Gutes zu tun, ist es nie zu spät. Die allzu spät vollbrachte gute Tat aber wirft kein gutes Licht auf den, der sich endlich – endlich! – zu ihr durchgerungen hat.

So war es schon bei der Entschädigung der Zwangsarbeiter, die vom Nazi-Regime zu Millionen versklavt und aus den besetzten Gebieten ins Reich verschleppt wurden. Erst im Jahr 2000, mehr als ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende, haben Bundesregierung und Unternehmen nach langem Geziehe und Gezerre die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" ins Leben gerufen und je fünf Millionen D-Mark für die Betroffenen bereitgestellt. Viele von ihnen lebten da schon nicht mehr.

Nun – noch einmal 15 Jahre später – soll eine weitere über Jahrzehnte kaum beachtete Opfergruppe entschädigt werden: die ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen. So hat es im Mai der Bundestag entschieden. Zehn Millionen Euro stehen bereit, 2.500 für jeden der geschätzt 4.000 ehemaligen Rotarmisten, die noch am Leben sind und vor nunmehr 70 Jahren die Hölle von NS-Zwangsarbeit und Lagerhaft überstanden haben. Es sind allesamt hochbetagte Männer und einige wenige Frauen, fast alle jenseits der 90 Jahre.

Die Entscheidung des Bundestages ist für die letzten Überlebenden eine Genugtuung, die viele kaum noch für möglich gehalten hätten. Mehr als zehn Jahre lang haben sich die Unionsparteien und die FDP gegen eine Entschädigung gesperrt, immer wieder stand das Thema im Bundestag zur Debatte. Zu verdanken ist die späte Kehrtwende Politikern wie Wolfgang Thierse (SPD), dem wiederholten Drängen der Grünen und der Linkspartei und nicht zuletzt der Beharrlichkeit des Berliner Vereins Kontakte-KOHTAKTbI, gegründet und geleitet von Eberhard Radczuweit.

Seit 2003 streitet Radczuweit, Jahrgang 1941, für eine offizielle Anerkennung der sowjetischen Kriegsgefangenen als NS-Opfer. Zugleich begann er Spenden zu sammeln, weil er fürchtete: Falls es überhaupt eine Entschädigung geben würde, dann käme sie für die meisten womöglich zu spät. "Kriegsgefangenschaft begründet keine Leistungsberechtigung", heißt es in Paragraf 11 Absatz 3 des Stiftungsgesetzes von 2000. Auch was den Rotarmisten in deutschen Lagern widerfahren ist, galt daher als "allgemeines Kriegsschicksal", nicht als NS-Unrecht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 23.12.2015.

Die historischen Fakten sprechen gegen diese Einschätzung. Bis zu 5,7 Millionen sowjetische Soldaten gerieten während des Vernichtungskrieges der Wehrmacht in Gefangenschaft. Da sie als "Untermenschen" und Agenten der "jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung" galten, setzte die Wehrmacht vor ihrem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 sämtliche Kriegskonventionen außer Kraft. Etwa jeder zweite Rotarmist, bis zu drei Millionen Menschen, kam in deutscher Kriegsgefangenschaft ums Leben (zum Vergleich: Bei den Gefangenen aus westlichen Armeen lag die Sterbequote bei 3,5 Prozent). Die Männer erfroren winters auf tagelangen Transporten in offenen Waggons. Sie verhungerten, krepierten an Krankheiten in den Gefangenenlagern im Reich. Sie wurden durch Zwangsarbeit systematisch zu Tode geschunden, wurden erschossen oder totgeprügelt. Die ersten Menschen, die die Deutschen in Auschwitz ins Gas schickten, waren sowjetische Soldaten.