Als Diana B. an einem Tag im Juni zwei Taschen packt und ihren Mann und ihre vier Kinder verlässt, bekommt es erst keiner mit, und dann, als es jeder weiß, kann es keiner glauben. Alle haben sie für eine glückliche Mutter und Ehefrau gehalten. Die mit ihren Kindern auf dem Fußboden balgt und durch den Wald rennt. Ein Foto, das zwei Jahre vor ihrer Flucht aufgenommen wurde, zeigt sie im eleganten Kostüm auf dem Sofa mit ihrem Mann, der seinen Arm um sie legt. Beide lächeln.

"Ich war angepasst bis zur Selbstaufgabe", sagt Diana B.

Dabei war ihr, seit sie denken kann, immer klar, dass es sie zweimal gibt. Einmal als die Frau, die sich verhält, wie die Welt es erwartet, und einmal als die andere, die fühlt und denkt, wie es niemand vermutet und sie es niemandem sagen würde. "Ich habe in den langen Jahren gelernt, dass es Dinge in mir gibt, die so absonderlich scheinen, dass man darüber besser nicht spricht", sagt sie. Nur fehlte ihr dafür all die Jahre eine Erklärung. Selbst noch nachdem sie ihre Familie verlassen hatte, wusste sie nicht, was mit ihr los war.

Heute weiß sie es. Diana B. hat das Asperger-Syndrom, eine Variante des Autismus, die oft mit hoher Intelligenz, aber niedrigem Einfühlungsvermögen einhergeht. Die Betroffenen sind schnell überfordert, weil ihr Gehirn die Reize aus der Umgebung nicht filtern kann; sie brauchen Routinen und Konstanz. Zwischentöne und Ironie, Gesten oder Gesichtsausdrücke können sie nur schwer deuten. Ihre Aufmerksamkeit richten sie eher auf Dinge. Für Diana B. sind es Landkarten oder Kirchenfenster.

Ihr Gesicht ist kantig, die grauschwarzen Haare hat sie bis auf wenige Millimeter abrasiert, sie trägt Khakihose und Karohemd – auf ein frauliches Äußeres legt die 50-Jährige seit Jahren keinen Wert mehr. Neben sich auf die Fensterbank hat sie sich ein Glas gestellt mit dem Schriftzug: "Ich bin anders als die anderen – ich bin schlimmer."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015.

Schon als Kind hatte Diana B. gelernt, dass vieles, was ihr logisch erscheint, für andere absonderlich ist. Wenn sie den Kinderwagen nicht mit Puppen belud, sondern mit Holz und Brettern, um ihn in den Wald zu schieben. Wenn sie auf die Frage der Lehrerin am ersten Schultag, ob alle Kinder sie gut sehen könnten, antwortete: "Wieso, Sie sind doch groß genug!", und dafür einen Rüffel erhielt. Wenn sie Gedanken hatte, die sie nicht aussprechen durfte, wie den, als ihre Oma starb und im Tuch, halb zusammengeklappt, die schmale Wendeltreppe hinuntergetragen wurde: "Hier wird der Rest entsorgt."

Lange Zeit dachte man, fast nur Männer haben das Syndrom. Der englische Autismus-Forscher Simon Baron-Cohen sieht hinter dem Autismus gar ein "extrem männliches Gehirn" – mit geringer Empathie- und hoher Systematisierungsfähigkeit. Neuere Untersuchungen legen dagegen nahe: Unter den rund 400.000 Deutschen mit dem Asperger-Syndrom könnten bis zu 100.000 Frauen sein. Sind Frauen also unterdiagnostiziert?

Christine Preißmann hat darauf eine Antwort. Die Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie hat mit 27 Jahren selbst die Diagnose bekommen. Preißmann sagt, dass sich Frauen mit dem Asperger-Syndrom besser tarnen: Sie imitieren andere und überspielen ihre Symptome. Ein Großteil schlüpft so durch das Raster der Diagnosekriterien. Das bedeutet: Tausende Frauen werden in Deutschland wahrscheinlich spät oder gar nicht diagnostisch erfasst, führen ein Doppelleben, weil sie sich dafür schämen, anders zu sein als der Rest der Welt.

Frauen, die nicht ahnen, dass sie das Asperger-Syndrom haben, leiden ganz besonders. Denn sie wissen nicht einmal, warum sie sich immer so schwertun, den Erwartungen anderer zu entsprechen. Sie verbiegen sich, verleugnen ihr Selbst und scheitern am Ende doch. Für all diese Frauen will Diana B. ihre Geschichte erzählen. Die Geschichte ihrer Lebenslüge und ihrer Emanzipation.

In einer Feriensiedlung auf einem von Wald bedeckten Hügel reihen sich die Bungalows aneinander. Vor einem der Holzhüttchen stehen Terrakotta-Blumentöpfe, der Größe nach aufgereiht. Halb heruntergezogene Jalousien schirmen die Sonne ab, nur ein schmaler Lichtbalken fällt durch das Fenster auf die Bodenplatten. Eine von ihnen fixiert Diana B. durch ihre Brille. Sie kann sich so besser konzentrieren. Erst seit ihrer Diagnose gestattet sie sich so etwas. Sie hat den abgewendeten Blick einer Blinden.