Christen werden heute schlimmer verfolgt als im alten Rom – schreibt Papst Franziskus im Vorwort einer neuen Bibelausgabe für Jugendliche. Was heißt das? Auf 100 Millionen der rund 2,3 Milliarden Christen weltweit beziffert das evangelikale Hilfswerk Open Doors die Zahl der Verfolgten. Die beiden großen Kirchen in Deutschland halten diese Zahl für unseriös, weil nicht überprüfbar; doch tragfähige niedrigere Zahlen nennen sie in ihrem "Ökumenischen Bericht zur Religionsfreiheit von Christen weltweit" ebenso wenig wie das US-Außenministerium in seinem internationalen Jahresbericht zur Religionsfreiheit. Unstrittig scheint, dass Christen nicht nur die größte, sondern auch am meisten bedrängte Religionsgruppe der Welt sind, gefolgt von Muslimen.

Fast drei Viertel der Weltbevölkerung leben heute nach Angaben des US-Forschungsinstituts Pew Research Center in Ländern mit religiösen Repressionen; 2011 waren es erst 50 Prozent. In fünf der sieben bevölkerungsreichsten Länder der Welt mit insgesamt 3,3 Milliarden Einwohnern (bei 7,3 Milliarden Menschen weltweit) werden Christen auf die eine oder andere Art verfolgt: in China, Indien, Indonesien, Pakistan und Nigeria.

Der weitaus größte Teil von Ländern mit massiver Christenverfolgung hat eine muslimische Bevölkerungsmehrheit. Dazu kommen kommunistische oder sonstige Diktaturen in Asien sowie eine stark zunehmende Zahl von Konfliktstaaten in Afrika. Der mit Abstand wichtigste Beweggrund für Christenverfolgung ist islamischer Extremismus, sei es als Verweigerung von Religionsfreiheit oder in Form von Gewalt (IS, Al-Kaida, Taliban, Al-Shabaab, Boko Haram). Zweiter Hauptgrund für Christenverfolgung sind verschiedene Formen von Despotismus, etwa in Nordkorea, Vietnam oder China.

Die Verfolgung zu beziffern ist äußerst schwierig, zumal sie verschiedenste Spielarten hat: Hinrichtungen, Mord, Verstümmelung, Geiselnahme, Versklavung. Hinzu kommen behördlicher und sozialer Druck, kulturelle Ächtung, Konversions- und Blasphemiegesetze, Ungleichheit vor dem Gesetz, Diskriminierung. Eine indirekte staatliche Praxis ist Straffreiheit für christenfeindliche Mobs (Indien) oder mangelnde Strafverfolgung in christlichen Ländern, wenn Christen sich etwa gegen Drogenhandel wehren (Kolumbien, Mexiko). Am wirksamsten ist Christenverfolgung dort, wo staatliche Strukturen schwach (Somalia, Afghanistan, Irak) oder besonders stark sind (Nordkorea, Saudi-Arabien). Kompliziert wird es, wenn blutige Kämpfe entlang ethnisch-religiöser Grenzen verlaufen und zudem ökonomische Ursachen haben, wie etwa in der Zentralafrikanischen Republik. Noch schwieriger: In Burundi droht ein neuer Völkermord zwischen zwei christlichen Ethnien. Niemand würde das Christenverfolgung nennen. In Simbabwe lässt Robert Mugabe sein Volk verelenden; Christen hungern oder werden eingesperrt – aber ist das Christenverfolgung?

Ein Faktor, der in den gängigen Statistiken fehlt, ist die mittelbare Verfolgung: wenn etwa Saudi-Arabien symbolträchtige Moscheen im Ausland finanziert und das interreligiöse Klima in moderat muslimischen Ländern wie dem Kosovo vergiftet. Und woher hat der IS seine Waffen? Wenn man die Ursachen konsequent zu Ende denkt, müsste man auch westliche Rüstungsexporteure zu mittelbaren Christenverfolgern zählen. Die statistische Erfassung des Phänomens ist extrem schwierig.

Alexander Brüggemann leitet die Auslandsredaktion der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA)