Machen wir uns nichts vor: Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie zu Weihnachten entweder einen Schal verschenkt oder einen geschenkt bekommen haben, ist auch dieses Jahr wieder hoch. Sehr hoch.

Das Schöne: Diesmal ist es kein Problem.

Denn der Schal ist das Accessoire nicht nur der Stunde, sondern des ganzen Jahres.

Es war ein hartes Jahr, auch in Hamburg. Flüchtlingsnot. Olympiaschlappe. Umsatzeinbruch im Hafen. AfD-Einzug in die Bürgerschaft. Die letzten Monate waren alles andere als flauschig.

Deshalb der Schal, am besten in XXL, ein sogenannter Deckenschal.

Ein Schal, so groß wie ein Plaid oder eine Tischdecke.

Das erfolgreichste Trendutensil für den Norden seit Erfindung des Gummistiefels. Die stimmigste Garderobenergänzung für hiesige Wetterlagen seit Erschaffung des Friesennerzes.

Wenn Sie so einen Riesenschal verschenken oder geschenkt bekommen, sind Sie auf der sicheren Seite – in modischer und politischer Hinsicht.

Wer nun sagt, das sei aber ein bisschen grobmaschig formuliert, der soll sich bitte umsehen: überall Frauen und Männer mit riesigen Stoffdekorationen am Hals. Früher gab es solche Exemplare nur auf den Titelseiten der Apotheken-Umschau. Thema: Grippeprophylaxe. Wenn Männer Schals trugen, waren sie entweder krank oder Fußballfans oder beides. Jetzt tragen Männer quasi die gleichen Schals wie Frauen, Schals in Plus-Size, wie die Textilwirtschaft dazu sagt. Schals im Format eines Vorhangs.

Mode ist ein Spiegel der gesellschaftlichen Realität. Sie bringt Bedürfnisse und Ängste zum Ausdruck, übersetzt Gefühle in Form. Was wünschen wir uns zurzeit am meisten? Wärme, Trost, Geborgenheit. All dies bezeichnet der Schal in XXL.

Wenn die Verhältnisse immer rauer und kantiger werden, dann müssen wir uns polstern. Man kann das in den besseren Vierteln sehen, in Eppendorf zum Beispiel, wo alle, vom Dekoshop über den Friseur bis zur Papeterie, ihre Auslagen mit Kissen vollstopfen, als seien es keine Schaufenster, sondern Ruhezonen für dekadente Haustiere.

Man kann es an den Steppjacken erkennen, die nun alle tragen; es wirkt, als habe man eine Heizdecke platt gedrückt und ihr dann Ärmel angenäht.