Vorweihnachtszeit im öffentlichen Nahverkehr. Alles egal, denn in Gedanken ist man längst angekommen.

Mit leichtem Gepäck reisen – ich habe nie verstanden, wie das gehen soll. Es ist kurz nach sieben, ich stehe in einem Bus der Hamburger Verkehrsbetriebe und schwitze. Neben mir stehen Menschen, die auch schwitzen. Sie tragen Rucksäcke, halten Trolleys fest, die in den Kurven den Gang entlangrutschen, zerren Reiseunterlagen aus Handtaschen oder checken, Handschuhe zwischen den Zähnen, Abfahrtzeiten auf ihrem Smartphone. Dauernd rempeln wir uns gegenseitig an, am Anfang noch entschuldigend, bald schon reagiert keiner mehr. Es wird nicht gesprochen. Es liegt eine angespannte Stille, nervöse Konzentriertheit über diesem Morgen vor Heiligabend, über unserem Weg quer durch die Stadt in Richtung Bahnhof. Wir alle sind nur hier, um wegzukommen.

Wer an Weihnachten zu seinen Eltern fährt, muss schleppen. Nicht bloß Kleidung und Geschenke und die Erwartungen und Hoffnungen, die dieses Fest immer mit sich bringt, sondern – ganz praktisch – auch all die Dinge, die man sich im Laufe des Jahres nicht per Post schickt, nun aber endlich mitbringen will. In meinem Fall: ein Waffeleisen, das ich mir vor Jahren von meiner Mutter geborgt habe, und einen DVD-Player, weil ich meinem Vater zu Weihnachten eine amerikanische Serie schenke und nicht sicher bin, wie meine Eltern unterhaltungselektronisch mittlerweile aufgestellt sind. Dazu die übliche Mischung aus in Blechdosen vor sich hin krümelnden Plätzchen und Büchern.

Der Bus hält mit einem letzten Ruck, die Frau neben mir schaut dankbar, ich habe ihren Kinderwagen mit den Kniekehlen angehalten. Hamburg Hauptbahnhof. Es geht los.

Die Idee, sich für mehrere Stunden in einen Zug setzen zu müssen, um Weihnachten mit den Eltern feiern zu können, kam mir schon immer richtig vor. Ich hatte sowieso erst mit Ende 20, Anfang 30 das vielleicht etwas provinzielle Gefühl, dass es gut wäre, wenn ein großes Stück messbarer Strecke zwischen Vergangenheit und Gegenwart läge. In den Jahren zuvor war nie ein Weg weiter gewesen als der zur Uni, 30 Minuten S-Bahn-Fahrt, kein Grund, die Heimatstadt zu verlassen. Im Ruhrgebiet groß werden, das ist ein bisschen so, als würde man in einem dieser Luxushotels in Dubai aufwachsen: Für den Fall, dass man sich nichts aus der Welt macht, gibt es eigentliche keine Veranlassung, hinauszugehen. Alles, was man braucht, liegt direkt beieinander. Und natürlich sind wir mit der Zeit dann trotzdem alle weggegangen. Julia zog nach München, John und Timon nach Berlin, Felix lebt zurzeit in einem Kloster in Südkorea, und Roozbeh ist überall und nirgends. Nur ein Mal im Jahr kehren wir an den gleichen Ort zurück. Weihnachten ist wie Klassentreffen, bloß mit Leuten, die man mag.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015.

7.46 Uhr – gute Zeit, mal ein bisschen zu rennen. Die Bahn ist pünktlich, sagt die Anzeigetafel, fährt aber außerplanmäßig von Gleis 12 ab. In meinem Koffer scheppert es, ich sehe Plätzchenkrümel in DVD-Laufwerke rieseln, Marmelade auf Kaschmir.

In Wagen 6 sinke ich auf Sitz 47, Fenster. Neben mir nimmt eine Frau Platz, Mitte 50 vielleicht, aufgeräumtes Gesicht, gekämmte Haare, wir nicken uns freundlich an und drehen uns dann beide weg, der angenehmste Typ Sitznachbar. Draußen zieht der Hafen vorbei, Brücken, Kräne, Elbphilharmonie im Nebel. Ich hole die Kopfhörer raus, scrolle zu meiner Best of Christmas-Playlist, ein Querschnitt des Soundtracks meiner Jugend: Britney Spears, Udo Lindenberg, Robbie Williams, Nas, Echt, Mmmbop von den Hansons. Es ist ja Quatsch, zu denken, dass man sich auf dem Weg zu den Eltern plötzlich als Kind fühlt. Man ist wieder Teenager. Man wird in seinem alten Zimmer schlafen, lässt sich bekochen, lässt dauernd etwas rumliegen, ist plötzlich grundlos genervt, weiß alles besser. Es ist, so gesehen, ja doch auch eine Frechheit, mit welcher Selbstverständlichkeit man zu Weihnachten in das Leben seiner Eltern platzt, das sie sich – räumlich wie emotional – mittlerweile ganz gut ohne ihre Kinder eingerichtet haben. Vielleicht legt meine Mutter mir deshalb neuerdings eine Art Goodie-Bag aufs Bett, bestehend aus Bademantel, Gesichtsmaske, Schokolade und Hausschlappen aus irgendeinem Hotel, in dem sie in den vergangenen Monaten mit meinem Vater war. Sie meint das gut, aber die Botschaft ist natürlich eindeutig: Du bist jetzt Gast hier.

Wir fahren durch Niedersachsen. Meine Sitznachbarin ist eingeschlafen, ich schaue weiter aus dem Fenster. Das Gerhard-Richter-hafte der vorüberziehenden Landschaft. Verwischte Horizonte, graue Wolken. Die Natur: erdig, waldig, wiesig. Viel Himmel. Die beruhigende Strukturiertheit der Landwirtschaft: Hier ein Zaun, da eine Grenze aus Baumreihen, weiter hinten der Traktor. Zwischendrin immer wieder kleine Städte, zweigleisige Bahnhöfe, Fabrikgelände, Supermarktparkplätze. Es ist null besinnlich da draußen, es ist nicht einmal richtig kalt. Wenn Weihnachten eine Facebook-Veranstaltung wäre, hätte der Schnee in diesem Jahr "vielleicht teilnehmen" angeklickt. Jeder weiß, wie das ausgeht.

Weihnachten, das ist in meiner Familie sowieso ein einigermaßen unsentimentales Fest. Ich bin Einzelkind, Heiligabend feiern meine Eltern und ich zu dritt. Wir gehen nicht in die Kirche, wir ziehen uns nicht besonders hübsch an. Es geht bei uns eher um den Hoppenstedtschen Gedanken der Gemütlichkeit. Im vergangenen Jahr beispielsweise betrat ich das Haus, riss noch im Flur den Koffer auf, um meine Lammfell-Hausschuhe zu suchen, verteilte dabei alle Geschenke im Zimmer, fand die Schuhe nicht, rief also irgendwann entnervt: "Ach was soll’s, Bescherung!", und warf meinen Eltern ihre Päckchen zu. Danach tranken wir Kaffee, mein Vater fuhr noch mal in die Waschanlage, und ich sortierte mit meiner Mutter im Keller alte Kleidung aus. Für andere muss das fürchterlich klingen. Ich mag es genau so. Weil wir echte Zeit miteinander verbringen. Es gibt keine Termine oder Verpflichtungen oder Regeln. Wir dekorieren die Wohnung um, hocken gemeinsam vor Umzugskisten, unterhalten uns über Job-Ärger, Rentenbescheide, Liebeskummer und guten Weichspüler. Es sind extrem beiläufige, trotzdem nicht selbstverständliche Tage.