Nein, ein Treffen in seinem Büro sei leider nicht möglich, lässt René Brülhart im Vorfeld wissen. Nein, er könne sich nicht einladen lassen, sagt der Präsident der vatikanischen Finanzaufsicht nach dem Gespräch in der Universal Bar, einem Restaurant in der Nähe des Petersplatzes. Und nein, Fotos vom Gebäude dürfe man nicht machen, sagt er, als man später mit ihm den Kirchenstaat betritt und vor dem ockerfarbenen Palazzo San Carlo steht. Dort, im ersten Stock, residiert seine Behörde. Einen Blick auf die verzierte Haustür aus dunklem Holz erlaubt der Mann noch, dann ist Schluss.

René Brülhart ist kein Apparatschik. Der Schweizer hat viel dazu beigetragen, dass die Finanzreformen an der Spitze der katholischen Kirche vorangekommen sind. Doch er weiß, dass das Erreichte noch fragil und das Ringen mit den konservativen Kräften nicht vorbei ist. Da sollte einer, der neue Grundsätze einführt, besser selbst welche haben.

Freitag vergangener Woche, ein strahlend schöner Wintertag in Rom. Auf der Via della Conciliazione, die zum Petersdom führt, schlendern Touristen und Pilger. Brülhart ist morgens erst eingeflogen, am Abend wird er wieder in eine Maschine steigen, doch dazwischen ist Zeit für ein Treffen. Also, die jüngsten Skandale (siehe Kasten), das Jahr 2015 – war das ein Rückschlag auf dem Weg zu einem sauberen Vatikan?

Nein, sagt Brülhart: "Der Weg ist vorgegeben. Zwischendurch stößt man auf Steinchen, manchmal auch auf Steine, gewiss, doch die Arbeit schreitet vorwärts." Er verweist auf das Lob, mit dem der Europarat gerade die Bemühungen bedacht hat. Brülhart ist klar, dass der neue Trubel bei Gläubigen Fragen aufwirft und bei manchen Medien Schnappatmung auslöst, doch beirren lässt er sich davon nicht. "Ich gebe zu einzelnen Fällen keine Auskunft", sagt er zur Aufregung um den Monsignore, der in seinem Büro ein paar Tausend Euro in bar versteckt hatte. Für Brülhart ist jeder Fall, der zutage tritt, zunächst eher ein Beleg für den Erfolg der Reformen, weniger für deren Scheitern. Wer aufräumt, wirbelt Staub auf.

So war das Institut für die religiösen Werke (IOR), das gemeinhin nur als Vatikanbank bekannt ist, über viele Jahre in Geldwäsche, Steuerhinterziehung oder Geschäfte der Mafia verwickelt. In seiner Geschichte finden sich ein Banker, der tot an der Blackfriars Bridge in London endete, ein sinistrer Geistlicher, der hinter dem Rücken der Führung ein System geheimer Konten führte, und ein Chef, der lange als Saubermann auftrat, aber heute verdächtigt wird, von trickreichen Immobiliendeals profitiert zu haben.

Wer bedenkt, dass Posten oder Aufträge im Vatikan zudem auch lange Zeit gern danach vergeben wurden, wer die besten persönlichen Beziehungen oder am meisten Geld zum Bestechen hatte, der ahnt: Der kleinste Staat der Welt ist vermintes Gelände.

Papst Benedikt XVI. wollte das ändern. Kenner glauben, dass er 2013 zurücktrat, weil er merkte, dass ihm die Kraft für den Kampf mit der römischen Kurie fehlte. Es kam Franziskus, der sofort mit Elan an die Sache ging, denn wie soll sich die katholische Kirche glaubhaft für die Armen einsetzen, wenn sie in ihrem Innersten Schwarzgelder, Korruption und Luxus duldet? Jenseits der Mauern erfreut das viele, doch andere lässt es um ihr Ansehen, ihr Geld oder auch mehr fürchten. Ergebnis ist ein Kampf, der teils mit harten Bandagen geführt wird. So suchten 2014 Einbrecher das Hauptquartier der Reformer heim. Später wurden dort Abhörwanzen entdeckt.

Wer René Brülhart auf diese Geschichten anspricht, erntet ein vielsagendes Lächeln. "Wer Veränderungen einleitet, stößt nicht überall auf Gegenliebe", sagt er dann, als ginge es nur um die Schließung einer Sparkassenfiliale. Um die eigene Sicherheit sorge er sich nicht: "Ich bin hier, um meine Arbeit zu tun." Der 43-Jährige strahlt Ruhe aus. Sorgen um die Arbeit macht er sich aber doch: Vor den Fenstern im ersten Stock des Palazzo San Carlo hängen Gitter. "Die haben wir anbringen lassen", sagt er.

Heute ist er nur noch einem Rechenschaft schuldig – und das ist der Papst

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015.

Geboren in der Schweiz, hat Brülhart in Fribourg Jura und Kirchenrecht studiert. 2001 landete er in Liechtenstein, wo er bald als Chef der Geldwäschemeldestelle mithalf, den angekratzten Ruf des Fürstentums aufzupolieren. So führte ihn ein Finanzkonstrukt einmal auf die Spur eines Flugzeugs, das dem 2003 gestürzten Regime von Saddam Hussein zuzurechnen war. Brülhart fand die Maschine, im jordanischen Amman, und war an Bord, als sie nach Basel geflogen wurde, wo man sie später Vertretern des Iraks übergab. Dann half seine Behörde dabei, die Korruptionsaffäre bei Siemens aufzudecken. Und während des Arabischen Frühlings ließ er Gelder der früheren Regierung Mubarak einfrieren.

2012 wollte der Mann mit den markanten Zügen einer kleinen Unternehmensberatung beitreten, deren Mitglieder teils viele Jahre bei der CIA waren. Ein Anruf des Heiligen Stuhls kam ihm dazwischen: ob er bereit sei, beim Kampf gegen Geldwäsche zu helfen? Wer sich meldete, will Brülhart nicht verraten. Nur so viel: "Meine einzige Frage war: Gibt es die politische Unterstützung, das durchzuziehen? Dies wurde bejaht – und es ist Wort gehalten worden."