Biniam und Herr Kull: Das passt. Es ist Montag, kurz nach 15.30 Uhr. Herr Kull sitzt an einer Schulbank, als Biniam hereinkommt. Der Junge nimmt einen Block und ein Etui aus seinem Rucksack und legt sie auf den Tisch. Der pensionierte Heilpädagoge aus Chur und der Achtjährige aus Eritrea machen zusammen Hausaufgaben. Immer am Montag, immer an der Stadtschule Türligarten, wo Biniam die zweite Klasse besucht.

Biniam hat große Augen und einen wachen Blick. Er begrüßt seinen Nachhilfelehrer. Herr Kull hat ein schmales Gesicht, weiße Haare. Biniam spricht laut. In akzentfreiem Hochdeutsch. Ist voller Erwartung. Herr Kull antwortet ruhig. In Lehrerhochdeutsch. Ist voller Geduld.

Theo Kull ist einer von Tausenden freiwilligen Helfern, die derzeit in der Schweiz Flüchtlinge unterstützen. Beim Deutschlernen. Beim Telefonieren mit Ämtern. Beim Wohnungssuchen. Beim Hausaufgabenmachen. Beim Fußfassen im neuen Land. Die Anfragen von Leuten, die Flüchtlingen helfen möchten, hätten "massiv zugenommen", sagt Stefan Frey von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. Der Verband musste eine neue Stelle schaffen, um den Ansturm zu bewältigen. Auf der Website der Flüchtlingshilfe sind unzählige Projekte aufgelistet zur Unterstützung von Asylsuchenden und vorläufig Aufgenommenen in der ganzen Schweiz. Wer Platz hat, kann ein freies WG-Zimmer anbieten. Wer Zeit hat, kann Deutsch-Nachhilfe geben. Wer Kleider, Schuhe, Geld hat, kann spenden.

Theo Kull hat Zeit. "Ich wollte nach meiner Pensionierung weiterhin etwas in der Schule machen, mit Kindern", sagt er. Deshalb meldet er sich im Sommer 2014 beim Roten Kreuz. Ein Freund hat ihm vom Projekt "eins zu eins" erzählt. Sechzig Freiwillige unterstützen den kantonalen Sozialdienst. Sie helfen Flüchtlingen, den Alltag in der Schweiz zu bewältigen. Tun das, wofür die Sozialarbeiter keine Kapazitäten und keinen Auftrag haben. Dabei werden sie von Rot-Kreuz-Mitarbeitern betreut.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Herr Kull trifft Biniam in der Schule, weil er nicht zu ihm nach Hause möchte. "Dort hätten wir keine Ruhe", sagt er. Der Bub lebt mit fünf Geschwistern und seinen Eltern in einer kleinen Wohnung. Deshalb hat Herr Kull eine Lehrerin gefragt, ob es möglich sei, hier zweimal in der Woche Hausaufgaben zu machen.

Biniam reiht Buchstaben aneinander, wie es Primarschüler tun, wenn sie lesen lernen. Buchstaben, die ohne Betonung, ohne Punkt und Komma wenig Sinn geben. "Usa", liest Biniam. "U-S-A", korrigiert Kull. "Weißt du was, finden wir einen Atlas?" – "Was ist das?", fragt Biniam. "Ein Buch, in dem alle Länder aufgezeichnet sind." Herr Kull beginnt, in den Bücherregalen zu suchen. Biniam auch. Sie werden fündig, setzen sich wieder an die Schulbank. "Das ist Afrika. Da ist Italien. Schau. Und wir sind?" – "In der Schweiz." – "Jetzt müssen wir noch die USA suchen. – "Das ist New York", sagt Biniam. Und zeigt mit dem Finger auf die Karte. Er hat die Freiheitsstatue entdeckt.

Im Sommer 2014, als Kull sich beim Roten Kreuz meldet, gibt es gerade kein Kind und keinen Jugendlichen, der seine Unterstützung braucht. Also hilft er einer tamilischen Familie. Sie liegt mit dem Wohnungsvermieter im Streit. Kull vermittelt. Aber eigentlich hatte er sich die Arbeit als Freiwilliger anders vorgestellt. Ein paar Monate später kommt eine Anfrage, ob er einer 17-Jährigen aus Eritrea Nachhilfeunterricht geben könnte. Endlich, denkt er. Es ist Biniams Schwester Zula. Kull trifft sich mit ihr in der Schule. "Ich habe sie schon gekannt, sie war an der Oberstufe, wo ich als Heilpädagoge gearbeitet habe", sagt er Kull und ergänzt: "Es war schwierig, sie war nicht bei der Sache."