ZEIT ONLINE: Herr Lorenzmeier, seit Jahren arbeitet die EU an einem Abkommen, um die Beziehungen zur Ukraine zu vertiefen. Jetzt haben die Niederländer in einem Referendum dagegen gestimmt. Ist das das Ende des Projekts?

Stefan Lorenzmeier: Rechtlich ist das Ganze schon kurios: Parlament und Staatsoberhaupt der Niederlande hatten den Vertrag längst ratifiziert, nur die Unterlagen noch nicht abgeschickt, um den Volksentscheid abzuwarten. Das Ergebnis des Referendums ist für die Regierung rechtlich nicht bindend, aber politisch bedeutsam. Schließlich macht es keinen guten Eindruck, wenn die Regierung etwas durchdrückt, das 20 Prozent der Bürger ablehnen.

Für das Abkommen hat das Nein der Niederländer aber kaum Auswirkungen: Selbst wenn die Niederlande nicht ratifizieren, betrifft das nur wenige Teile des Vertrags. Die wirklich wichtigen Teile des Abkommens liegen allein in der Kompetenz der EU. Der politische Teil des Abkommens ist schon seit Ende 2014 in Kraft, die Freihandelsbestimmungen seit Januar 2016.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet dann das "Nee"?

Lorenzmeier: Das Referendum war vor allem ein Test der direkten Demokratie in den Niederlanden. Bei einem sperrigen Thema wie Freihandel war es doch überraschend, dass überhaupt genug Unterschriften zusammengekommen sind, um ein Referendum abhalten zu können. Offensichtlich ging es bei der Abstimmung eher um eine Haltung zur eigenen Regierung und die EU als um die Ukraine.

ZEIT ONLINE: Der Vertragstext hat mehr als 1.200 Seiten. Was sind die wesentlichen Punkte?

Lorenzmeier: Im Kern handelt es sich hier um ein Freihandelsabkommen. Zölle sollen fast gänzlich abgebaut, Standards angepasst werden. Die Regelung der Wirtschaftsbeziehungen macht den Großteil des Vertragswerks aus.

Politisch betrachtet aber geht es um nicht weniger als die Europäisierung der Ukraine. Die Ukraine verpflichtet sich quasi, ihre Staats- und Gesellschaftsform von Grund auf zu verändern. Die Ukraine soll ein Rechtsstaat nach dem Vorbild der EU werden, dafür wird das Rechtssystem überholt. Ein Kernpunkt ist dabei die Bekämpfung von Korruption durch neue, strengere Gesetzgebung.

ZEIT ONLINE: Was für einen Nutzen versprechen sich beide Seiten von einem so weitreichenden Pakt?

Lorenzmeier: Das sind vor allem wirtschaftliche Interessen. Die EU erschließt sich so einen weiteren, wichtigen Absatzmarkt. Und die Ukraine setzt darauf, dass sie gerade ihre landwirtschaftlichen Produkte besser verkaufen kann. Dahinter steht eine der Grundideen der EU: Je freier der Handel, desto mehr Wohlstand entsteht für alle. Und desto freundlicher sind die Beziehungen zu den Nachbarn. Ob das immer klappt, sei dahingestellt.

ZEIT ONLINE: Was macht das Abkommen so umstritten?