"Wir schaffen das." Wenn es einen Satz des Jahres gegeben hat, dann diesen. Gesagt hat ihn Angela Merkel am 31. August, und er hatte mit Flüchtlingen zu tun. Den Satz selbst hat die Bundeskanzlerin allerdings bei US-Präsident Barack Obama abgeschaut. Und der hat sich beim britischen Zeichentrickmännchen Bob der Baumeister bedient: "Yes we can!", trällert der.

Können wir, packen wir, schaffen wir. Schaffenssätze verströmen Tatendrang und Optimismus. Sie passen perfekt zum Jahr 2015, dem Jahr der Ratlosigkeit, und wirken wie universelle Antworten auf große Fragen. Ob globale Wanderungsströme, die Zukunft der Euro-Zone oder der Zustand der deutschen Wirtschaft: Wir schaffen das-Sätze funktionieren, weil sich jeder selbst ausmalen kann, was genau geschafft werden soll, wie das erreicht werden könnte und wer mit "wir" eigentlich gemeint ist. Ihre beliebige inhaltliche Dehnbarkeit macht solche Aussagen so ungemein praktisch.

Deswegen gibt es ja auch so viele davon. Schaffenssätze und andere Phrasen haben 2015 abermals den öffentlichen Diskurs geprägt. Einzeln unauffällig, verraten sie zusammengeführt viel über den Zustand eines Landes, in dem der Klang des Gesagten manchmal entscheidender ist als die Substanz. Reflexhaft folgt eine Floskel auf die nächste, ebenso routiniert wie erwartbar. Deswegen enden viele Debatten so unbefriedigend. Das ganze Jahr lässt sich anhand von Phrasen erklären. Man muss dazu nur die unverbindliche Zuversichtlichkeit des "Wir schaffen das" durch eine naheliegende Gegenfrage erschüttern: "Und was, wenn nicht?"

Eine klare inhaltliche Antwort ist nicht unbedingt zu erwarten. Wohl aber eine ähnlich leere Replik, denn Bedenken ziehen zuverlässig den Hinweis auf diesen genetisch verankerten Pessimismus nach sich, den es nur hierzulande gibt. Die German Angst wurde erst vor Tagen wieder einmal bestätigt, diesmal von der Stiftung für Zukunftsfragen. Man findet sie in jeder Debatte, egal, ob über Politik, Technologie oder Geldanlage: Die Deutschen sehen immer nur die Risiken und nicht die Chancen.

So sind sie eben. Beziehungsweise: So will man sie haben. Wenn man Widersprüche abblocken will. Dabei sollten Phrasenfreunde sich über zögerliche Einwände freuen. Bedenkenträger rechnen lediglich mit der Möglichkeit des Scheiterns. Und wenn es in diesem Land an einem ganz besonders fehlt, dann doch genau daran – an einer Kultur des Scheiterns.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015.

Wir haben einfach kein Verständnis für Leute, die patzen. Dabei kommt es nicht darauf an, wie oft man hinfällt, sondern dass man wieder aufsteht. Try again! Fail better! So wünschen sich das die Besucher von Berliner FuckUp-Nights und ähnlicher Schöner-scheitern-Veranstaltungen, in denen man von den eigenen Niederlagen schwärmt und sehnsuchtsvoll gen Westen blickt. Dort nämlich, in den USA, bringt man Verständnis selbst für den größten Versager auf. Nur so kann Großes entstehen.

Kann man so sehen, muss man aber nicht. Geht es etwa um einen Automobilkonzern, der daran gescheitert ist, seine Motoren an geltende Abgasnormen anzupassen, zeigt sich die Bundesrepublik von ihrer verständnisvollsten Seite. In den Vereinigten Staaten war schnell von existenzbedrohenden Milliardenstrafen die Rede, während das Kraftfahrtbundesamt nicht als früher und scharfer Kritiker von Volkswagen auffiel. "Gründlichkeit geht halt vor Schnelligkeit", hat ja auch ein Sprecher von Volkswagen dieses Jahr wieder gesagt, allerdings in einem anderen Zusammenhang. Stimmt aber auch irgendwie: Man muss die Herausforderungen anerkennen, unter denen Unternehmen ihren Dienst an der Allgemeinheit verrichten. Außerdem ist Nachsicht mit Gescheiterten erstrebenswert. Kulturell betrachtet.

Wer am Kulturwandel scheitert, muss Verantwortung übernehmen

Die Deutschen entlastet ferner, dass der Aktienkurs von Volkswagen seit dem Tiefstand um 30 Prozent gestiegen ist. Schön zu sehen: Aus der Zerstörung entspringt neuer Reichtum. Für jene, die im Scheitern (von Volkswagen) eine Chance sahen (für sich). Und alles ohne schlechtes Gewissen. Sie konnten ja nichts dafür. Schuld waren andere.

Sehr viele Menschen haben in diesem Jahr Verantwortung für etwas übernommen. Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras, Fifa-Präsident Sepp Blatter und wegen der Dieselaffäre auch VW-Vorstandschef Martin Winterkorn. Obwohl er, wie er am 23. September sagte, sich keines Fehlverhaltens bewusst gewesen sei. Vielleicht hat ihm der Aufsichtsrat deswegen noch am selben Tag die übernommene Verantwortung gleich wieder abgenommen. Das Kontrollgremium des größten europäischen Autoherstellers wusste zu diesem Zeitpunkt zwar nicht, was überhaupt passiert ist, wie groß der Skandal war und wer wann was gewusst haben könnte. Felsenfest überzeugt waren die Kontrolleure nur davon, dass der eigene Vorstandschef jederzeit komplett ahnungslos gewesen war. Das wussten sie.