DIE ZEIT: Eaiddhi, das war ein ziemlich aufregendes Jahr in Myanmar. Vor ein paar Jahren wurde das Land von einer Militärjunta regiert, diesen November fanden die ersten freien Parlamentswahlen seit Langem statt. Die Partei der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die fast 15 Jahre lang unter Hausarrest gestanden hatte, holte die absolute Mehrheit. Wie haben Sie dieses Jahr erlebt?

Eaiddhi: Das Land verändert sich wirklich rasend schnell. In Yangon schießen neue Hotels und Wohngebäude aus dem Boden, die Stadt sieht jetzt ganz anders aus als früher. Auch das soziale Leben hat sich total gewandelt. Der Kapitalismus hat Einzug gehalten. Alle sind jetzt viel beschäftigter als vorher. Sie nutzen Soziale Medien, die SIM-Karten kosten weniger ...

ZEIT: ... früher waren die in Myanmar wahnsinnig teuer ...

Eaiddhi: ... und das Internet ist schneller. Unsere Songtexte werden nicht mehr zensiert. Im Filmgeschäft gibt es die Zensur noch immer, doch sie ist weniger streng als zuvor. Wie alle anderen bin ich jetzt erst mal sehr gespannt auf den Wandel, den die neue Regierung bringen wird.

ZEIT: Was haben Sie am Tag der Wahl gemacht, am 8. November?

Eaiddhi: An diesem Tag arbeitete ich als Tontechniker für einen finnischen Journalisten, der einen Dokumentarfilm über die Wahl drehte. Am Morgen besuchten wir das Wahllokal, in dem Aung San Suu Kyi ihre Stimme abgab. Danach fuhren wir zu weiteren Wahllokalen, um zu schauen, wie die Stimmung dort war. In einigen durften die Menschen nicht abstimmen, weil ihre Namen nicht im Wählerverzeichnis vermerkt waren. Die meisten von ihnen arbeiten außerhalb von Yangon und waren nur in die Stadt zurückgekommen, um zu wählen. Daher hatten sie vorher nicht prüfen können, ob ihre Namen auf der Liste standen. Kann sein, dass es nur ein Fehler war. Jedenfalls durften am Ende einige von ihnen abstimmen, andere aber nicht. Die waren total wütend, weil sie das Gefühl hatten, dass sich niemand um sie kümmerte. Am Abend filmten wir, wie die Stimmen ausgezählt wurden, und das wirkte ziemlich fair. Die Mitarbeiter zählten die Stimmen direkt vor den Leuten, die gekommen waren, um zuzuschauen. In jedem Wahllokal, das wir besucht hatten, hatte die National League of Democracy ...

ZEIT: ... Aung San Suu Kyis Partei ...

Eaiddhi: ... 90 Prozent der Stimmen geholt. Ich konnte sehen, wie stark der Wunsch nach einem Wandel war. Die Menschen glauben wirklich sehr an diese Wahl.

ZEIT: Neben Ihrer Arbeit als Tontechniker organisieren Sie Untergrundkonzerte. Ist das jetzt leichter geworden?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015.

Eaiddhi: Seit 2012 organisiere ich mit meinem besten Freund eine Konzertreihe unter dem Namen "JAM IT". Einerseits ist das ein wenig leichter geworden, weil wir jetzt auf der Bühne singen können, was wir wollen, und uns nicht mehr so viele Sorgen machen müssen wie früher. Andererseits ist es noch immer ein großes Problem, Veranstaltungsorte zu finden. Jedes Mal, wenn wir einen Gig organisieren wollen, brauchen wir eine Genehmigung der Stadtverwaltung von Yangon. Wenn du ein Konzert in einer Bar oder einem Club veranstaltest, brauchst du das normalerweise nicht. Doch so viele Clubs und Bars, in denen wir Konzerte ausrichten könnten, gibt es gar nicht. Wir würden gern mal was an einem ungewöhnlichen Ort machen, in einem Lagerhaus zum Beispiel. Doch die Erlaubnis dafür bekommst du nie! Sie gestatten dir das nur an den üblichen Plätzen, doch dafür haben wir einfach nicht genug Geld. Wir hoffen, dass auch das unter der neuen Regierung einfacher werden wird.

ZEIT: Wie verändert sich die Musikszene in Myanmar? Fließt jetzt viel ausländisches Geld ins Land?

Eaiddhi: Ich habe gehört, dass internationale Musikkonzerne jetzt in die myanmarische Musikindustrie investieren wollen, doch ich glaube, das gilt nur für die Mainstream-Szene. Die Independent- oder Underground-Szene ist noch immer ziemlich klein und bekommt keine Unterstützung. Jede Band macht alles selbst, deshalb haben wir unsere "JAM IT"-Reihe gestartet, um ihnen zu helfen. Doch es ist noch immer zu wenig.

Es gibt keine Zensur von Songtexten mehr, wenn du aber die Regierung beleidigst, bekommst du Ärger. Ich habe erlebt, dass ein paar Leute wegen ihrer Facebook-Posts verhaftet wurden.

Die Menschen sind noch immer vorsichtig, deshalb hat sich die Musikszene nicht so sehr verändert, obwohl es keine Zensur mehr gibt. Nur ein paar Underground-Bands singen über Politik.