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Am Ende, das auch ein Anfang sein könnte, geht alles ganz schnell. Als die Maschine der Tunisair an Höhe gewonnen hat und über dem Mittelmeer das Anschnallzeichen erlischt, schwenkt Flug TU 744 in Richtung Norden. Als das Frühstück kommt, zieht unten eine Insel vorüber. Und als das Wägelchen der Stewardess leere Tabletts verschluckt und Ismail Ismail, dessen Vorname und Nachname sich gleichen, aus dem Fenster blickt, sieht er zwischen Wolkenschleiern Land. Ob das schon Europa ist?

Ismail sitzt auf Platz 12 F, neben ihm sein Bruder George, am Gang sein Bruder Joseph. Drei Schnurrbartträger um die 50, Hemden in gedeckten Farben, Allerweltshosen aus Polyester, als hätten sie vereinbart, sich so unauffällig wie möglich zu kleiden. In der Reihe vor ihnen spielen drei strandbraune T-Shirt-Touristen aus Stuttgart Karten. Hinter ihnen sagt eine Geschäftsfrau im Kostüm zu ihrem Begleiter: "Ich fliege diese Strecke x-mal im Jahr."

Ismail und seine Brüder sagen nichts. Sie lesen nicht, sie schlafen nicht. Sie schauen still vor sich hin.

Wo ist was in Tel Goran

Ausgangspunkt der Recherche: Ein Luftbild des Dorfes Tel Goran, aufgenommen vor Beginn des Bürgerkriegs. Die farblich hervorgehobenen Einwohner des Dorfes sind die Protagonisten unserer Geschichte.

Kartenmaterial © Google Earth Pro
  • Elias Daschtoheute in Krasnojarsk, Russland

    Salem Daschtoheute in Saarlouis, Deutschland

  • Ebrahim Mersaheute in Chicago, USA

  • Kiosk "Isho’s Shop"

  • Joseph Ismailheute in Saarlouis, Deutschland

  • Ismail Ismail, Vaterheute in Saarlouis, Deutschland

    Georgette Ismail, Mutterheute in Beirut, Libanon

    Toni Ismail, Sohnheute in Saarlouis, Deutschland

    Michel Ismail, Sohnheute in Beirut, Libanon

  • Jimmy Kefarkisheute in Chicago, USA

  • Suheila Abdelahad, Mutterheute in Södertälje, Schweden

    Basem Adam, Sohnheute in Saarlouis, Deutschland

    Bassima Adam, Tochterheute in Beirut, Libanon

    Ekhlas Adam, Tochterheute in Chicago, USA

    Ramyia Adam, Tochterheute in Chicago, USA

  • Schule

  • Mersa Mersa, Vaterheute in Saarlouis, Deutschland

    Abdo Mersa, Sohnheute in Saarlouis, Deutschland

    Ischtar Mersa, Schwiegertochterheute in Beirut, Libanon

    Butros Mersa, Enkelheute in Beirut, Libanon

    Mirjana Mersa, Enkelinheute in Saarlouis, Deutschland

    Mirna und Mira Mersa, Enkelinnenheute in Beirut, Libanon

  • George Ismailheute in Saarlouis, Deutschland

  • Alte Kirche

    Foto: privat

  • Neue Kirche

    Foto: privat

  • Dschamil Goliathheute in Saarlouis, Deutschland

  • Festplatz

    Foto: privat

  • Bürgermeister Joel Zaia, Vaterheute in Saarlouis, Deutschland

    Najma Yokhana, Mutterheute in Saarlouis, Deutschland

    Zaia Zaia, Sohnheute in Göteborg, Schweden

    Hani Zaia, Sohnheute in Chicago, USA

  • Eduard Sawaheute angeblich in Belgien

  • Salem Kefarkis, Vaterheute in Beirut, Libanon

    Gulisar Kefarkis, Mutterheute in Beirut, Libanon

    Samer Kefarkis, Sohnheute in Fairfield, Australien

    Nissan Kefarkis, Sohnheute in Beirut, Libanon

    Sachar Kefarkis, Schwiegertochterheute in Beirut, Libanon

    Mariam Kefarkis, Enkelinheute in Beirut, Libanon

    Zaia Kefarkis, Enkelheute in Beirut, Libanon

Inmitten der Linienflugroutine ist ihnen nicht anzusehen, dass sie auf der Flucht sind, so wie all die Syrer und Afghanen, 36.000 Fuß unter ihnen, auf Booten im Meer. Soll man sagen, die drei haben Glück gehabt? Ein Frühstück in der Economyclass, eine Tasse Kaffee, schon liegt das Mittelmeer hinter einem. Doch wie viel Glück braucht es, um das Pech aufzuwiegen, zum falschen Volk zu gehören, der falschen Religion anzuhängen, zur falschen Zeit im falschen Land zu leben? Ismail Ismails Heimat: überrannt. Sein Haus: geplündert. Er selbst: der Geiselhaft des "Islamischen Staats" entronnen. Jetzt aufgehoben unter denen, die Grenzen nicht überwinden, sondern überfliegen. Für die Reisen kein Schicksal ist, sondern Alltag. Die vielleicht auch mal fliehen, aber nur vor dem schlechten Wetter. Zwischen Menschen wie uns also, den Lesern und Reportern der ZEIT.

Das Verhängnis Ismails und seiner Brüder, seiner Frau, seiner Kinder, seiner Freunde, seiner Nachbarn – fast wäre es unerzählt geblieben. Nur ganz kurz, am 23. Februar 2015, glitt im schnellen Strom der Kriegsberichte, Flüchtlingsfotos, Grenzdebatten diese Eilmeldung durch das Weltbewusstsein: In Syrien hatten Kämpfer des IS urchristliche Gemeinden überfallen. 35 Dörfer, aufgereiht am Ufer eines Flusses namens Chabur, der in den Euphrat mündet. Die Islamisten nahmen 253 Geiseln, unter ihnen Ismail und seine Brüder.

Ismail Ismail wurde nach Deutschland ausgeflogen – ohne seine Frau. © Sven Paustian

Es war noch Nacht, als die drei Männer Monate später, nach ihrer Befreiung, in Beirut ins Flugzeug stiegen. Beim Zwischenstopp in Tunis zeigten wir ihnen ein Foto, ausgedruckt aus dem Internet, ein Satellitenbild von Google Maps. Ein Puzzle aus erdigen Farben. Felder, Wege, Windungen eines Flusses. Am Ende einer schmalen Straße die Konturen eines Dorfes. Mit etwas Fantasie könnte man in diesem Umriss ein Blatt erkennen, wie von einem Baum gefallen.

Joseph und George drehten das Foto ratlos in ihren Händen; mit den Augen eines Satelliten hatten sie den Schauplatz ihres bisherigen Lebens nie gesehen. Ismail aber begriff sofort: Das war Tel Goran, sein Dorf. Er tippte mit dem Zeigefinger auf ein Haus, links oben auf dem Ausdruck. Er führte das Bild an seine Lippen und küsste es, und seine Augen füllten sich mit Tränen.

In tausend kleinen, unscheinbaren Szenen, eine davon an Bord des Fluges TU 744, vollzieht sich ein Exodus der Christen; nicht der erste, aber vielleicht der endgültige. Es fliehen Glaubensgruppen, von denen einige fast so alt sind wie der Glaube selbst. Kopten verlassen den Nahen Osten, Chaldäer, Maroniten. Ismail, Joseph und George sind Assyrer. Drei Angehörige eines weiteren christlichen Volkes, das sich – wie aufgewirbelt vom Weltgeschehen – über die ganze Erde verstreut. Drei Brüder, fortgeweht aus der alten Heimat, dem Zweistromland, wo sich mehr Geschichte schichtet als überall sonst, wo es mehr Völker als Staaten gibt, wo um alles gestritten wird, um Macht, Land, Öl, die Nähe zu Gott.

Flug TU 744 landet auf dem Flughafen Frankfurt. Summend, pingend, klingelnd erwachen Mobiltelefone aus ihrem Koma. Auf den Plätzen 12 D bis 12 F bleibt es still. Wenig später laufen Ismail und seine Brüder im Sog der Reisenden durch einen langen Gang. Einmal stockt der Menschenstrom. George und Joseph zögern, dann betreten sie zum ersten Mal im Leben eine Rolltreppe. Die umstehenden Urlauber mögen denken: Was sind das für Bauern?

Niemand ahnt, dass diese Männer aus der Mitte des Weltgeschehens kommen. Ihre Heimat liegt an den Fronten des syrischen Krieges, wo Kurden mit deutschen Waffen den IS bekämpfen, wo amerikanische, französische und bald auch deutsche Kampfflugzeuge ihre Bahnen ziehen, wo Sunniten auf Schiiten schießen und syrische Rebellen auf Soldaten des syrischen Regimes. Ganze Landstriche sind entvölkert. Chinesische Wissenschaftler haben errechnet, dass der Nachthimmel über Syrien heute 83 Prozent dunkler ist. Im Christendorf Tel Goran brennt kein einziges Licht mehr.

Was geschieht, wenn ein ganzes Dorf aufbricht?

Im Sommer hatten wir begonnen, assyrische Verbände in aller Welt anzuschreiben, Listen mit den Identitäten der Geiseln zu sammeln, nach Versprengten wie Ismail zu suchen. Im Internet zoomten wir uns aus Satellitenperspektive immer näher an den Chabur-Fluss heran – und dann war da Tel Goran. Das Luftbild dieses Dorfes war der Anfang. Wir erfuhren: In guten Zeiten sollen 160 Menschen dort gelebt haben. Heute steht das Dorf leer. Die zwei Kirchen, die Schule, Häuser und Scheunen. Hüllen früheren Lebens, wie leere Muschelschalen am Strand.

Wo sind die 160 geblieben? Was geschieht, wenn ein ganzes Dorf aufbricht, stellvertretend für ein Volk und eine Religion? Entsteht irgendwo ein neues Tel Goran?

Ismails Name war der erste, den wir auf unserem Foto neben ein winziges Hausdach schrieben. So begann die Suche. Sie würde uns auf vier Kontinente führen. Haus für Haus, Name für Name. Nach allem, was wir wissen, ist kein Dorfbewohner gestorben. Aber jeder hat sein Leben verloren.

Deutschland: Der Kartoffelschäler

Basem Adam bedient in einem Kartoffel- Restaurant im Saarland die Schälmaschine. © Sven Paustian

Während in Frankfurt Flug TU 744 erwartet wird, macht sich 200 Kilometer entfernt, im Saarland, ein Mann auf den Weg zur Arbeit. Er hat es nicht weit, drei Minuten nur durch die Fußgängerzone von Saarlouis. Dort, wo die Sonnenstraße die Bierstraße kreuzt, steuert er auf ein Altstadthaus zu. Grauer Stein und Sprossenfenster, wie aus einem Historienfilm. Neben der Tür in Goldbuchstaben das Wort KARTOFFELHAUS. Der Mann betritt das Restaurant so beiläufig, wie Gäste es niemals tun, öffnet eine Tür mit der Aufschrift "Privat" und steigt hinab in einen nackten Keller. Da steht eine Art Fass aus Metall, angeschlossen an Schläuche. Eine Schälmaschine. Das ist Basem Adams erste Aufgabe, an sechs Tagen in der Woche: Er schält den Deutschen die Kartoffeln.

Basem kippt sie hinein, Eimer um Eimer, lässt Wasser dazulaufen, dann rumpelt und dröhnt die Maschine los, als werde sie gleich abheben. Später an diesem Tag werden oben Gäste durch Speisekarten blättern, drei Seiten "Kartoffeln und mehr": Kartoffelpuffer, Kartoffelpizza, Grillkartoffeln, Kartoffelpfanne, Kartoffellasagne. Junge Leute, die einen weichen saarländischen Dialekt sprechen, werden Bestellungen notieren und riesige Teller durchs Lokal balancieren.

Basem Adam, 32 Jahre alt, aufgewachsen in Tel Goran, kann kein Saarländisch. Er kann nicht einmal richtig Deutsch. Sein Wortschatz könnte aus einem Wörterbuch für Küchenhilfen stammen: Salatsauce, Schnitzelteller, Beilage, Abwasch.

Basem verließ Tel Goran noch zu Friedenszeiten. Auch in Syrien zog es junge Leute in die großen Städte. Basem, Sohn der Schneiderin von Tel Goran, ging nach Damaskus, um in der Hauptstadt als Modedesigner zu arbeiten. Auf seinem Computer entwarf er T-Shirts, Kleider und Damen-Oberteile, die viel Bauch frei ließen. Einige Zeit hoffte er, leben zu können wie die digitale Boheme in Berlin, London und New York. Es kam anders. Es kam der Krieg. Sechs seiner Freunde starben bei Bombenanschlägen.

Basem Adam ist ein Mann mit rundem Gesicht, der viel lacht, wenn er seine Geschichte erzählt – aus Höflichkeit, Ratlosigkeit, Schüchternheit. Meist aus Fatalismus. Nach seiner Flucht aus Syrien, über Land und See, strandete er in Saarlouis, weil hier schon andere Assyrer waren. Er begann einen Sprachkurs, brach ihn ab, wegen der Arbeitszeiten. Ein junger Mann, der Modedesigner war, hat sein Leben dem Schichtrhythmus eines Restaurants angepasst.

Wie er das finde? Basem Adam zuckt mit den Schultern. Das sei halt so.

Auf unserem Satellitenbild hatte Basem ein Haus schräg gegenüber von Ismail Ismails Anwesen angekreuzt, an einer schmalen Straße direkt am Fluss. Basem, das Kind, und Ismail, der Erwachsene, sahen sich Tag für Tag. Wenn die Geflohenen sich erinnern an die Jahre, in denen Tel Goran noch nicht leer stand, für sie kein sandfarbenes Satellitenbild war, sondern ein kleiner Kosmos voller Leben, sind die Türen ihrer Häuser stets unverschlossen gewesen, probierten sich Halbstarke auf den Traktoren ihrer Väter, lernte Basem in den seichten Seitenarmen des Flusses schwimmen, angelte Karpfen und grillte sie abends mit seiner Mutter Suheila, einer frühen Witwe.

Einige Väter pendelten in die Städte, als Fliesenleger, Busfahrer, Ingenieure. An den Wochenenden arbeiteten alle auf ihren Feldern. Jede Familie hielt Hühner, Ziegen, manchmal eine Kuh, bewirtschaftete Land, auf dem Weizen, Baumwolle, Tomaten und Wein wuchsen. Heute, auf Handyfotos erstarrt, zeigt sich eine Dorfidylle: Häuser aus hellem Stein, trotzig gegen die Hitze verteidigte Gärten, beschattet von Zedern und Zypressen. Ein genügsames Leben in enger Gemeinschaft, das sich meist unter freiem Himmel abspielte.

Da war Ismail, bei dem abends alle zusammensaßen, in einem weinberankten Pavillon.

Da war Samer, der beim Fußballspielen immer Michael Ballack sein wollte.

Da war Isho’s Shop, "Jesu Laden", in dem es Reis, Waschmittel und Süßigkeiten zu kaufen gab.

Da war der Festplatz vor der Kirche, auf dem sie Hochzeiten und Taufen feierten und manchmal die Nächte durchtanzten.

Und da waren am südlichen Dorfrand vier Brüder, Muslime, die sich als Tagelöhner auf den Feldern der Christen verdingten.

Die Adams und die Ismails in diesem winzigen Dorf: Ihre Vorfahren hatten einst ein Weltreich geschaffen und sich später, bekehrt vom heiligen Thomas, einem der zwölf Apostel Jesu, zum Christentum bekannt. Märtyrer und Missionare trugen ihren Glauben entlang der Seidenstraße bis nach Peking. Wer heute die Gottesdienste der Assyrischen Kirche des Ostens besucht, reist 2.000 Jahre zurück in die Vergangenheit. Die Heiligen Messen werden im alten Aramäisch gehalten, ganz nah an der Sprache Jesu. Gott heißt bei ihnen alaha. Ein Wort, älter als der Islam.

In Tel Goran feierten die Menschen im Frühjahr eda gora, das große Fest: Ostern. Im Winter eda sora, das kleine Fest: Weihnachten. Dann gab es in der nächstgrößeren Stadt Tannenbäume zu kaufen.

Noch zur Jahrtausendwende hatten die Männer im Dorf begonnen, neben ihrer alten Kirche eine neue zu bauen, drei Kuppeln, drei Kreuze, weithin sichtbar. Für einen eigenen Priester war die Gemeinde zu klein, sie musste auf Pfarrer Mosche – deutsch: Moses – warten, der zu Weihnachten von Dorf zu Dorf flussabwärts zog und kurz vor Mitternacht in Tel Goran ankam. Nach der Messe fuhren sie Mosche in einem Boot über den Fluss, wo er am nördlichen Ufer wohnte.

Die große Politik schien sich damals auf einem anderen Planeten zu vollziehen. Einzig im Festsaal der neuen Kirche hingen zwei Porträts: das des alten und das des jungen Assad.

"Im Dorf waren alle gleich. Das ist vorbei."

Als 2011 der Bürgerkrieg begann, lag Tel Goran zunächst fernab der großen Schlachten. Aber im Krieg sind Idyllen trügerisch. Bald liefen Polizisten durch die Straßen, in ihren Händen Einberufungsbefehle. Assads Armee holte sich Toni, Ismails ältesten Sohn, und schickte ihn in die Schlacht um Damaskus. Tonis Freund Bassil bewachte an der Autobahn zwischen Homs und Hama einen Checkpoint, in ständiger Angst vor Autos voller Sprengstoff. Zaia, der Sohn des Bürgermeisters, musste in den Häuserkampf von Aleppo.

Basem ist schon zwei Jahre in Saarlouis, als die Assyrer dort im Februar 2015 beginnen, Appelle zu formulieren und Petitionen zu schreiben. Basem hört, wie seine Bekannten von der Erstürmung Tel Gorans erzählen und dass sie deutsche Politiker um Hilfe bitten. So lange, bis die Regierung des Saarlandes erklärt, einigen Dorfbewohnern Zuflucht zu gewähren – aber nur denen, die am längsten blieben, sich dem IS entgegenstellten, als Geisel genommen wurden und entkamen. Unter ihnen Ismail und seine Brüder. Im Saarland reden Politiker von einer "humanitären Geste". Es ist eine Geste, die Unterschiede markiert. Das Mehr an Leid, das Ismail erfahren hat, erfährt eine wundersame Wandlung, es wird zu einem Privileg: Flug statt Fußmarsch, Aufnahmezusage statt Asylverfahren. Ihre Frauen und Kinder mussten die ehemaligen Geiseln bis auf Weiteres zurücklassen, ob in Syrien, Beirut oder abgelegenen Flüchtlingslagern.

Als Ismail und seine Brüder in Frankfurt landen, warten viele derer am Flughafen, die wochenlang Bittbriefe schrieben. Basem Adam, Ismails früherer Nachbar, bleibt in Saarlouis. "Im Dorf waren alle gleich", sagt er. "Das ist vorbei."

An einem grauen Herbsttag geht Basem in der Mittagspause heim. Er trägt noch sein T-Shirt mit der Aufschrift KARTOFFELHAUS, als er sich in einen Sessel setzt und sein iPad auf den Tisch stellt. Mit geübten Fingern wischt er über das Display und wählt ein Programm namens Viber, mit dem man Videotelefonate in die ganze Welt führen kann. Basem drückt die Telefontaste. Atmet durch. Und weiß, dass gleich in der schwedischen Stadt Södertälje, in einer Straße namens Karlslundsgatan, in einem Hochhaus ein Handy vibriert.

Schweden: Die Mutter

Suheila Abdelahad, Basems Mutter, wohnt in Schweden in einem Hochhaus. © Henning Sußebach

Im zwölften Stock schaut eine Frau stumm aus dem Fenster, als versuche sie ein fremdes Gemälde zu entschlüsseln, das bunt bemützte Kinder mit Eishockeyschlägern an einer Bushaltestelle zeigt. Ihr Handy summt, sie sucht hektisch nach ihrer Lesebrille, läuft zu einem schwarzen Kunstledersofa, greift nach dem Telefon.

"Basem? Mein Lieber! Wie geht es dir?"

"Gut, Mama. Aber mach mal die Kamera an deinem Handy an."

"Ach ja. Wie geht es dir?"

"Das hat du gerade schon gefragt. Wie ist Schweden?"

"Ich habe viele Papiere ausgefüllt. Ich warte jetzt."

"Ja?"

"Ja."

"Gut."

"Ja."

Es gäbe so viel zu erzählen, aber die Aufregung raubt Suheila die Worte. Sie hält das Telefon in beiden Händen wie eine Tasse Tee. Verlegen schweigen Mutter und Sohn sich an, 1.300 Kilometer zwischen sich, zwei Pixelgesichter, die hörbar Atem holen, Zuflucht in Erkundigungen nach Wetter und Essen suchen, sich womöglich auch gestört fühlen von fremden Zuhörern.

Nach zwei langen Minuten fragt die Mutter: "Wann sehen wir uns wieder?"

"Ich weiß nicht, Mama", antwortet der Sohn, "ich muss schauen."

Räuspern, Luftküsse, dann schweben zwei Zeigefinger über dem Symbol mit dem Telefonhörer, einer in Schweden und einer in Deutschland. Es ist Basem, der die Verbindung unterbricht und in der Schwärze von Suheilas Display versinkt. Im Glas spiegelt sie sich selbst, 56 Jahre alt, braune Augen, blondiertes Haar, das gleiche runde Gesicht wie ihr Sohn.

Suheila hat sich acht Tage zuvor von Schleusern nach Schweden bringen lassen. So erzählt sie es einem Dolmetscher, der neben ihr auf dem Sofa sitzt, sie fragt, ihr zuhört und sich eilig Notizen macht, weil so viele Namen von Verwandten und Orten fallen. Suheila, die Mutter, hat in den vergangenen Jahren alle vier Kinder verloren; es ließe sich lange darüber diskutieren, ob an den Krieg oder an den Frieden. Da ist nicht nur Basem in Saarlouis. Da ist auch eine Tochter in Beirut, schwer krank. Zwei weitere Töchter haben Assyrer in Amerika geheiratet.

Warum dann Schweden?

Suheila sagt ein paar Sätze, leise.

"Sie wollte ihren Kindern nicht zur Last fallen", sagt der Übersetzer.

Suheila knetet ihr Taschentuch.

"Die Rücksicht einer Mutter", flüstert der Übersetzer.

An der Nähmaschine in Tel Goran hatte Suheila Routine, so wie eine Arbeiterin am Fließband. Aber welcher Mensch hat schon Erfahrung als Flüchtling? Nach Amerika, wusste Suheila, würde sie es nicht schaffen. Und Basem in Deutschland? Erzählte ihr von seiner winzigen Wohnung und der vielen Arbeit. 5.125 Euro Schlepperlohn hatte er für sie zusammengespart. Und jetzt schälte Basem weiter, für seine Schwester in Beirut. Welche Mutter würde das nicht beschämen.

Suheila folgte einer Schwester, die wenige Wochen vor ihr nach Schweden gegangen war, in diese Wohnung in der Karlslundsgatan, dieses Provisorium, in dem Suheila die Tragweite ihres Entschlusses bewusst wird. Jeden Tag versucht sie, ihre Kinder zu erreichen, Zeitzone für Zeitzone. Söhne und Töchter in der ganzen Welt zu haben ist nicht nur ein Privileg der globalen Oberschicht, sondern auch das Los der globalen Unterschicht.

Addiert man die Entfernungen zwischen Suheila und ihren vier Kindern auf drei Kontinenten, kommt man auf 18.000 Kilometer. Tel Goran misst 300 Meter im Durchmesser.

Der Dolmetscher sagt, Suheila könne es schwer ertragen, dass jetzt zwei Reporter in ihrer Familie von Leben zu Leben springen, von Land zu Land, als sei das ein Leichtes. Ihre Töchter in Chicago hat sie seit Jahren nicht gesehen, eine ist geschieden, und Basem schält und schält und schält. Und sie, die Mutter? Ist nicht nur fremd in Schweden, sie ist sich auch selber fremd geworden, so abhängig von ein paar Anrufen ihrer Kinder wie die früher von ihren Gute-Nacht-Geschichten.

Im Nachhinein kann man die Katastrophe heraufziehen sehen wie ein Gewitter. Damals, aus der Froschperspektive betrachtet, aus der jeder Einzelne in die Welt schaut, war für die meisten Assyrer nicht zu erkennen, dass aus einem begrenzten Aufstand ein Krieg werden würde, ein Krieg, der auch in ihre Dörfer kam. In den Erinnerungen der Bewohner war es 2013, da zogen die ersten Bewaffneten durch Tel Goran, zuerst Rebellen der Freien Syrischen Armee, dann Männer, die nicht nur gegen Assad, sondern auch für Allah kämpften und sich Al-Nusra nannten. Überall waren plötzlich Straßensperren. Bärtige Männer fragten: "Wo willst du hin? Bist du ein Soldat Assads? Glaubst du an Allah?" Die Söhne Tel Gorans, als Soldaten irgendwo im Krieg, trauten sich im Fronturlaub nicht mehr nach Hause. Ihre Väter nahmen die Rosenkränze von den Rückspiegeln der Autos. Ihre Mütter banden sich Kopftücher um.

Die vier muslimischen Brüder vom Dorfrand hörten auf, bei der Ernte zu helfen.

Die idyllische Lage Tel Gorans in einer fruchtbaren Ebene, sie war zur Falle geworden. In den Bergen im Süden, dunstig am Horizont zu erkennen, marschierte der Islamische Staat auf. Im Norden, jenseits des Chabur-Flusses, erkämpften sich kurdische Milizen die Kontrolle.

Digitale Erinnerungen an Tel Goran, von früheren Bewohnern in Handys gespeichert. Sie zeigen eine heile Welt: Tradition, Gemeinschaft, friedliches Landleben. Rechts unten der Diakon Samer Kefarkis, links davon seine Eltern. Der Vater ist an Alzheimer erkrankt. © privat

Die Assyrer taten alles, um ihre Neutralität zu retten. Lange Zeit dienten sie sich beiden Seiten an. Es gab Gespräche mit kurdischen Kommandeuren, hastige Telefonate, riskante Autofahrten in die Berge, zu den Kommandeuren des IS. Dort sahen sie manchmal alte Bekannte, etwa einen Cousin der vier Muslime. Und dachten: Der also auch. Über ihnen dröhnten amerikanische Kampfflieger, unter ihnen zitterte die Erde von den Einschlägen der Bomben. Und mittendrin standen sie, ein paar unbewaffnete Christen, und gaben bekannt, sie würden gern Schutzgeld zahlen.

Schon ihre Vorfahren hatten diese Überlebensstrategie angewandt. Fühlten sie sich ausgeliefert, schlugen sie nicht zurück, sondern hielten nach der rechten auch die linke Wange hin und kauften sich Sicherheit. Im Arabischen gibt es dafür ein Wort, das immer dann Karriere macht, wenn die Zeiten archaisch sind: dschisja, die Kopfsteuer.

Assyrer sitzen in Chicago an ihren Handys, an Schnittstellen von Web und Wirklichkeit.

Ein paar Monate lang träumten sie am Chabur davon, eine Art Schweiz zu sein, umgeben vom Chaos. Dann, an einem trüben Tag im Januar 2015, kamen kurdische Kämpfer in die assyrischen Dörfer – und beschossen von dort die Stellungen des IS. Für den Islamischen Staat musste es so aussehen, als hätten die Assyrer entschieden, auf wessen Seite sie stehen. Innerhalb von Stunden brach das sorgfältig geknüpfte Bündnisnetz zusammen. Beim IS ging keiner mehr ans Telefon.

In Tel Goran lebten zu diesem Zeitpunkt noch gut 60 Menschen. Die anderen 100 hatten das Dorf verlassen: Kranke, denen nicht mehr geholfen werden konnte, weil alle Arztpraxen geschlossen waren. Junge Männer, die nicht warten wollten, bis der Krieg sie holen würde. Ingenieure, die ihre Arbeit verloren hatten, ohne dass ihnen gekündigt worden war.

Die verbliebenen 60 sammelten sich vor der Kirche und fassten einen Beschluss. Sie würden Frauen und Kinder zu den Kurden bringen. Alle Männer, die sich trauten, würden das Dorf gegen den IS verteidigen. Er werde nicht weichen, rief der greise Mersa Mersa, von dem es heißt, er sei 1920 geboren. Ismail Ismail kramte sein verrostetes Jagdgewehr hervor. Die sechsjährige Mirjana weigerte sich, ihren Vater Abdo zu verlassen. Außer ihr blieben 20 Ältere in Tel Goran. 20 Starrsinnige und ein Mädchen, das finale Aufgebot des Dorfes.

Ein letzter Gottesdienst? Fiel aus. Der Pfarrer hatte sich abgesetzt.

USA: Die Betenden

10.000 Kilometer und acht Zeitzonen vom Krieg entfernt fällt es ganz leicht, den Frieden zu beschwören. Die eigene Hand küssen und die Hände des Nachbarn umfassen, der wiederum die eigene Hand küsst und die Hände seines Nachbarn umfasst, so wandert der Friedenswunsch von Mensch zu Mensch, wie ein segensreiches Virus. Durch einen Saal voll schwarzer Anzüge und paillettenglänzender Kleider, denn ein Assyrer sollte alaha herausgeputzt entgegentreten. Draußen hat es die ganze Nacht geschneit, der erste Sturm dieses Winters. Jetzt, Sonntagmorgen um neun, ist der Himmel von blauer Kälte und jeder Gehweg eisglatt. Aber am Eingang stauen sich die Menschen, immer mehr drängen herein: in die Saint Andrew’s Church, 901 North Milwaukee Avenue, Glenview bei Chicago.

Auf einer Empore stimmen Frauen ihren Gesang an. Er flutet von hinten den Saal, ein dunkel klagender Choral, den die Gemeinde aufnimmt und verstärkt. Stimmen von Assyrern aus zahllosen Dörfern und zig Staaten verschmelzen mit drei, vier, fünf, sechs Stimmen aus Tel Goran.

Da sitzt in der letzten Bank: die Wal-Mart-Angestellte Ramyia Adam, Schwester des Kartoffelschälers Basem, Tochter der in Schweden lebenden Suheila. Neben ihr die fünfjährige Tochter, die zur Feier des Tages ihre Lippen schminken durfte.

Da steht am Eingang: Ebrahim Mersa, früher Bauer, in Chicago Chef eines kleinen Klempnerbetriebes. Und samstags Moderator des Radiosenders WCGO 1590AM, der Hochzeiten vermeldet und Frontverläufe nachzeichnet.

In Reihe drei sitzen zwei Brüder, schräg dahinter ein Mann, der am Flughafen Autos vermietet. Noch mehr Namen für unser Satellitenbild.

Die Messe zelebriert der oberste aller Gläubigen: Gewargis III., Patriarch der Assyrischen Kirche des Ostens, eingeflogen aus dem Nordirak. In seinem schwarzen Gewand, umhüllt vom Weihrauch, wendet er dem Saal den Rücken zu. Er dient nur dem Altar, der nach Osten ausgerichtet ist. Von dort soll der Erlöser wiederkehren.

Gewargis III. spricht das Vaterunser: "Bshema d, Baba o Brona o Ruokha d Kudsha ..." Als Europäer ist man verloren in dieser Messe mit ihren wogenden Chorälen und uralten Zaubersprüchen. Zwei Wörter immerhin haben es durch die Jahrtausende ins Heute geschafft: amen und halleluja.

Ein Patriarch in der Vorstadt von Chicago. Ein Gottesdienst in einem Neubau neben Glenview’s Best Car Wash. Eine Kirche des Ostens, die im Mittleren Westen der USA ihre Pracht entfaltet. In den Bänken singen und beten die Überlebenden einer Wanderung, die schon hundert Jahre dauert: Wie Kurden und Jesiden sind die Assyrer ein Volk ohne Staat. Die Urgroßeltern der Tel Goraner lebten noch in einer Bergprovinz der heutigen Türkei, in einer Gegend, wo selbst die Täler auf 1.700 Meter Höhe liegen. Es kam der Erste Weltkrieg, es kam der Kollaps alter Vielvölkerreiche: Genozid an den Armeniern, heute viel diskutiert, Genozid an den Assyrern, längst vergessen. Von den Überlebenden flohen die meisten in den Irak; einige schafften es in die USA. Das war die erste Vertreibung aus dem Paradies.

1933 im Irak das nächste Massaker, die zweite Vertreibung. In den Hauptstädten der Welt beugten sich Diplomaten über Weltkarten. Frankreich schlug eine Ansiedlung bei Timbuktu vor, England bot Britisch-Guayana an, Brasilien die Ufer des Río Paraná. Am Ende wurde es der Chabur in Syrien. Die Ismails und Adams gründeten ihr Tel Goran und glaubten, es wäre für immer.

Heute, während der dritten Vertreibung, lebt erstmals mehr als die Hälfte aller 3,5 Millionen Assyrer außerhalb des Nahen Ostens. Nach jedem Krieg, jeder Krise verschwanden wieder ein paar, stiegen auf Schiffe, füllten Flugzeuge, folgten Brüdern, Vätern, Cousins. Ihre Flucht vollzog sich nach dem Gesetz der Gravitation; die größte Masse übt die stärkste Anziehung aus. So kam es, dass Chicago zur Welthauptstadt der Assyrer wuchs.

Sie hat etwa 100.000 Einwohner. Sie hat: assyrische Kirchen, assyrische Schulen, eine assyrische Handelskammer, assyrische Hilfswerke, den Assyrischen Nationalrat von Illinois, eine assyrische Nachrichtenagentur.

Chicago ist ihr Rom. Nein. Chicago war ihr Rom. Denn das Gesetz der Schwerkraft ist außer Kraft gesetzt. Seit Beginn des Bürgerkrieges haben die Vereinigten Staaten nur 2.234 Flüchtlinge aus Syrien ins Land gelassen – so viele Menschen kommen in Passau manchmal an einem Tag. Wer als Assyrer in die USA will, dem bleibt eigentlich nur ein Weg: Er muss einen Partner mit amerikanischem Pass heiraten. Ob aus Liebe oder als letzte Ausflucht, bleibt oft ungesagt. Manchmal sind da hastige Hochzeiten, manchmal eilige Scheidungen. Der Weg in die Diaspora, er kann auch ins falsche Ehebett führen.

Nach dem Gottesdienst in der Saint Andrew’s Church sitzen alle noch ein wenig beisammen, steigen dann in ihre Autos, fahren zu Dunkin’ Donuts oder McDonald’s, anschließend in ihre Häuser, wo sie mithilfe ihrer Smartphones in WLAN-Welten verschwinden. Auf Facebook sehen sie alte Freunde fremden Frauen Eheringe überstreifen. Sie begegnen Basem Adam in Saarlouis, der im Netz mit 23 Altersgenossen aus dem Dorf befreundet ist. Allerdings sind das Freundschaften, aus denen man sich ausloggen kann. Ein Schein-Tel-Goran. Gemeinsamkeiten werden kleiner, Fotos von Taufen in Chicago konkurrieren mit Meldungen von Sprengstoffattentaten in der alten Heimat. Die einen präsentieren privates Glück, die anderen Bilder geschändeter Gräber. Einige formulieren Aufrufe mit Titeln wie "Warum die Assyrer den Nahen Osten verlassen sollten". Andere stellen Karten einer künftigen Nation Assyrien ins Netz, ein Dreieck im Zweistromland. Im Internet sind Grenzen schnell gezogen, Flaggen spielend gehisst, Appelle leicht geschrieben.

So sitzen die Assyrer in Chicago an ihren Handys, an diesen Schnittstellen von Web und Wirklichkeit. Sie leben in Frieden und schämen sich ihres Überflusses. Tun sie zu wenig? Spenden sie genug? Sollen sie zurückgehen und für einen assyrischen Staat kämpfen? Oder in den USA ihre Sprache und Kultur erhalten, wie Tiere unter Artenschutz im Zoo? Sind sie stark oder schwach, gerettet oder verloren in ihrer Kirche an der North Milwaukee Avenue?

Je mehr der Krieg eskaliert, desto größer wird das Dilemma. Es geht den Assyrern von Chicago wie Urlaubern, die auf einer Insel im Pazifik von einem schrecklichen Unfall in ihrem Heimatort erfahren.

"Bei der nächsten Vertreibung müssen wir wohl auf den Mond."

Als der Islamische Staat Tel Goran angriff, geschah es nicht unerwartet und kam doch überraschend. In der Nacht auf den 23. Februar 2015 schreckte Ismail Ismail hoch. Herscho, sein Wachhund, schlug an. Ismail schaute auf die Uhr. Halb fünf. Bis drei waren sie draußen gewesen, hatten in die Dunkelheit gestarrt und sich dann der Müdigkeit ergeben. Ismail lag auf seinem Bett, er trug eine Arbeitshose und zwei schwere Jacken. Er griff nach seinem Jagdgewehr und eilte nach draußen.

Weit kam er nicht. Er wollte zur Kirche, aber schon stoppten ihn drei Männer mit Kalaschnikows. Bärte, lange Haare, Arabisch mit fremdem Akzent. Tunesier vielleicht, dachte Ismail. Herscho bellte. Die Fremden schossen ihn tot. Im Dorf Schreie, Schüsse, Stiefeltritte. Hatten die Tel Goraner wirklich gedacht, ihre winzige Möchtegernmiliz könne gegen den IS bestehen, gegen Hunderte Kämpfer mit Granatwerfern und Sturmgewehren, die auf breiter Front von Süden her gegen die Assyrerdörfer vorrückten? Über Straßen und Felder, wie in der Totale eines Kriegsfilms.

Bald war in der Kirche die Orgel zerschlagen, und die 21 letzten Tel Goraner saßen in Pick-ups. Ein Abschiedsblick auf ihr Dorf war ihnen nicht vergönnt. Hockend mussten sie auf den Boden starren.

Die nächsten sieben Tage: Gefangenschaft. Wechselnde Orte. Schlafen im Sitzen. Ein IS-Arzt, den alle "den Deutschen" nannten. Mirjana, die Sechsjährige, die weinte und nur durch eine Lüge zu beruhigen war: Das sei alles nur ein Spiel. Am Ende ein Befehl: Mitkommen! Und ein Gedanke, den keiner aussprach und alle dachten: Jetzt werden wir enthauptet.

Man führte die Verteidiger von Tel Goran in einen Raum mit weißen Wänden. Neonlampen warfen grelles Licht auf einen jungen Mann mit Bart und Brille. Der Scharia-Richter.

Das Gericht tagte anderthalb Stunden. Die Fragen des Richters: Habt ihr gegen den IS gekämpft? Warum konvertiert ihr nicht zum Islam? Wisst ihr vom Paradies, von den Jungfrauen, die dort warten? Dann das Urteil, von den Kameras der IS-Propaganda aufgezeichnet: Freispruch. Verbunden mit der Auflage, niemals nach Tel Goran zurückzukehren. Falls im Dorf noch ein Assyrer auftauche, werde er geköpft, Frauen würden versklavt. Ende der Verhandlung.

Kein Krieg folgt starren Gesetzen. Immer hat der Zufall seinen Auftritt, die Sekundenentscheidung irgendeines Soldaten, das Wetter, die Launen eines Kommandanten. Die Kurden hatten den IS nicht von Tel Goran aus beschossen, sondern aus den Nachbardörfern. Das hat die 21 gerettet.

Nach ihrer Freilassung stiegen die Tel Goraner in einen Kleinbus. Nur das Mädchen Mirjana musste bleiben, als menschliches Pfand. Ihr Vater händigte dem Bischof der Assyrer ein Schreiben aus, in dem der IS für die mehr als 200 Gefangenen aus den anderen Christendörfern jeweils 50.000 Dollar Lösegeld forderte. Als der Brief übergeben war, kam auch Mirjana frei. Die 21 wollten weg ins Ausland, nur weg, schnell, erst einmal in den Libanon, nach Beirut. Viele Assyrer sind noch immer Geiseln des IS. Drei von ihnen wurden erschossen. Überall auf der Welt sahen Christen vom Chabur das Video der Hinrichtung: Männer in orangefarbenen Anzügen, frühere Nachbarn, tot im Sand.

Australien: Der Diakon

Samer Kefarkis, der Diakon von Tel Goran, schläft in Australien auf dem Gästesofa seines Bruders. © Henning Sußebach

100, 200, 300, 400 ... fast so schnell, wie ein Vogel mit den Flügeln schlägt, sortieren zwei Hände knallbunte Geldnoten auf einen flachen Couchtisch ... 500, 600, 650 ... Fingerkuppen wie schwarze Sicheln, verdreckt von Baustellenstaub ... 700, 750, 770 ... die Scheine werden kleiner ... 790, 810, 820 ... Samer Kefarkis zählt weiter seinen Lohn ... 830, 840, 850. Samer ist von Statur eher gedrungen, sein Bart so dunkel und scharfkantig, als sei er gemalt, seine Stimme ein voller Bass, mit dem sich ein Kirchenschiff füllen ließe. Das tat sie einst auch.

Seit Ismail und seine Brüder in Frankfurt gelandet waren, hatten uns immer mehr Vertriebene aus Tel Goran immer neue Namen und Nummern in die Blöcke diktiert. In unseren Unterlagen und auf dem Satellitenbild rekonstruierten wir ein Geflecht, das es nicht mehr gab. Wir telefonierten uns durch Nummernfriedhöfe mit den Vorwahlen +963 für Syrien und +961 für den Libanon.

Dann plötzlich dieses tiefe: "Hello?"

Am anderen Ende sprach Samer Kefarkis, der einst beim Dorffußball Michael Ballack war, vor allem aber der Diakon von Tel Goran, Assistent des Pfarrers. Seine alte Nummer habe er behalten, um hin und wieder Nachrichten aus der Vergangenheit zu empfangen. Er lebe jetzt in Australien.

Mögen sich die Assyrer in Amerika verloren fühlen wie Urlauber auf einer entlegenen Insel – Samer Kefarkis, 35 Jahre alt, hat es wirklich dorthin verschlagen. Sein Großvater wurde noch im Osmanischen Reich geboren, sein Vater im Irak, er selber in Syrien. Jetzt arbeitet er in Australien auf dem Bau. In einem Wohnklotz am Horsley Drive in Fairfield, wo sich die Weltstadt Sydney in einen Vorort verliert, zählt er seinen Lohn. Statt Schnee wie in Chicago wälzt der Wind Hitzegewitter übers Land.

"Noch weiter weg geht nicht", sagt Samer Kefarkis. "Bei der nächsten Vertreibung müssen wir wohl auf den Mond."

In Tel Goran bewohnte Samer Kefarkis ein Haus in der Mitte des Dorfes, was in etwa seiner Bedeutung entsprochen haben muss. Als Diakon hütete er den Schlüssel zur Kirche, kaufte Weihrauch und Kerzen, assistierte dem Pfarrer in Gottesdiensten, führte Tauf- und Sterberegister. Unter der Woche arbeitete er als Anästhesist im Krankenhaus einer nahe gelegenen Stadt, im Dorf tröstete er die Kinder mit Pflastern. Dann kamen die Kämpfer des IS, noch als Besucher, mit ihren Verletzten nach Tel Goran und zwangen ihn mit vorgehaltener Waffe, Wunden zu versorgen.

Im Sommer 2014 verließ Samer Kefarkis Tel Goran. An einem Julimorgen übersandte er den Kurden nördlich des Chaburs die Bitte, nicht zu schießen, wenn ein hellblauer Hyundai durch eine Furt im Flussbett rumpeln werde. Er küsste die Wand seines Hauses, stieg ins Auto und durchquerte in der Schussbahn der Kurden den Fluss. In einem zweiten Wagen folgte sein Bruder Nissan mit Frau, Tochter und Sohn. Bei Samer auf dem Rücksitz weinte seine Mutter. Neben ihr saß stumm der an Alzheimer erkrankte Vater und verstand nicht.

In Beirut bewarb sich Samer um einen Platz in einem Flüchtlingskontingent, das die Vereinten Nationen mit Australien ausgehandelt hatten. Vor 16 Jahren war sein älterer Bruder George dorthin ausgewandert, Samer reiste ihm als Erster aus der Familie nach. Jetzt flicht er Stahl auf Baustellen, und jeden Sonntag lässt er sich von seinem Bruder in eine abgelegene assyrische Kirche fahren, wo er am Altar mit fünf anderen Diakonen, die aus anderen assyrischen Dörfern flohen, um einen Platz neben dem Pfarrer konkurriert. Ein Bild, das alle Wut und alles Wetteifern in einer Diaspora zeigt.

Wie Gift sickern Fragen in die einstige Gemeinschaft

Der Krieg, der erst Christen und Muslime trennte, spaltet längst auch die einzelnen Konfliktparteien. Wie Gift sickern Fragen in die einstige Gemeinschaft, Fragen nach der Standhaftigkeit, der Glaubenstiefe jedes Einzelnen. Auch am Horsley Drive in Fairfield. Dort schläft Samer Kefarkis in der Wohnung seines Bruders auf dem Sofa und kann nicht verstehen, dass seine Nichte Clodia, 15 Jahre alt, sonntags lieber Taschengeld im Supermarkt verdient, anstatt ihn zur Kirche zu begleiten. Dass sie die Fernsehserie Friends sehen möchte, wenn er Nachrichten aus Syrien schaut. Dass sie türkischstämmige Freundinnen trifft. Muslime.

Clodia wurde in Australien geboren, sie geht auf die Highschool, sie macht Karate und möchte Kunst studieren. Jetzt ist da Samer, dessen Bass für dieses Wohnzimmer in Clodias Ohren zu bestimmend ist. Jetzt sitzen da zwei Menschen, die vor Wochen nur Fotos voneinander kannten, und führen Debatten, in denen es oberflächlich um die Fernbedienung geht, unterschwellig um die Zukunft. Um den Halt, den Religion geben kann. Um den Hass, den sie gebiert. Um den Verlust, der aus Assimilation entsteht. Und um die Freiheit, die man durch Anpassung gewinnen kann.

Samer sieht seine Nichte vieles geringschätzen, wofür er sein Leben riskiert hat.

Clodia sieht einen Menschen, der von Fundamentalisten zu einem Fundamentalisten gemacht wurde, der dankbar ist für jede Rakete, die russische Kampfjets auf Rebellen feuern, der findet, dass Araber demokratieunfähig sind und einen Diktator brauchen. Und der Deutschland vorhersagt, "in 20 Jahren im Bürgerkrieg zu versinken", wegen der Millionen Muslime.

Clodia schweigt dann meist beredt. Ihr Onkel muss ihr wie eine Figur aus der Vergangenheit erscheinen, aus einer Welt, mit der sie nur Elend verbindet. Und wenn Samer seine Nichte sieht, erkennt er eine Zukunft, die ihn ernüchtert.

"Different values", sagt er. Verschiedene Werte.

An solchen Tagen nimmt er das Geld, das er verdient hat, 1.000 australische Dollar, verlässt die Wohnung, läuft den Horsley Drive hinab, betritt ein Einkaufszentrum, wo er zwischen Woolworth, Best & Less und Ivan’s Cafe die kleine Filiale von Western Union suchen muss, von der aus er Geld in den Libanon überweist, damit ihm seine Eltern und sein Bruder Nissan in genau die Zukunft folgen können, die ihm so fremd ist.

Libanon: Die Zurückgelassenen

Nissan Kefarkis muss die Filiale von Western Union nicht suchen, sie ist einer der letzten Fixpunkte seines Lebens. Die Al-Rauda-Street hoch, an dem Handyshop "Keep In Touch" und dem Internetcafé "Connect" vorbei, bahnt er sich seinen Weg durch nahöstliche Geschäftigkeit, vorbei an Handwerkern, Taxifahrern, Straßenhändlern.

Dann holt Nissa bei Western Union das Geld aus Australien, verwandelt in libanesische Pfund. Er hat die gleiche gedrungene Statur wie sein Bruder Samer, der Diakon, wirkt aber verlebter. Sein Dreitagebart folgt keiner Mode, und seine Augen sind verschattet.

Oft lässt Nissan Kefarkis sich durch das Viertel treiben. Auf Balkonen, in Cafés sitzen andere Assyrer. Ordentlich gekleidete Nichtstuer, am Leben gehalten von Verwandten im Westen. Sie erkennen einander, auch wenn sie sich nicht kennen. Beiläufig nicken sie sich zu.

Wir Journalisten suchen immer Szenen, Bewegung, Aktion. Das Wort Flucht suggeriert ja auch Eile und Hast; überall auf der Welt illustrieren die Nachrichten dieses Thema, indem sie laufende Menschen zeigen. Dabei bedeutet Flucht vor allem: warten, ausharren. Warten auf Geld, warten auf Arbeit, warten auf Zukunft. Vor Grenzzäunen, in fremden Städten, auf Zwischenstationen, wo Bewegungen gefrieren und die Flucht zum Stillstand wird.

Hier also Standbilder aus einer Wohnung in der Al-Rauda-Street. Zwei Schlafzimmer, Küche, Bad, ein riesiges Wohnzimmer, leer wie ein Bahnhofssaal: Plastiktisch, Plastikstühle. Zerstreute Spielzeuge, alle irgendwie beschädigt – ein Auto ohne Räder, eine beinamputierte Puppe. Die fünfjährige Mariam und der zweijährige Zaia, die den ganzen Tag herumtoben. Manchmal der Ruf ihres Vaters: "Hört auf! Sonst dürft ihr nicht nach Australien!"

In der Küche Nissans Frau. Sie ist schwanger. In der Botschaft der Australier hieß es, bekommt das Baby, danach reden wir über ein Visum.

Nissans Vater lebt längst auf seiner eigenen Insel, fern von Beirut, Sydney, Tel Goran. An diesem Ort trägt man Schlafanzug und versinkt starr in seinem Plastikstuhl. Über das Dorf, das die Heimat seines Lebens war, sagt der demente Alte: "Dort bin ich nie gewesen." Seit der Flucht aus Tel Goran ist das Reich des Vergessens zu mächtig geworden. Nur manchmal steht der Vater auf, tapert durchs Zimmer und studiert die Bodenfliesen. In deren schwarz-weißem Muster erkennt er etwas. "Wir müssen Bäume pflanzen, die Ernte ausbringen! Es wird Zeit!" Dann versucht er, in die schwarzen Fliesen Pflanzlöcher zu graben. Sehnige Hände, die eine unsichtbare Schaufel umfassen. Letzte Erinnerungen an die dunkle Feuchte der Erde von Tel Goran.

"Ja, Vater, wir pflanzen bald", flüstert Nissan und führt den Alten sanft zurück zum Stuhl. Dann geht er auf den Balkon.

Es gibt ein Leiden, das sich nicht am Grad des Hungerns bemisst oder an der Gefahr für Leib und Leben. Es ist das Leiden an der Verlorenheit. In Beirut warten die Zurückgelassenen. Auch alle anderen, ob in Saarlouis, Chicago oder Södertälje, sitzen, reden, rauchen, telefonieren und mailen. Für sie ist die ganze Welt zur Transitzone geworden, wo sich Amerika nicht vom Saarland unterscheidet. Menschen, wie ausgeschnitten und vor neue Hintergrundbilder kopiert. Das ist es, was sie eint, bei allen Unterschieden.

Wo einst ein Dorf war, ist heute nur noch eine immergleiche Einsamkeit der vielen.

Wo früher Enge war, ist jetzt Distanz. Die Erstürmung Tel Gorans liegt kein Jahr zurück, nun leben nach unserer Zählung ...

... in Deutschland 50 ehemalige Bewohner, davon 35 in Saarlouis,

... in den USA 50, davon 25 in Chicago,

... im Libanon 25,

... in Städten im Norden Syriens ungefähr 20,

... in Schweden vier,

... in Australien vier.

Einen hat es nach Krasnojarsk in Russland verschlagen. Eine Frau lebt in Kanada, eine andere in Norwegen. Ein Mann soll in Belgien sein. Die muslimischen Brüder von Tel Goran bleiben verschwunden.

Aus Schweden meldet sich der Dolmetscher und erzählt, neulich sei ein assyrisches Restaurant mit der Drohung "Konvertiere oder stirb!" beschmiert worden. Daneben ein "N" für Nazarener. So kennzeichnet der IS die Häuser von Christen. Der Dolmetscher bittet, Suheilas Hausnummer nicht zu nennen.

In den assyrischen Schulen von Chicago sperren sie neuerdings die Türen zu. In der Saint Andrew’s Church durchsuchen freundliche Herren Rucksäcke nach Sprengstoff. Viele Assyrer besorgen sich Handfeuerwaffen.

In Australien glaubt der Diakon Samer Kefarkis mittlerweile, dass seine Kultur in der Fremde nicht überleben wird. Die Gottesdienste haben nichts Selbstverständliches mehr. Jedes Fest hat einen Trauerrand. "Alles erstarrt", sagt er. "Es ist vorbei, wir sterben."

In Syrien hat das Heimweh neulich einen jungen Mann zurück nach Tel Goran getrieben. Mit seiner Kamera lief er durch das tote Dorf, machte zittrige Aufnahmen und sprach hastig aus dem Off zu seinen alten Nachbarn.

"Das Haus von Milad. Die Bäume hier warten auf dich."

"Das Haus von Ischaja."

"Ihr seid alle nach Deutschland gezogen. Wie geht es euch in Deutschland?"

Die Schule leer. Die Kuppeln der Kirche ohne Kreuze. Aus den Angeln gebrochene Türen. Kahle Wände voller Parolen des IS: "Der Staat des Kalifen", "Mit Allahs Hilfe werden wir siegen". Windrauschen. Vogelgezwitscher.

"Siehst du dein Haus, Basem?"

"Siehst du, bei dir haben sie alles umgeworfen."

Nach vier Minuten zieht das Haus von Samer Kefarkis vorbei, nach sechs Minuten rückt Ismail Ismails Haus ins Bild, die Terrasse von Unkraut erobert. Der Film dauert dreizehn Minuten und sieben Sekunden. Bei YouTube wurde er 143-mal angesehen.

In Saarlouis geht das Mädchen Mirjana, die jüngste Geisel, jetzt in die Grundschule. Ismail Ismail hat einen Ein-Euro-Job im Sozialkaufhaus. Er sortiert Schrauben, dabei trägt er ein Jackett und achtet auf Sorgfalt. Er wartet immer noch auf seine Frau und seinen Sohn, die in Beirut in der Garage eines Apartmenthauses leben.

Dieser Text ist eine leicht aktualisierte Fassung des Dossiers aus der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015.