Als sich das Menschengewimmel vor dem Zug lichtet, steht irgendwann nur noch er da, ganz allein, ganz am Ende von Gleis 2, sein Schatten so lang, als wollte er Minuten vor seinem Besitzer Hallo sagen.

"Hallo", ruft Azad Abramov den Schritten entgegen, die sich nähern. Ein kleiner Mann mit einer Schiebermütze auf dem Kopf, unter der sich schwarze Locken kringeln, ein paar weiße auch, er ist 52 Jahre alt. Er trägt einen Windbreaker, eine Sonnenbrille und auf dem Rücken einen Rucksack, so groß, dass er darunter wirkt wie eine Schildkröte.

"Hallo", sagt er noch einmal, als ich vor ihm stehe, und hakt sich ein, als wären wir alte Freunde. Sind wir aber nicht. Wir treffen uns zum ersten Mal an diesem Mittwoch im Dezember. Azad Abramov ist zum ersten Mal in Hamburg. Ein Tourist, einer von Millionen, die jedes Jahr in die Stadt kommen. Und doch nicht irgendeiner. Sein Blick auf diese Stadt ist nicht zu vergleichen mit dem Millionen anderer Menschen.

Eingehakt laufen wir Gleis 2 hinunter in Richtung U-Bahn. "Sie müssen nur Bescheid sagen, wenn eine Stufe kommt", sagt Azad Abramov.

Er ist blind.

Seit er ein Kind ist, hat er kein Licht gesehen, keine Farben, nichts. Hat auch keine fremden Städte gesehen, keine Orte außer Baku in Aserbaidschan, wo er geboren wurde. Aber was heißt schon "gesehen"? Städte sind ja keine Fotoalben; sie sind mehr als die Summe ihrer Schönheiten und Eigenheiten. Mehr als das, was das Licht umspielt, strukturiert, manipuliert.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015.

Städte sind auch das, was man nicht sieht. Ein Gefühl. Eine Sammlung von Geschichten, Geräuschen, Gerüchen und Gerüchten. "In München", sagt Azad Abramov, als wir am Gänsemarkt aus der Bahn steigen, "in München fällt der Wind den Menschen von oben auf den Kopf. Hier nicht." Hier, am Emporio-Hochhaus, bläst er den Menschen horizontal ins Gesicht. Hier liegt Azad Abramovs Hotel.

Er hat von einer Reise nach Hamburg geträumt, seit er als Jugendlicher Beatles-Fan wurde. Damals war Abramov schon blind – für seine Reisen brauchte er noch nie Licht. Seine drei Tage in Hamburg werden Tage vollkommener Dunkelheit sein. Und doch werden diese drei Tage Dinge über die Stadt ans Licht bringen, die man so noch nie gesehen hatte.

Wir setzen uns in die Lobby, bis ein Hotelmitarbeiter Zeit hat, den Gast aufs Zimmer zu bringen. "Welche Farbe hat unser Sofa?", fragt Abramov. Blau. "Und der Boden?" Blau. "Und die Wand?" Auch blau. "Alle gleich blau?" Nein, das Sofa ist heller als die Wand, der Boden geht mehr ins Graue. "So graublau wie meine Jeans?"

Farben sind ein großes Thema für Azad Abramov, immer wieder will er in den nächsten Tagen wissen, welche Farbe die Dinge haben. Die Barkasse, mit der wir im Hafen fahren, die Polster der U-Bahn, der Himmel. Wird sich immer wieder freuen, weil die Antwort so oft Blau lautet und das seine Lieblingsfarbe ist.

Das ist eine neue Erkenntnis: wie blau Hamburg ist. Und wie viele unterschiedliche Nuancen dieses Tons die Stadt in sich trägt.