Die Mensa der Universität Princeton

Erste Zeichen großen Wandels sind oft unscheinbar, wohl wahr. Irgendetwas ist plötzlich verschwunden, und es dauert eine Zeit, bis man ganz begreift, was da wirklich vor sich geht.

Gleich neben Hamburgs Universität gibt es eine Buchhandlung. Im Laufe der achtziger und neunziger Jahre wuchs sie unaufhaltsam die Straße entlang. Wo immer in der Nachbarschaft eine Drogerie oder ein Lampenladen schloss, zogen Bücher ein. Bald gab es ein Geschäft für Belletristik, eines nur für Geschichtsbücher und Philosophisches, eines für Reiseführer und so weiter. Doch dann stockte der Ausbau plötzlich. Und nicht lange nach der Jahrtausendwende begann die Buchhandlung wieder Laden um Laden zusammenzuschrumpfen, schneller, als sie sich ausgedehnt hatte. Heute besteht sie nur noch aus einem einzigen lichten Ladenlokal.

In den Universitätsvierteln vieler Großstädte hat man dergleichen in den vergangenen Jahren erlebt, selbst in Städten mit Traditions-Unis wie zum Beispiel in Bonn. Die Straße Am Hof just gegenüber dem Stadtschloss mit der Philosophischen Fakultät war einst ein einziges Buchgeschäft. Jetzt ist ein einziges geblieben (und ein Modernes Antiquariat).

Der Grund für diese Entwicklung findet sich schnell: Die Universitäten, das heißt die Studierenden und Lehrenden, kaufen keine Bücher mehr.

Sie brauchen keine Bücher mehr.

Alles im Netz.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015.

Wenn aber die Lehrenden und Studierenden keine Buchläden mehr brauchen, wie lange brauchen sie dann noch Universitätsbibliotheken? Es ist eine Frage der Zeit – sagen wir, zehn oder 15 Jahre? –, bis alle, aber auch wirklich alle Bücher und Zeitschriften der Welt eingescannt und online zu lesen sind. Schon seit Längerem erscheinen viele wissenschaftliche Aufsätze exklusiv im Netz. Wer setzt sich da in einen Lesesaal (selbst wenn der vor seinem Fenster ein so atemraubendes Rhein-Panorama bietet wie just in Bonn)? Wer schleppt da noch Folianten nach Hause? Wer bestellt da noch "über Fernleihe" und wartet drei Monate auf ein Buch, um dann zu erfahren, dass es leider verstellt wurde? Selbst die allerverstaubtesten, rarsten Werke, selbst zermauste Manuskripte finden sich inzwischen brillant aufbereitet im Netz, kinderleicht zu benutzen, zu durchblättern, zu studieren.

Nein, keine Ausleihzettel mehr. Und Seminarräume? Braucht man die tatsächlich noch? Hörsäle? Auch da gibt es fabelhafte Angebote im Netz: Vorlesungen, die man am Tag oder unter Sternen besuchen kann, an jedem Punkt der Erde. Online-Kurse, die man gemeinsam mit anderen absolviert, das Angebot wächst unaufhaltsam. Fern-Uni – das war mal was Exotisches. Bald wird es der Normalfall sein. Dabei ist Fern-Uni das falsche Wort: Netz-Uni muss es heißen. Selbst für Mediziner, Naturwissenschaftler, Techniker? Ja, selbst sie brauchen bald keine Labore und Sektionssäle mehr. Alles virtuell, alles Simulation in Echtraum und Echtzeit. Statt Leichen und Versuchskaninchen Rechner, Rechner, Rechner.