Rayan Nezzar schaut auf das Fußballfeld, das eingeklemmt im grauen Nirgendwo zwischen östlicher Banlieue und Paris liegt. Als Kind hat er hier auf dem Ascheplatz gespielt. Und mit Anfang zwanzig hat er hier nach einem Training erfahren, dass er zu Frankreichs Elite gehören wird. An diesem Ort beginnt Nezzar seinen Rundgang durch das Viertel, das mal seines war. Er sieht ein Graffito, an die Wand gekritzelt, "tamer" ("deine Mudda") steht da, und er sagt: "Das ist falsch geschrieben."

Rayan Nezzar, 24, hat es durch ein Nadelöhr geschafft, auf die École Nationale d’Administration (ENA). Die Absolventen der Elitehochschule werden französische Präsidenten, Minister oder Unternehmenschefs. Schüler wie Nezzar sind Einzelfälle: aufgewachsen in einer Pariser Vorstadt, Problemgrundschule, Mutter aus Algerien. In kaum einem Land entscheidet die Herkunft so stark über Erfolg und Misserfolg wie in Frankreich, das zeigen auch die neusten Zahlen der Pisa-Studie. Wie zwei in sich geschlossene Systeme existieren die Elite und der Rest der Republik nebeneinander.

Nezzar führt durch Montreuil, jene Pariser Vorstadt, in der er aufgewachsen ist. Vorbei an Gemüseläden, in denen sich Kochbananen stapeln. Er nimmt die Kurven eng, seine Schritte sind vorausschauend. Kurze dunkle Haare, lange dunkle Wimpern, dunkler Teint. Rayan Nezzar sieht aus wie die jungen Franzosen mit Wurzeln in Nordafrika, die an den Ecken stehen. "Die Banlieue bleibt in dir, egal, wo du bist", sagt er.

In seinem ehemaligen Viertel Bel Air ragen Hochhaustürme, neun Etagen und mehr, in den Himmel. Viele aus Afrika stammende Franzosen und Einwandererfamilien leben hier. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 30 Prozent. Vor zehn Jahren fackelten junge Menschen in den Banlieues nächtelang Autos ab, nachdem zwei Jugendliche auf der Flucht vor der Polizei ums Leben gekommen waren. Der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy sagte, er werde die Gegend mit dem Kärcher reinigen. Es sind die "verlorenen Territorien der Republik", wie der Philosoph Alain Finkielkraut einst sagte – noch immer. Spätestens seit zwei algerischstämmige Brüder im Januar 2015 die Charlie Hebdo-Redaktion niederschossen, schaut Frankreich wieder auf die Banlieue und denkt an Terrorismus. Und nun die Attentate vom 13. November.

80 Prozent aller Schüler aus sozial schwachen Familien verteilen sich auf nur 70 weiterführende Schulen, die collèges, in ganz Frankreich. In überfüllten Klassen sammeln sich die Marginalisierten der Gesellschaft. "Die Jugendlichen sehen keine Zukunft in diesem Land, das macht es für Islamisten leichter, sie zu rekrutieren", sagt der Politologe Luc Rouban vom Pariser Institut Cevipof. Rayan Nezzar lehnt sich an das Tor der Grundschule Maryse Hilsz, auf die er mit acht Jahren kam. "Wenn du hier aufwächst, ist das Risiko höher, dass du arbeitslos wirst oder im Gefängnis landest. Ich kann verstehen, dass viele hier die Hoffnung auf ein besseres Leben verlieren."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015.

Nezzars Rettung ist seine Mutter. Sie motiviert ihn, verbietet ihm bei schlechten Noten das Fußballtraining. Über seinen Vater will Nezzar nicht reden. Er verließ die Familie, als Rayan noch ein Baby war. Als Kind kreist sein Leben nur um diese zwei Orte: die Schule und den Ascheplatz neben dem Schulgelände. Er zeigt auf zwei verbogene Zaunstangen am Fußballfeld: "Hier bin ich durchgekrabbelt." Nachmittags tobt er sich aus, abends kontrolliert seine Mutter die Hausaufgaben. Meist hat er alles richtig. Hakt es in einem Fach, gibt sie ihm Nachhilfe. Macht er seine Aufgaben nicht, bekommt er kein Abendbrot. Rayan Nezzar überspringt zwei Klassen.

Der Wohnsitz bestimmt in Frankreich die Schule. Einige Eltern umgehen die Vorgaben, der Rest der Schüler ist gefangen in großen Klassen mit wenig Disziplin. Rayan Nezzar soll auf das Collège Jean Perrin, aber sie wollen ihn nicht, er sei zu jung. Die Absage war sein Glück, sagt Nezzar und schaut auf das rote Backsteingebäude des collège: "Wäre ich hier hingegangen, hätte ich es nicht auf die ENA geschafft."

Denn der Weg an die Spitze der französischen Gesellschaft ist selektiv. Die Entscheider von morgen wachsen in den gleichen Vierteln auf, besuchen die gleichen Gymnasien, durchlaufen die gleichen Auswahlverfahren der wichtigsten Schulen des Landes. Ihre Namen sind Akronyme der Macht: ENA, ENS, ESSEC, HEC. Mit Anfang zwanzig sitzt im Seminarraum, wer sich mit Anfang dreißig in den Ministerien der Republik wiedertrifft.

"Der soziale Aufstieg in Frankreich funktioniert nicht mehr", sagt Luc Rouban vom Cevipof. "Die ENA hatte schon immer damit zu kämpfen." Seit 70 Jahren bildet die Schule Frankreichs Spitzenbeamte aus. Auf Wunsch des Präsidenten Charles de Gaulle sollte Können an die Stelle von Herkunft treten. Aber in der Realität reproduziert die Elite sich hier selbst.

Um in diese Kreise vorzustoßen, reicht es nicht, brillant zu sein. Man muss die Codes der herrschenden Klasse kennen. In der Banlieue lernt man sie nicht. Der französische Premierminister Manuel Valls sprach im Januar von einer "territorialen, sozialen und ethnischen Apartheid", die in vielen Vorstädten Frankreichs herrsche. Ein arabisch klingender Nachname ist ein Nachteil bei Bewerbungen. Wer nach oben kommen will, muss früh raus aus der Banlieue.

Die Codes der Bessersituierten

Nezzar überzeugte mit einem IQ-Test und schaffte es so auf eine katholische Privatschule im Zentrum von Paris. Seine Mutter machte Überstunden, um das Schulgeld zu zahlen. Theaterbesuche und Skifahren standen auf dem Programm. Fremdes Terrain für den Jungen aus Bel Air. "Kinder können hart sein", erinnert er sich. Seine Mitschüler fragten ihn, was er hier wolle. Zu Geburtstagsfeiern wurde er nicht eingeladen. Die Ausgrenzung blieb unterschwellig, für offenen Rassismus wurden die Kinder bestraft.

Wie eine Fremdsprache lernt Nezzar die Codes der Bessersituierten. Dankt bei Referaten seinem Vorredner, zitiert bald Foucault und Sartre. Macht Abitur, studiert Jura und schließt einen Master am Institut d’études politiques in Paris ab. Parallel bereitet er den Aufnahmetest der ENA vor.

Nezzars Kurse am Institut d’études politiques halfen ihm. Viele Lehrer sind ehemalige Schüler der ENA. "Sie wissen genau, was gefragt ist", sagt Nezzar. Auch der Aufnahmetest ist bestimmten Codes unterworfen. Man müsse die Form kennen, in der das Wissen präsentiert werden soll. Zwei Jahre lang gleicht ein Wochenende dem anderen: vormittags lernen, nachmittags Probeessays schreiben. Endspurt von Mai bis August. Kein Kaffee nach 17 Uhr, einmal die Woche Fußball, ansonsten Schreibtisch. Die Prüfung: Fragen wie "Muss der Staat moralisch handeln?". Fünf Stunden Zeit für eine Antwort in Essayform. Fünf Tage hintereinander. Mitte November dann die mündlichen Tests.

Im Dezember 2013 wird Nezzar an der ENA in Straßburg angenommen. Wie ein Mantra habe er vier Wörter im Kopf wiederholt: "Je mérite d’être ici", "Ich habe es verdient, hier zu sein". Zwei Jahre später sagt er: "Die ENA war wie eine Waschmaschine im Schleudergang." Ein Leben im Stakkato: Politiker halten Abendvorträge, der Lerntag ist durchgetaktet, Praktikum bei der französischen Botschaft in Kanada und beim französischen Fußballverband. In der Klasse ist er der Einzige mit Turnschuhen, eines der wenigen Zuwandererkinder unter den Töchtern und Söhnen von hohen Beamten, Lehrern und Chefärzten. Seine Herkunft sprach zwar niemand an, aber Nezzars Urteil über die soziale Ungerechtigkeit ist hart. "Ich wurde nicht als Quotenmigrant benutzt, aber trotzdem sitzen in der ENA die immer gleichen Leute", sagt er und fügt hinzu: "Ich will, dass sich das ändert." Mittlerweile trägt Nezzar gern gut geschnittene Anzüge. Kann ein Mensch das System verändern, bevor er sich selbst verändert? Kann das System sich überhaupt verändern?

Nathalie Loiseau, Leiterin der ENA, sagt blumig: "Wir wollen jedem Talent seine Chance geben." Seit 2009 gibt es eine Vorbereitungsklasse mit 20 Plätzen für Schüler aus der Banlieue. Der große Erfolg beim Aufnahmetest blieb bislang aus. Loiseau verteidigt sich: Ihr Handlungsspielraum sei begrenzt. Das französische Bildungssystem ähnle einem Trichter statt einem Aufzug. Sie fügt hinzu: "Die ENA steht am Ende des Trichters." Dieses Jahr wagte Loiseau eine kleine Revolution, sie änderte den Test.

Der Politologe Luc Rouban lacht auf, fragt man nach den Effekten der Reform: "Marginal. Es wurden nur sehr geringe Änderungen vorgenommen." Zum Beispiel zählt nun ein Rollenspiel zum Auswahlverfahren. Wer kann führen, wie kommunizieren die Bewerber? Eine klassische Bildungsbiografie ist nicht mehr so wichtig. In der Realität schaffen es aber fast nur Schüler aus bürgerlichem Elternhaus. Aktuell haben 70 Prozent der ENA-Studenten einen Vater in gehobener Position.

Unvermittelt bleibt Rayan Nezzar auf der Straße stehen, er faltet seine Hände vor dem Bauch und drückt den Rücken durch. "Ich zitiere jetzt Albert Camus: ›Es reicht nicht, Ungerechtigkeiten anzuprangern. Man muss gegen sie kämpfen.‹" Im Mai gründen Nezzar und andere Schüler den Verein Prépa Concours A+. Das Ziel: Schüler aus bildungsschwachen Milieus auf die ENA vorzubereiten. Nezzar korrigiert Essays, simuliert Prüfungen, gibt Tipps. Schon seine Mutter habe sich in der neuen Heimat Frankreich behaupten müssen, sagt Nezzar, ohne ihre Hilfe hätte er es nicht geschafft. Jetzt will er selbst helfen.

Für Nezzar selbst könnte es nicht besser laufen. Am 17. Dezember erhält er die Nachricht, eine Stelle im Finanzministerium bekommen zu haben. Nun könnte er selbst die Seilschaften nutzen, die Frankreichs politische Klasse zusammenhalten: Sein Chef, Finanzminister Michel Sapin, ging einst ebenfalls auf die ENA.