Es gibt Überzeugungen, die sich so tief in die Köpfe der Menschen graben, dass sie niemand mehr hinterfragt. Dazu gehört der Glaube, dass Frauen nicht einparken können. Bestseller wie Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken nähren diese Volksweisheit mit Studien aus England, Singapur, Deutschland, die alle zu dem Ergebnis gelangt sein wollen, dass sich Frauen beim Manövrieren in eine Parklücke sehr viel dümmer anstellen als Männer. Populärhirnforscher wie Gerald Hüther liefern die vermeintlich wissenschaftliche Erklärung dafür: Der Hippocampus, verantwortlich für die räumliche Orientierung, sei im männlichen Gehirn dicker als im weiblichen, weshalb Männer besser rückwärts einparken könnten.

Wie stark dieses Vorurteil im Alltagswissen verankert ist, zeigt eine Emnid-Umfrage, die ZEIT Wissen einmal in Auftrag gegeben hat: Fast 80 Prozent der befragten Männer glauben, gut einparken zu können, aber nur 52 Prozent der Frauen.

Man könnte jetzt die biologistische Forschung (Die Gene! Das Gehirn!) der vergangenen Jahrzehnte infrage stellen. Und die These wagen, dass Stereotype unser Verhalten überhaupt erst prägen. Wenn Frauen immerzu hören, die Straße sei das Territorium des Mannes, setzt irgendwann ein Teufelskreis ein: Erst verlieren sie die Lust hinterm Steuer, dann die Übung, und am Ende trauen sie sich nichts mehr zu. Der Glaube an die fundamentale Verschiedenheit von Männern und Frauen reproduziert sich. Die Prophezeiung erfüllt sich selbst.

Hirnforschung - Gibt es Geschlechtsunterschiede bei Intelligenz?

Oder aber man vergisst die ganze Theorie und macht den Test: den ultimativen Geschlechter-Einpark-Contest. Hierfür beordert man an einem verregneten Dezembermorgen fünf ZEIT-Mitarbeiterinnen und fünf ZEIT-Mitarbeiter (nicht alle kamen freiwillig) auf das Gelände des TÜV Nord in Hamburg-Eimsbüttel und gibt ihnen einen Auftrag: Sie sollen die Geschlechterfrage des 21. Jahrhunderts ein für alle Mal klären.

Bevor es losgeht, gibt es Limo und Lebkuchen im Besprechungsraum, die Gender-Forschung soll nicht an einem zu niedrigen Blutzuckerspiegel scheitern. Vorne steht Hans-Peter Rupp. Der TÜV-Sachverständige nimmt seit 18 Jahren Führerscheinprüfungen ab, mehr als 2.500 Mal hat er schon die existenzielle Frage der Heranwachsenden beantwortet: Bestanden oder nicht bestanden? Der Mann kennt sich aus mit Angst. Stressflecken, Schweißausbrüche, schlotternde Knie – in all den Jahren ist Rupp nichts Menschliches fremd geblieben.

Und so verwundert es den Prüfer auch nicht, dass sich nun die ersten ZEIT-Kollegen die feuchten Hände an der Hose reiben, andere sitzen bloß da, blass und schicksalsergeben, und hören zu, wie Rupp die Spielregeln erklärt: Jeder Teilnehmer muss einmal längs einparken, rückwärts, versteht sich, und dabei möglichst dicht und parallel zum Bordstein anhalten. Er hat maximal zwei Versuche mit jeweils maximal zwei Korrekturzügen. Wer auf den Bordstein auffährt, muss neu ansetzen, wer das davor oder das dahinter parkende Auto touchiert, wird disqualifiziert.

Am Ende wird das persönliche Abschneiden in ein Punktesystem übersetzt: 20 Punkte, wenn das Auto korrekt in der Parklücke steht. Wer es nicht beim ersten Versuch schafft: minus fünf Punkte. Für jeden Korrekturzug: einen weiteren Minuspunkt. Stehen Vorder- und Hinterrad nicht parallel zum Bordstein, gibt es je angefangene zehn Zentimeter Abstand zwei Punkte Abzug. Und natürlich zählt auch die Zeit.

Der Schauplatz des Geschlechterkampfs ist eine sieben Meter große Parklücke auf dem TÜV-Parkplatz. Entschieden wird er mit einem 7er-Golf, Benziner, 6-Gang-Getriebe, mit Einparkhilfe, die Rupp sogleich deaktiviert.

Bei den männlichen Kollegen wandelt sich Ängstlichkeit in Angriffslust. Die Frauen hingegen wollen es einfach hinter sich bringen. Los geht es mit einer geworfenen Münze. Die Frauen gewinnen und bestimmen, dass die Männer beginnen.