Der Künstler und Philosoph Philipp Ruch hat viel von sich reden gemacht: Mit gestohlenen Gedenkkreuzen oder symbolischen Begräbnissen protestierte er gegen die EU-Flüchtlingspolitik, unterstützt vom Zentrum für Politische Schönheit, einer von Ruch mitgegründeten Künstlergruppe. Kürzlich legte er unter dem Titel "Wenn nicht wir, wer dann?" ein Manifest vor, das kontrovers diskutiert wurde, auch in der ZEIT (Nr. 48/2015). Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich schrieb, Ruchs Denken sei selbstverliebt und antimodern. Hier die Entgegnung des Künstlers:

Vor vier Wochen warf mir Wolfgang Ullrich vor, mit meinem politischen Manifest "die gesamte Moderne rückabwickeln" zu wollen. Ein Missverständnis: Ich will sie mit wichtigen Ideen aus der Antike unterfüttern.

Der Mensch wird nicht von seiner Kindheit, seinem Milieu, seinem Gehirn, seinen Genen, Hormonen, Werten oder auch "dem Kapitalismus" bestimmt. Der Mensch wird von Ideen regiert. Alles, womit wir dem Rätsel, das wir uns selbst sind, beizukommen versuchen, sind zuallererst das: Ideen. Manche dieser Vorstellungen sind klug, andere schön, nicht wenige aber – und darum geht es mir – rasierklingenscharf. Niemand kommt darum herum, sich ein Bild von dem zu machen, was der Mensch ist. Einige dieser Menschenbilder sind schneidend und führen zu Blutungen in der Seele. Hirnforscher wie Wolf Singer können in ihren Messungen nicht nur keinen freien Willen finden, sie stellen unsere Handlungs- und Schuldfähigkeit an sich infrage. Von der Messbarkeit der Begriffe "Würde", "Seele" und "Integrität" ganz zu schweigen. Für den Neurologen Gerhard Roth handelt es sich dabei um Hirngespinste, mit denen wir uns selbst belügen, um den letzten Rest unserer Bedeutung zu retten.

Wir können den Menschen auf seinen Egoismus reduzieren, auf Gene oder auf seine Verletztheit. Aber wenn wir ihn ernst nehmen und theoretisch erschließen, können wir nicht immer nur auf seine Beschränktheit und schäbigen Seiten blicken. Dann muss es auch darum gehen, wie wir besser werden und dass wir die Anlage haben, etwas unfassbar Schönes zu sein. Das Streben nach Humanität etwa kann unsere Schönheit überhaupt erst sichtbar machen.

Als erster Bundeskanzler überhaupt durchbrach Willy Brandt die Grenze zur DDR und riss kurz darauf die Schallmauer der Herzen in Warschau ein. Selbst nach heutigen Maßstäben preschte Brandt in atemberaubendem Tempo voran und setzte seine Entspannungspolitik durch. Wie war ein derart visionäres und unkonventionelles Verhalten möglich? Die gängigen Ansichten über "den Menschen" geben darauf keine Antwort. Wie kann es sein, dass Menschen aus "Sachzwängen" ausbrechen, Widerstand leisten oder in aussichtsloser Lage Rückgrat beweisen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015.

Eines macht der politische Gipfelsturm Willy Brandts ebenso wie der Widerstand gegen Hitler deutlich: Die Geschichte der Rettung der Humanität, die Geschichte von der Rettung unseres Rufes als menschliche Wesen, wird von Einzelnen geschrieben. Oder wie Christian Schwarz-Schilling es ausdrückt: "Der gesamte Fortschritt der Menschheit fällt auf Einzelne zurück."

Mir kommt es auf den Einzelnen und seine Taten an. Wer sich für die politischen Gipfelleistungen der Menschheit interessiert, kann unmöglich Strukturalist bleiben. Es geht nicht darum, naturwissenschaftliche Erkenntnisse abzulehnen, sondern darum, sie als das zu behandeln, was sie sind: Ideen, mit denen wir uns deuten. Ich lese das, was Physiker oder Genforscher über den Menschen gesagt haben, nicht anders als das, was ein Aristoteles über uns zu sagen weiß. Dabei fällt mitunter auf, dass dieselben Menschen, die sich darüber lustig machen, dass man einst glauben konnte, die Welt sei eine Scheibe, von Ansichten über sich selbst regiert werden, die noch viel flacher, noch eindimensionaler sind. Es gilt, die psychologische Wirkung unserer Bilder vom Menschen auf unser individuelles wie staatliches Handeln zu untersuchen.