Die Angela Merkel des Jahres 1709 hieß Anne Stuart. Das Bildnis der Königin von England wurde zum Hoffnungszeichen der Verfolgten und Verarmten. Tausenden verhieß es Schutz, Zuflucht und Hilfe, und so kam es, dass im Frühjahr und Sommer 1709 rund 13.000 elende Gestalten im Osten Londons strandeten, allein im Mai waren es mehr als 6.500. Alles Geld, das sie aufbringen konnten, hatten sie für die Fahrt ausgegeben. Nun steckten sie fest, und in England entbrannte eine erregte Debatte. Wohin mit den Flüchtlingen?

Eine provisorische Zeltstadt wurde errichtet; es herrschten chaotische Zustände. Die Behörden waren überfordert, die Bürger besorgt – um das Wohl der Fremden und um ihr eigenes. Die reichen Londoner besuchten die Zelte aus Neugier; manche spendeten großzügig. Die Armen der Stadt pöbelten und prügelten. Sie fürchteten die Neuankömmlinge als Konkurrenz.

In Rotterdam hatten sich die Männer, Frauen und Kinder nach England eingeschifft, zuvor waren sie den Rhein hinabgefahren. Zu einem großen Teil stammten sie aus der Pfalz, einer der schlimmsten Krisenregionen des Heiligen Römischen Reiches. Poor Palatines nannte man sie auf der Britischen Insel, arme Pfälzer, ein Begriff, der zu einem Synonym für deutsche Auswanderer wurde.

Einwanderer waren der britischen Krone willkommen. Aber nicht 13.000 auf einmal

In die Diskussion mischte sich schon früh ein Schriftsteller ein, der zehn Jahre später mit seinem Roman Robinson Crusoe Weltruhm erlangen sollte: der 1660 in London geborene Daniel Defoe. Von 1706 an publizierte er in regelmäßigen Abständen seine Review of the State of the British Nation, eine Art Bericht zur Lage der Nation. In der Ausgabe vom 2. Juli 1709 befasste er sich mit den deutschen Flüchtlingen. "What shall we do with them?", fragte er in seinem Beitrag, den wir hier, erstmals ins Deutsche übersetzt, wiedergeben. Defoe analysiert darin die Stimmung im Lande, unterbreitet Vorschläge und fasst in knappen Worten das Für und Wider zusammen, das auch mehr als 300 Jahre später noch die Flucht- und Einwanderungsdebatten bestimmt.

Ursachen waren wie heute Krieg, konfessionelle Zwietracht und Armut. Die Pfalz, woher die meisten Elenden nach London kamen, litt noch lange nach 1648 unter den Folgen des Dreißigjährigen Krieges. Zwischen 1688 und 1697 zerrüttete zudem ein Erbfolgestreit das Land, französische Truppen kamen als Besatzer, die Bevölkerung verarmte, und im extrem harten Winter 1708/09 erfroren Weinstöcke, Wintersaat und Obstbäume. So kalt sei es gewesen, erzählte man später, dass die Vögel im Flug erstarrt und vom Himmel gefallen seien.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015.

Schon vor dieser Katastrophe zog es einige Pfälzer in die Fremde. Einer von ihnen war Joshua Harrsch, ein Vikar aus Eschelbronn nahe Mannheim, der für den Ansturm von 1709 eine entscheidende Rolle spielte. 1704 reiste er nach London, wo er Großgrundbesitzer aus der Neuen Welt kennenlernte, aus Carolina und Pennsylvania. Dort siedelten schon seit Jahrzehnten deutsche Auswanderer, Germantown hieß eine ihrer Gründungen.

Harrsch hörte, es würden dringend Arbeitskräfte gesucht, und so verfasste er nach seiner Rückkehr eine Broschüre, die zu einem Auslöser der Pfälzer Massenwanderung wurde. Ausführlich- und umständlicher Bericht von der berühmten Landschaft Carolina in dem Engelländischen Amerika gelegen lautete der Titel des Traktats. Vorsichtshalber veröffentlichte Harrsch es nicht unter seinem echten Namen, sondern fügte hinzu: An den Tag gebracht von Kocherthalern.

Dass sich hinter dem Pseudonym Kocherthaler ein deutscher Vikar verbarg, der selbst auswandern wollte, und dass dieser Geistliche aus der Provinz die "berühmte Landschaft Carolina" nur vom Hörensagen kannte, ahnten die Leser seiner Schrift nicht. Sie ging von Hand zu Hand, man nannte sie das "goldene Buch". Die schicksalsgeplagten Pfälzer und bald auch Deutsche aus anderen Regionen des Reiches nahmen für bare Münze, was sie lasen – und glaubten auch, wie Harrsch alias Kocherthaler ihnen verhieß, dass Königin Anne von England erwäge, für eine kostenlose Überfahrt nach Amerika zu sorgen. Etliche Ausgaben seiner Schrift hatten ein Konterfei der britischen Königin auf dem Titelblatt.

Was hat den Mann getrieben, solche Gerüchte in die Welt zu setzen? Offenbar, vermutet die Historikerin Simone Eick, die seit 2006 das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven leitet, hatten die amerikanischen Großgrundbesitzer ihn gebeten, Arbeitskräfte anzuwerben als Gegenleistung für seine Überfahrt. Die Königin selbst ahnte von Harrschs Versprechungen nichts. Und auch sonst niemand auf der Britischen Insel.

Die Ankunft der Pfälzer stellte die britische Metropole daher nicht nur vor eine gewaltige logistische Herausforderung, sondern auch vor eine grundsätzliche Frage: Einwanderung ja oder nein? Das hatte man sich zwar auch schon zuvor gefragt. So waren der Königin deutsche Arbeitsmigranten in den Jahren zuvor durchaus willkommen gewesen – um sie in den neuenglischen Kolonien in Übersee anzusiedeln, wo sie unter anderem Harz für den Schiffbau gewinnen sollten (Vikar Harrsch selbst ging 1708 mit Billigung der britischen Krone just diesen Weg). Aber 13.000 auf einen Schlag?

Katholiken, die sich weigerten zu konvertieren, wurden abgeschoben

Daniel Defoe betrachtete die Krise in seiner Review als Chance. Doch die Sache ging nicht so aus, wie er es sich wünschte: Die britische Regierung verhängte einen Aufnahmestopp. Die Katholiken unter den Flüchtlingen, die sich weigerten zu konvertieren, expedierte man schon im Sommer 1709 zurück nach Rotterdam – ihnen wollte man im protestantischen England kein Asyl gewähren (zumal man im Krieg mit dem katholischen Frankreich lag). Auch als sich herausstellte, dass die meisten protestantischen Pfälzer nicht akuter religiöser oder politischer Unterdrückung entronnen waren, sondern als "Wirtschaftsflüchtlinge" kamen, waren die Engländer not amused.

Schließlich brachte man einige Tausend poor Palatines ins mindestens so arme Irland, das damals noch zu England gehörte. Sie sollten die vielen verwaisten Höfe übernehmen, das Land neu bevölkern – ein Vorhaben, dem leider kein großer Erfolg beschieden war.

Mehrere Hundert schickte die Regierung als billige Arbeitskräfte in die britischen Kolonien in Übersee, die meisten in die Provinz New York, einige aber gelangten auch in die "berühmte Landschaft Carolina". Ein besseres Leben erwartete dort die wenigsten, und mitnichten erhielten sie einen Freifahrtschein. Die "armen Pfälzer" mussten in der neuen Heimat ihre Schulden in Form jahrelanger Arbeitsdienste abstottern.

In England selbst blieben bis zu 3.000 Flüchtlinge. Sie wurden angesiedelt, was zunächst Konflikte auslöste. Mit der Zeit aber wurden aus den meisten dieser Pfälzer respektierte Briten.

Das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven zeigt noch bis 31. Mai 2016 die Ausstellung "Plötzlich da" über deutsche Auswanderer und die Einwanderung nach Deutschland. Unter anderem ist dort das Original von Defoes Artikel aus dem Jahr 1709 zu sehen.