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In dieser Woche wird Wolfgang Schäuble wieder in den Ring steigen. Sie werden schon auf ihn warten, wenn er in Lima landet: Jacob Lew aus den USA, Michel Sapin aus Frankreich, Pier Carlo Padoan aus Italien und die anderen Finanzminister, die zur Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds nach Peru gekommen sind.

Für Schäuble sind solche Reisen immer eine ganz besondere Erfahrung. In Deutschland führt der Bundesfinanzminister die Popularitätsranglisten an, in vielen Ländern der Welt aber steht sein Name für eine herzlose Sparpolitik, die auf nichts und niemanden Rücksicht nimmt. Der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman hat Schäuble einmal vorgeworfen, einen ganzen Kontinent in den Abgrund zu stürzen.

Was denkt er sich eigentlich dabei?

Wolfgang Schäuble ist ein Machtmensch – und wie für alle Machtmenschen ist die Macht auch für ihn mehr als nur Mittel zum Zweck. Es erfüllt ihn mit einer inneren Zufriedenheit, wenn er sich gegen andere durchgesetzt hat, ob in seinem Wahlkreis oder auf einem Weltwirtschaftsgipfel. Man kann sich die Antwort auf die Frage nach Schäubles Antrieb also ganz einfach machen. Die Antwort lautet dann: Er denkt sich überhaupt nicht viel, sondern lässt sich von seinen Instinkten leiten. Dazu passt die Herablassung, mit der sich Schäuble in der Öffentlichkeit über das Ökonomische und die Ökonomen äußert. Es liegen ja auch Welten zwischen der wissenschaftlichen Erkenntnis und der praktischen Politik, in der sich die Lage von einer Sekunde auf die andere komplett verändern kann.

Keynes, Hayek, Piketty – Schäuble hat sie alle gelesen

Doch wie viele einfache Antworten ist auch diese nicht ganz falsch, aber eben auch nicht ganz richtig. Denn Wolfgang Schäuble ist jemand, der politische Entscheidungen immer auch im Grundsätzlichen verankert wissen will. Er hat erstmals in der Geschichte des Bündnisses führende Ökonomen aus aller Welt zu einem Treffen der sieben führenden Industrienationen eingeladen, er hat die Schriften von John Maynard Keynes gelesen und Thomas Pikettys Bestseller über die wachsende soziale Ungleichheit – ein schwer verdaulicher Wälzer von fast 1.000 Seiten – durchgearbeitet.

Wenn man die deutsche Krisenpolitik verstehen will, muss man Schäuble als Ökonomen ernst nehmen. Deshalb ist dies der Versuch, Schäubles wirtschaftspolitischer Weltanschauung nachzuspüren; den Schäublenomics. Die Grundlage für diesen Versuch sind Gespräche mit Schäuble selbst und mit Menschen, die ihn gut kennen. Die Geschichte beginnt mit einem Mann, den man als den Erfinder der Schäublenomics bezeichnen könnte. Sein Name: Fritz Rittner.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 41 vom 08.10.2015.

Rittner war in den sechziger Jahren Professor für Wirtschaftsrecht und Wolfgang Schäubles Doktorvater an der Universität Freiburg. Freiburg ist damals eines der intellektuellen Zentren des Landes. Ökonomen wie Walter Eucken und Franz Böhm haben dort gewissermaßen das ökonomische Betriebssystem der noch jungen Republik ersonnen: den Ordoliberalismus – jenes eigentümliche und für viele ausländische Ökonomen so schwer einzuordnende Gebräu aus linken Sozialstaatsideen und rechter Skepsis gegenüber staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft, von dem noch ausführlicher die Rede sein wird.

Wolfgang Schäuble tritt 1965 in die CDU ein und ist bald ein Teil des Freiburger Politzirkels. Für den Politikwissenschaftler Dieter Oberndörfer organisiert er Vortragsreihen, mit dem sozialdemokratischen Verfassungsrechtler Horst Ehmke liefert er sich heftige Wortgefechte. Schäuble trifft in Freiburg auch auf Friedrich August von Hayek – den intellektuellen Wegbereiter der marktradikalen Reformen von Ronald Reagan und Margaret Thatcher.