kaschieren können. Da hilft kein flotter Spruch und kein schickes Trikot. Ich habe damals viel gelernt. In einem Achter merkt man sehr genau, wer wie stark pullt – und wer einen Krebs fängt, macht das Rennen für alle kaputt. Es geht um Substanz. Und das ist kein schlechter Grundsatz für die Übernahme von Verantwortung.

ZEIT: Wie haben Sie die Medienberichterstattung in den Tagen nach dem Absturz wahrgenommen?

Spohr: Wir sind insgesamt sehr fair behandelt worden. Ich kann mich eigentlich nur an einen richtigen Ausreißer erinnern ...

ZEIT: Sie meinen die ZEIT?

Spohr: Stimmt. (lächelt)

ZEIT: Wir haben in der Woche des Absturzes eine Titelgeschichte mit der Zeile Absturz eines Mythos veröffentlicht. Inhaltlich stellte das Titelpaket Fragen nach der Sicherheit und zeigte als Bild einen Kranich im Sinkflug. Haben Sie das in diesen Tagen überhaupt wahrgenommen?

Spohr: Natürlich habe ich das. Aber ich bin nicht nachtragend. Wäre ich zutiefst empört, säßen wir heute nicht für dieses Gespräch beisammen. Aber damals war ich, ehrlich gesagt, enttäuscht, ich lese seit meinen Studententagen die ZEIT und hätte so etwas nicht erwartet.

ZEIT: Der Absturz geschah an einem Dienstag, unserem Redaktionsschluss. Auch an der Spitze Ihres Hauses war der Schock groß, denn bis dahin war quasi unvorstellbar, dass Ihnen so ein Unglück passieren könnte. Deshalb diese Zeile. Erst nach unserem Redaktionsschluss wurde bekannt, dass der Co-Pilot das Unglück herbeigeführt hatte. Sie können sich vorstellen, dass sich jeder bei uns einen anderen Titel gewünscht hätte.

Spohr: Die Lufthansa steht seit 60 Jahren für Verlässlichkeit, für technische und fliegerische Kompetenz. Das Ansehen der Lufthansa-Gruppe ist daher durch das Verunglücken des Germanwings-Flugzeuges nicht abgestürzt. Entscheidend sind die Umstände des konkreten Falls. Ein Teil meiner Aufgabe nach dem Unfall war es daher, wenn Sie so wollen, eben den "Absturz eines Mythos" zu verhindern.