Neuerdings führt man ja auch auf Partys Gespräche über Politik. Mir fiel das neulich in London auf. Eine Freundin hatte Geburtstag und feierte bei sich zu Hause. Es gab Champagner und einen veganen Schokokuchen, der aus Avocadocreme und Kokosnuss bestand und genau genommen also gar kein Schokokuchen war. Eine angenehme Abwechslung zu meiner Arbeitswoche: In stickigen Pubs hatte ich lauter Interviews mit Brexit-Befürwortern geführt.

Die Gespräche hatten stets mit der Frage begonnen, warum sie beim britischen Referendum für einen Austritt aus der EU stimmen wollten. Irgendwie waren wir dann immer bei Deutschland gelandet. Und bei mir und meiner Einstellung zu meinem Land.

Was hatte ich mir alles anhören müssen: dass Merkel die Flüchtlinge nach Europa eingeladen habe und nun allen anderen aufbürden wolle. Dass sie Schengen eigenhändig außer Kraft gesetzt habe, weil sie sich um die anderen Länder nicht schere. Und dass die Deutschen Europa heimlich beherrschen wollten, ach was: schon beherrschten! Deutschland war in diesen Erzählungen immer das mächtigste und egoistischste Land von allen. Das Amerika von Europa sozusagen.

Solche Situationen habe ich 2015 oft erlebt, und häufig waren sie unangenehm. Ich kam mir dann vor wie ein nationaler Blitzableiter. Meinen Gesprächspartnern machte ich klar, dass ich zwar deutsche Reporterin, aber nicht deutsche Botschafterin bin. Ich verstand selbst nicht immer, was die Deutschen da machten. Schäubles Umgang mit der griechischen Regierung fand ich zum Beispiel oberlehrerhaft und kleinherzig.

"Und, wie ist die Stimmung in der CDU so?", fragte mich ein Partygast namens John. Auch das gehört zu diesem neuen Deutschland-Ding: Selbst im Ausland sind sie nun gut informiert über unsere Innenpolitik.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015. Weitere Artikel von ZEIT-Mitarbeitern zum Thema "Was dieses Jahr mit uns gemacht hat" finden Sie in der aktuellen ZEIT.

"Ach, weißt du, es ist schwierig", antwortete ich. "Wir haben so viele Flüchtlinge, viele Leute in der Partei mögen das nicht." Er nickte. Großbritannien nimmt keinen einzigen der in Europa gestrandeten Menschen auf, stattdessen werden handverlesene syrische Familien aus den Flüchtlingscamps im Nahen Osten eingeflogen. Viele Briten finden diese strenge Politik gut. Viele Deutsche wünschten sich vermutlich auch mehr davon.

"Wir sollten viel mehr für die Flüchtlinge tun", sagte John. "Ich schäme mich für mein Land." Erstaunt sah ich ihn an. Es war nicht gerade ein Satz, den man beim Small Talk auf einer Party erwarten würde.

"Ich bewundere eure Kanzlerin", fuhr er fort, "sie kämpft für die richtige Sache!" In Johns Augen tat Merkel, was Cameron und andere europäische Regierungschefs auch tun sollten. Es ging ihm nicht um die Vorherrschaft in Europa, es ging ihm um das richtige oder falsche Handeln. Je mehr ich darüber nachdachte, desto überzeugender fand ich seine Sicht. Seit diesem Jahr empfinde ich Merkel zum ersten Mal als "meine Kanzlerin". Wir stießen mit Champagner an. Ein ungewohntes Gefühl stieg in mir auf: Ich war stolz, eine Deutsche zu sein.

Flüchtlinge - "Mehr Freiheit in Deutschland" DIE ZEIT und ZEIT ONLINE haben mehrere Wochen lang Flüchtlinge in die Redaktion eingeladen, um gemeinsam Journalismus zu machen. Wir waren mit der Kamera dabei.