Eine elektrische Schalttafel, die in Flammen aufgeht, eine Heißwasserleitung, aus der es tropft – die Pannenserie belgischer Atomkraftwerke ist über die Weihnachtsfeiertage nicht abgerissen. Seit Jahren sorgen die sieben Reaktoren an zwei Standorten für hässliche Schlagzeilen, deutsche Minister sprechen von "Bröckel-Reaktoren" und "Flickschusterei". Tun können sie nichts dagegen. Energiepolitik macht jeder EU-Staat, wie er will. Ein unhaltbarer Zustand.

In Deutschland sind knapp fünf Jahre nach Fukushima noch sieben Kernkraftwerke mit acht Reaktoren in Betrieb. In unseren Nachbarländern sind es im Abstand von weniger als hundert Kilometern acht Anlagen mit 16 Reaktoren. Neun davon stehen sogar direkt an der deutschen Grenze. Und weder im In- noch im Ausland hat man eine klare Idee davon, wo der ganze radioaktive Müll des Nuklearzeitalters auf Dauer verwahrt werden soll. Atomausstieg? Darunter stellt man sich etwas anderes vor.

Statt für ein geordnetes Ende zu sorgen, bemüht sich die EU-Kommission in letzter Zeit sogar um einen Neuanfang der Atomindustrie. Für die geplante Erweiterung des britischen Nuklearkomplexes Hinkley Point hat Brüssel wettbewerbswidrige Milliardensubventionen abgenickt. Anders als Österreich, das dagegen klagte, tat Energiewende-Deutschland: nichts. Ungarn, Polen und die Slowakei wiederum fühlen sich in ihren eigenen AKW-Träumen bestärkt…

Eine gemeinsame europäische Energiepolitik ist nicht in Sicht. Leider sucht sich die EU dafür auch regelmäßig die falschen Kommissare. Erst Günther Oettinger, der auch dann noch an seiner Liebe zur Atomkraft festhielt, als seine CDU den Ausstieg längst beschlossen hatte. Und nun Miguel Arias Cañete, einen Strippenzieher aus der spanischen Ölindustrie. Der Phrase von einem europäischen Binnenmarkt für Energie steht die Praxis gegenüber, in der die EU diesem Ziel heute kaum näher ist als bei ihrer Gründung vor bald 60 Jahren.

Die bröckelige Realität, dieses Brüssler Laisser-faire in einem Kernbereich der Industriegesellschaft, erschwert nicht nur den Atomausstieg. Auch Umwelt- und Klimaziele wären leichter zu erreichen, würden Europas Staaten an einem Strang ziehen. Ein kluges, den Kontinent umfassendes Stromnetz für die Erfordernisse erneuerbarer Energien könnte zum Exportschlager werden, Jobs schaffen, die Strompreise sinken lassen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015.

Statt Großtechnik von vorgestern mit Steuermilliarden zu päppeln, sollte sich die EU dafür einsetzen, dass sich Stärken und Schwächen einzelner Länder im Verbund sinnvoll ergänzen. Etwa, indem sie für Trassen vom Süden in den Norden sorgt: Wären die aktuell anderthalb Millionen deutschen Solarstromanlagen nicht unter dem hiesigen, oft trüben Himmel, sondern im sonnigen Spanien installiert worden – sie würden den doppelten Stromertrag liefern. Dann könnte man Belgiens Pannenreaktoren getrost in Rente schicken.