DIE ZEIT: Im vergangenen Jahr, das im Januar mit den Anschlägen auf Charlie Hebdo begann und mit den Pariser Massenmorden endete, stand Ihr Buch Gelassenheit Woche für Woche auf der Spiegel-Bestsellerliste, es ist das bestverkaufte Buch des Jahres 2015. In Krisenzeiten steigt offenbar die Nachfrage nach der Lebenskunst.

Wilhelm Schmid: Es gibt ein starkes Bedürfnis nach Gelassenheit, das hat existenzielle Gründe, soziologische Gründe und aktuelle politische Gründe.

ZEIT: Ist Gelassenheit eine gute Antwort auf Terror und Flüchtlingskrise?

Schmid: Es geht nicht darum, nur noch gelassen zu leben. Man darf auch Wut haben, aber bitte kein Wutbürger werden.

ZEIT: Der unglaubliche Erfolg Ihres Buches könnte auch so verstanden werden, dass die Deutschen sich von den großen systemischen Problemen unserer Zeit überfordert fühlen und sich am liebsten mit der Baustelle beschäftigen, die sie überschauen und am besten kennen, ihrem eigenen Selbst.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015.

Schmid: Ich glaube mir schon grundsätzlich darüber klar zu sein, warum die Frage nach Lebenskunst zunimmt. Moderne heißt, sich absichtsvoll befreien von Religion, Tradition und Konvention. Das sind die Instrumente, die definieren, wie man zu leben hat. Nur etwas war von vornherein nicht bedacht worden: Was machen wir dann? In diese Lücke stößt die ganze Arbeit der Neubegründung der Lebenskunst. Das war mir nicht von Anfang an klar. Ich war nur eines der Kinder der Moderne, die in vormodernen Verhältnissen groß geworden sind. Ich habe eine wunderbare Kindheit auf dem Land erlebt, aber in Verhältnissen, die weitgehend abgeschottet waren gegen die Moderne. Irgendwann kam der Versuch, auszubrechen und in der heutigen Welt zu leben. Und ich fühlte mich magisch angezogen von dem Thema Lebenskunst. Mir wurde klar, das ist dein Thema – existenziell und philosophisch.

ZEIT: Hat die Lebenskunst eine Lösung für eines der größten Probleme der Moderne? Für das Problem, dass sie von sich aus keinen Sinn anbietet?

Schmid: Die Moderne hat mehrere Probleme. Eines der größten ist ihre restlose Ignoranz gegenüber der Ökologie. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts herrschte der Glaube, die Welt sei zur Ausbeutung da. Ganz langsam ist eine neue Sensibilität gewachsen, und zwar immer ausgehend von Individuen. Das ist meine tiefe Überzeugung, Individuen machen immer das Entscheidende.

ZEIT: Die Sorge um das eigene Selbst und das Bewältigen von politischen Großkrisen schließen sich also nicht aus?

Schmid: Das ist einer der fundamentalen Irrtümer über die Lebenskunst, dass man glaubt, sie sei dazu da, sich ein schönes Leben zu machen. Sie ist dazu da, die größten Schwierigkeiten des Lebens zu bewältigen. Lebenskunst ist Können des Lebens, es geht um das fundamentale Können. Alles zusammen zu tragen, was Menschen von der Pieke auf zum Leben brauchen.

ZEIT: Kann eine Gesellschaft funktionieren, in der Millionen einzelner Lebenshandwerker an ihrem Ich und seinen Privatzuständen herumbasteln?

Schmid: Aber die Gesellschaft beginnt mit mir, dann gibt es größere Kreise. Eine demokratische Gesellschaft kommt nicht von oben runter, sie geht von unten rauf, nur dann steht sie auf gesunden Füßen, wenn genügend Bürger da sind, wenn ich den Begriff einmal verwenden darf, die sich als Teilhaber der Gesellschaft verstehen. Was nützt es mir, wenn ich mit mir und zwei, drei anderen gut leben kann, aber drumherum ist Bürgerkrieg.

ZEIT: Die Terrorattacken von Paris waren auch ein Angriff auf unsere Art zu leben. Was verteidigen wir? Es heißt, wir verteidigen unseren Lebensstil, aber worin besteht er?

Schmid: Das ist die große Frage der Lebenskunst. Erst einmal gibt es die Besoffenheit davon, wie toll es ist, sich zu befreien. Aber die entscheidende Frage ist nicht, wovon man sich befreit. Die entscheidende Frage ist, wozu man sich befreit. Dennoch geht es jetzt erst einmal darum, das Wovon zu verteidigen, denn das wird ja nicht geteilt von den Angreifern. Es ist ein Krieg gegen die Moderne, und wir werden gezwungen sein, diese Kriegserklärung anzunehmen. Es ist unangenehm, das zu sagen – aber zum Teil wird diese Frage militärisch entschieden werden.

ZEIT: Wir verteidigen aber eine Freiheit, über deren Gebrauch wir keine gemeinsamen Vorstellungen haben.

Schmid: Wir verteidigen das, wovon wir frei sind. Wir wollen nicht zurück zu Zwangsbeziehungen, wir wissen allerdings nach wie vor nicht, welche Beziehungen die besten sind. Der Krieg geht darum, die Befreiung zu bewahren. Das ist die Grundvoraussetzung, damit wir uns um den viel größeren Teil kümmern können. Die Jahrhundertaufgabe heißt, der Freiheit inhaltliche Formen zu geben. Lebenskunst ist dafür da, diesen zweiten Teil der Freiheit zu bewältigen.

ZEIT: Und wenn die Lebenskunst ihr Werk vollbracht hat, werden sich ganz von alleine kollektive Ziele ergeben?

Schmid: Das ist immer so, erst testen Einzelne ein anderes Leben, dann testen es Gruppen, und wenn es sich immer noch bewährt, dann kann eine Gesellschaft das übernehmen.

ZEIT: Die Sorge um sich produziert im Augenblick eher ein Verwöhnprogramm für den fortschrittlichen Konsumbürger, der darauf baut, das bessere Leben in der Einkaufstüte nach Hause tragen zu können.

Schmid: Die Idee der Freiheit ist: "Lass sie mal machen." Solche Impulse erschöpfen sich, in zwanzig Jahren wird es langweilig werden, ständig nur gut zu essen und zu trinken und Sex zu haben.

ZEIT: Die Lebenskunst hatte in der Antike ursprünglich viel mehr mit Strenge als mit Genuss zu tun.

Schmid: Es geht um die Spannweite zwischen Askese und Ekstase. Viele wollen nur die Ekstase. Aber nur, wenn man sich übt in etwas, sich auch diszipliniert verhält, auch etwas verzögern kann, hat man den besseren Sex. Es geht um Optimierung, nicht um Maximierung. Maximieren Sie mal den Sex, maximieren Sie mal das Essen, das geht gar nicht.

ZEIT: Die neubürgerliche Behaglichkeit und der Kult des nachhaltigen Lebens, des guten Essens und des optimierten Sex wird auch irgendwann öde. Kann man auch zu viel Glück haben?

Schmid: Ich hasse das Thema Glück mittlerweile. Diese ganze Glücksdiskussion ist fatal. Aber wir müssen da durch. Auch durch Pegida müssen wir durch. Was haben die Pegida-Leute für ein Problem? Ihr Glück wird bedroht. Sie wollen Zäune um ganz Deutschland bauen, damit ihr Glück nicht bedroht ist. Alles soll immer gleich, immer identisch bleiben. Doch was sich jetzt vollzieht, ist Veränderung. Gott sei Dank, möchte ich mit unserer Kanzlerin sagen. Die hat es herbeigesehnt. Sie war seit Jahren beunruhigt über die Selbstzufriedenheit der Deutschen, die sich in ihrem Wohlstand eingerichtet haben und glauben, alles sei getan. Und jetzt kommt von außen geschenkt die große Herausforderung, die es unmöglich macht, dass wir gleich bleiben. Und so sehe ich es auch: Es ist ein Gottesgeschenk.

ZEIT: Der vielleicht wichtigste Roman des Jahres 2015 war die Unterwerfung von Michel Houellebecq. Er beschreibt uns Westler in zynischer Absicht als Menschen, die sich selbst nicht mehr aushalten und sich wegen ihrer inneren Leere dem Islam unterwerfen.

Schmid: Houellebecq ist im Zynismus gelandet, da wird er auch sitzen bleiben bis zum Ende seiner Tage. Ich beschäftige mich nicht damit.

ZEIT: Könnten Sie ihm helfen?

Schmid: Der ist nicht zugänglich, der fährt nach Bangkok, vögelt die Thailänderinnen und beklagt zugleich, dass moderne Leute die Freiheit dazu haben. So etwas Bescheuertes.

ZEIT: Houellebecq ist der moderne Tragiker, der das unlösbare Paradox unserer Freiheit, die keinen bestimmten Inhalt hat, auf die Spitze treibt.

Schmid: Er ist zu feige und zu faul, eine andere Lebensform zu finden, sich mit dem Alltag zu beschäftigen, darum, wie man Kinder aufzieht, wie man Essen macht, wie man lebt. Er macht lieber große Theorien über den Untergang der westlichen Welt.

ZEIT: Houellebecq bezweifelt, dass uns irgendwelche lebensphilosophischen Rettungstechniken zur Verfügung stehen. Er glaubt, dass unsere Freiheit hohl ist.

Schmid: Er ist ein Altachtundsechziger, der noch nicht auf dem Stand der Dinge ist. Darin ähnelt er den deutschen Sozialdemokraten, die vor lauter Idealismus nicht in der Lage sind, pragmatische Politik zu machen. Das Wichtigste im Leben ist aber nicht, dass alles gelingt. Wir brauchen Lebenskunst, um mit dem zurechtzukommen, was nicht gelingt. Das Nichtgelingende ist immer das Interessantere.

ZEIT: Was ist Ihre Utopie?

Schmid: Ich habe die Utopie, dass wir eine Gesellschaft der Lebenskunst werden – eine Gesellschaft, die akzeptiert, dass das menschliche Leben auf Problemen aufgebaut ist, die es zu lösen gilt. Und zwar aus dem einzigen Grund, um damit wieder neue Probleme zu schaffen und die wieder zu lösen.

ZEIT: Wozu soll dieses ganze Kleinklein am Ende gut sein?

Schmid: Dass uns nicht langweilig wird. Und dass das Leben seine Räume testet und erweitert. Das Leben selber hat vermutlich kein Bewusstsein, aber wir sind Teil eines ungeheuren Stroms von Leben, dem es darum geht, ausfindig zu machen, wo weiteres und neues Leben möglich ist.

ZEIT: Aber dieser Minimalismus ist manchmal schwer auszuhalten. Und das nicht nur zu Weihnachten.

Schmid: Jeder Mensch macht auch transzendente Erfahrungen. Sie haben mit großer Wahrscheinlichkeit schon mal einen Sex erlebt, der Sie hinweggespült hat, das sind religiöse Momente. Weil man sich selber und die Zeit vergisst, weil man eine hohe energetische Intensität erlebt, weil man sich verbunden mit allem fühlt.

ZEIT: Also doch nur eine Erlebnismetaphysik des guten Lebens?

Schmid: Zeigen Sie mir eine andere.