Daniele Giglioli © Edizioni Nottetempo

Besinnlichkeit! Worauf könnte man sich, in der Unordnung der Gegenwart, zur Jahreswende denn besinnen? Ein schmales Buch, gut hundert Seiten lang, angenehm fest kartoniert, eignet sich zwar nicht für Behaglichkeit, aber doch zum Nachdenken darüber, wie es weitergehen kann. Denn es behauptet, so spitzt der Verlag es im Titel zu, die Vergangenheit lege die Zukunft in Fesseln: Wir lassen uns freiwillig stillstellen.

Daniele Giglioli, der das Buch Die Opferfalle geschrieben hat, ist beunruhigt. Er wagt sich gedanklich weit hinaus, aber seine Überlegungen treffen einen Nerv. Italienische Leser kennen Giglioli, Mitte 40, Literaturprofessor in Bergamo, durch seine Beiträge in den Zeitungen Corriere della Sera, La Stampa, Il manifesto. Dieses Buch ist nun die erste Intervention von ihm, die auch auf Deutsch erscheint.

Was macht ihn so ungehalten? Giglioli diagnostiziert eine verbreitete Vorliebe, es sich im Gefühl der Ohnmächtigkeit bequem zu machen. "Das Opfer ist der Held unserer Zeit. Opfer zu sein verleiht Prestige, verschafft Aufmerksamkeit. Es immunisiert gegen jegliche Kritik." Der Mensch, der sich als Opfer versteht, hält sich fern von der schmutzigen Geschichte der Macht, er wünscht nicht, an ihr teilzuhaben. Und will dies als Unschuld verstanden wissen. Das, sagt Giglioli, ist Erpressung.

Der Essay Die Opferfalle ist ein Manifest für die Wiederbelebung des politischen Bildes vom Menschen, der gegen Wehrlosigkeit kämpfen kann. Sogar die humanitäre Zuwendung ist für Giglioli ein Ärgernis, sie bedeutet: "Mangel an Politik". Er will niemandem ersparen, den von Kant empfohlenen Ausgang aus der Unmündigkeit zu wählen. Gewidmet ist dieses Buch "all jenen Opfern, die keine mehr sein wollen". Und er selbst will, mit Kant, den Blick schärfen: Kritik, das sei Unterscheidungsfähigkeit. Sie diene dazu, das reale Opfer vom imaginären zu unterscheiden. Der Essay ist 2014 im Original unter dem Titel Critica della vittima, "Kritik des Opfers", erschienen.

Daniele Giglioli formt seine Thesen – als essayistische Konstellation aus Zitaten, Annäherungen, Zuspitzungen – aus einigen der zentralen Werke der zeitgenössischen Philosophie und Kunst, von René Girard über Judith Butler bis zu Jacques Rancière. Ein Essay, das heißt: Es gibt keinen Anspruch auf Systematik und Begriffsschärfe. Es gibt kaum Fakten. Aber Verdichtungen: Giglioli stellt fest, dass das zeitgenössische Denken sich in seinen Bildern vom Menschen eher der Schwäche, den Rissen, Brüchen, dem Verletzten und Verletzlichen zuwende als dem Handeln.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015.

Er nennt als Beispiele Girards Studien zur Bedeutung des unschuldigen Opfers in der christlich geprägten Geistesgeschichte, er nennt den Gedanken der Verwundbarkeit bei Emmanuel Lévinas, auch die Figuren der Grenzen des Lebens bei Jacques Derrida. Er würdigt diese Arbeiten und sagt glasklar, dass eine riesige Kluft ihre Einsichten vom Selbstmitleid der "opportunistischen Viktimisten" trenne.

Doch hält er fest: Die Opferrolle hat sich in den Köpfen eingenistet, sie gewinnt immer. Und er fragt: Wo bleibt in dieser Perspektive die Wahrnehmung all der politischen Errungenschaften wie der Schulpflicht, des Wahlrechts, der Frauenrechte, der Bürgerrechte, der Redefreiheit? Sind sie nicht von Menschen erstritten worden? Warum gilt nur der Schmerz als wahr oder eben Gewalt? Konkret: Warum sahen zwei Milliarden Menschen weltweit zu, wie die unglückliche Prinzessin Lady Diana zu Grabe getragen wurde?

Ob er sich Pasolinis Rote Notizbücher vornimmt, in denen der Künstler sich als Gekreuzigten sieht, ob es Hollywood-Filme zum Vietnamkrieg sind oder Elsa Morantes Jahrhundert-Roman La Storia mit seinen Bildern der reinen Unschuld: Giglioli handelt von der Lust daran, nichts für den Schlamassel zu können, in dem man steckt. Das reale Leid stellt er mit keiner Silbe in Abrede. Aber die Figur, gegen die er argumentiert, beansprucht die Teilhabe an einem Mythos: Diese Figur hält sich bloß für ein Opfer. Sie zieht das Passiv dem Aktiv vor. Sie will lieber daran festhalten, was ihr oder anderen in der Vergangenheit zugestoßen ist, als die Realität zu verändern und dabei auch Fehler zu machen. Sie schätzt das Schicksal, die Ohnmacht.

Weil unsere Gegenwart von Subjektivität und Gefühlen durchtränkt ist, sagt Giglioli, gibt es massenhaft imaginäre Opfer. Wer die gefühlte Unschuld und Wahrheit auf seine Seite bringt, wer sich als verletzt zeigt und seine Geschichte erzählen will, der macht das Rennen, der hat die Macht. Raus aus der Geschichte und lieber rein in Geschichten: Storytelling! Giglioli hat dabei gar nicht besonders all die im Blick, die bekannterweise auf ihrer Geschichte als Opfer bestehen, ob Schwule oder Schwarze, er nennt auch die akademische Identitätssuche in Gay Studies, Black Studies, Queer Studies nur beiläufig. Sondern er zielt auf diejenigen, denen im Grunde nichts fehlt. Oft seien es sogar die realpolitisch Mächtigen, die Gewalttätigen, die sich als Opfer aufführten, von Hitler bis zum Radikalislamisten.

Und Giglioli beklagt: Indem die Wohlsituierten sich zu Opfern mythologisieren, schaffen sie die Fürsorgepflicht ab, geben sie denen recht, die keine Lust mehr aufs Steuernzahlen haben. Nicht minder ärgert er sich über die ganz normale kostenlose Erregung, das folgenlose Gedenken an zahllosen italienischen Gedenktagen, die emotionale Abfuhr durch Mitleid und fordert stattdessen: Solidarität mit politischen Folgen. Handeln, er nennt es agency.

Je länger man diesen Essay liest, desto unabweisbarer will man allerdings wissen, was real ist. Wie dient all diese Kritik nun dazu, das reale Opfer vom imaginären zu unterschieden? Die Flüchtlingswanderungen haben diese Frage Tag für Tag neu nach Europa getragen, während der (übrigens hervorragende) Übersetzer an diesem Buch arbeitete und Giglioli nichts mehr für die Aktualisierung seiner Argumente tun konnte. Die Bürgerkriegsflüchtlinge, die IS-Terroristen und die große Mehrheit all der flirrenden Gut-Böse-Mischungen menschlicher Eigenschaften, die eine erodierende Weltordnung uns präsentiert, sie sind ein harter Realitätstest für ein Buch über Opfer. Wer das Bild des ertrunkenen Flüchtlingskindes am Strand vor Augen hat, wird Gigliolis Kritik der Opfer mit wachsender Skepsis und Ungeduld lesen – bis die Geduld ganz erschöpft ist.

Denn das reale Opfer und das reale Leid verschwinden in Gigliolis Kritik, leider, gegen seine erklärte Absicht, in einer Rhetorik, die die Unterscheidungskraft trübt. Immer wieder verschwimmt, was eben noch unterschieden sein sollte: Inwiefern sollten denn die humanitären UN-Kräfte mit literarischen Bildern der Unschuld vergleichbar sein? Was bitte haben die "Ärzte ohne Grenzen" mit Leuten zu tun, die damit ausgelastet sind, sich selbst zu bedauern? Giglioli polemisiert gegen eine humanitäre, opferverliebte Moralität, die sich selbst überallhin vorbeischickt, ob als Polizist, Ärztin oder Helfer – und diese Haltung soll wirklich in Afghanistan, im Irak, in Srebrenica dem gleichen Muster gefolgt sein? Man muss diese Einsätze nicht für erfolgreich halten, aber wie nur kommt der kämpferische Italiener auf die Idee, sie seien alle ein Ausdruck des Mangels an Politik, gleichermaßen weder politisch gedacht noch mühsam in Parlamenten erstritten, noch zwischen Regierungen abgestimmt?

Wo sind Gigliolis Kriterien, die angeben, welche Rechtsprechung, welche Strafe, welche Würdigung dafür sorgen kann, etwa in Ruanda, in Syrien, im ehemaligen Jugoslawien, dass Opfer und Täter je wieder in einer Gesellschaft zusammenleben? Und: Will Giglioli in seiner Polemik gegen Exzesse der Gedenkindustrie wirklich das Erinnern an die Opfer wieder aus der Welt schaffen, das nach 1945 die europäischen Gesellschaften zivilisiert hat? Will er außerdem wirklich ignorieren, dass die Spätmoderne tatsächlich neue Ohnmachtserfahrungen mit sich bringt, die das Handeln ersticken oder absurd erscheinen lassen? Hat der Mann mit seiner Neigung zur agency nie versucht, einen Billigflug umzubuchen oder die Elektronik eines Haushaltsgeräts zu besiegen?

Und ja, es gibt Passagen dieses Essays, die man liest, ohne nur ahnen zu können, von wem die Rede ist und wer gemeint sein könnte. Der Führer, der sich als Opfer geriert, wer wäre das, außer Hitler natürlich, denn Merkel ist es gewiss nicht, Obama nicht, nicht mal Erdoğan? Das ist alles in allem allzu viel Unschärfe. Auch giftige Vorsätze könnten sich deshalb leicht bei Giglioli bedienen. Das Kind, an dem sich ein Erwachsener vergeht, der türkische Dönerhändler, der ermordet wird, die Familie, deren Wohnung in Aleppo in Trümmern liegt, sie alle haben Besseres verdient, als in eine Grauzone zwischen Aktiv und Passiv gezerrt zu werden, wo ihr Leiden als Opfergetue verdächtigt werden kann. Natürlich findet sich keins dieser Beispiele bei Giglioli. Aber wer wie er die Unterscheidungskraft einfordert, der sollte sie auch entfalten und Kriterien nennen, nach denen der eine ein Salonhumanitärer ist, die andere Anrecht auf Wiedergutmachung hat, eine Dritte Anspruch auf Mitgefühl, eine Vierte Asylrecht genießt.

"Die Frage verdient eine weitere Untersuchung", mit dieser lapidaren Feststellung endet das kleine ungemütliche Buch. "Wir stehen eindeutig erst am Anfang." Da allerdings hat Giglioli wirklich recht.

Daniele Giglioli: Die Opferfalle.
Wie die Vergangenheit die Zukunft fesselt; a. d. Ital. v. Max Henninger; Matthes & Seitz, Berlin 2015; 127 S., 14,90 €

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