Martin Walser denkt neuerdings über Bochum nach. © Ralf Juergens/Getty Images

Vor einer Podiumsdiskussion bei einem Schneider in der Fußgängerzone von Bochum.

Ich: Haben Sie noch offen?

Schneider: Joa, na ja, eigentlich bis vier.

Ich: Es ist ein Notfall! Ich komme aus München und habe heute Abend hier in Bochum einen Termin. Diese Hose ist neu und mir zu lang. Das sieht unmöglich aus. Ginge es, dass Sie sie noch schnell kürzen?

Schneider: Ah, Sie sind aus München. Dann haben Sie viel Geld.

Ich: Was kostet das?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015.

Schneider: Jetzt haben Sie Angst, was? Also geben Sie her. Stellen Sie sich einmal hierhin. Aus München also. (während er die Hose absteckt) Meine Tochter wollte dort studieren. In Regensburg.

Ich: Ach ja? Was?

Schneider: Pharmazie. Hat nicht geklappt. Jetzt macht sie eine Ausbildung zur PTA. Zwei Jahre. Dann kann sie es noch mal probieren. Geht die Länge?

Ich: Noch einen halben Zentimeter kürzer. Das wäre mir lieber.

Schneider: Wenn Sie meinen. Da, die Umkleide.

Ich: Ich habe nur die eine Hose dabei.

Nachdem ich die Hose ausgezogen habe, sitze ich im langen Wintermantel vor dem Schneider.

Schneider: Und was machen Sie hier in Bochum?

Ich: Ich bin bei einer Veranstaltung, in der es um die Zukunft und um die Flüchtlinge geht.

Schneider: So geht es nicht mehr. Die können nicht alle herkommen.

Ich: Tja, was soll man machen? Die Situation dort ist momentan grauenvoll.

Schneider: Ich bin für eine Lösung in Syrien.

Ich: Auch militärisch?

Schneider: Nein, nicht militärisch. Aber vor Ort. Ich bin syrischer Kurde, seit zwanzig Jahren hier.

Ich: Und was hören Sie von dort?

Schneider: Ich komme aus Nordsyrien. Da ist es nicht ganz so schlimm. Aber man spürt den Krieg. Überall. Ich habe damals in Syrien Französisch studiert und war Lehrer. Hier ist mein Diplom wertlos. Also habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht.

Ich: Toll. Einen Schneider braucht natürlich jeder.

Schneider: Ja, es geht ganz gut.

Schneiderin: Guten Tag.

Schneider: Meine Chefin. [...]

Die Frau geht wieder.

Ich: Ihre Frau?

Schneider: Ja.

Ich: Machen Sie den Laden gemeinsam?

Schneider: Sie hilft mir. Sie ist eigentlich Grundschullehrerin. Aber in Deutschland konnte sie nicht arbeiten. Ich habe meine Schwester hergeholt. Sie ist seit acht Monaten hier. Nach zwei Monaten hat sie gesagt: "Ich kann hier nicht leben." Dann kam noch ihre Tochter. Die ging in Syrien aufs Gymnasium. Hier durfte sie nur auf eine Handelsschule. Der Sohn meiner Schwester studiert in Damaskus Medizin. Einmal wurden Raketen auf die Uni geschossen. Das war schlimm. Kein Telefon. Keine Nachricht. Er wollte trotzdem dort bleiben.

Ich: Mit dem Vater?

Schneider: Ja, der ist Beamter, er bleibt. Meine Schwester ist hier krank geworden. Danach wollte sie zurück. Also organisierte ich ihre Rückreise.

Ich: Und die Tochter blieb?

Schneider: Sie blieb. Sie lernt gut. Siebzehn ist sie.

Ich: Sie kommt zurecht?

Schneider: Ja, sie kommt gut zurecht. Als meine Schwester mit den Stempeln im Pass wieder nach Syrien kam, wurde sie dort schikaniert. Sie konnte dann doch nicht bleiben. Ich habe ihr mit den Ausländerbehörden die Rückkehr nach Deutschland organisiert, Visum, Flugticket. Alles wieder von vorne. Dieses Mal musste sie durch den Irak. Über die türkische Grenze zu fliehen ist inzwischen zu gefährlich. Aber es ist schwer. Auch für uns. Sie holte dann noch den Sohn.

Ich: Und der Sohn studiert jetzt hier?

Schneider: Er lernt im Moment Deutsch.

Ich: Und danach nimmt er das Medizinstudium auf?

Schneider: Das hoffen wir. Mal sehen.

Ich: Die Nichte und der Neffe haben offenbar weniger Schwierigkeiten. Sprechen sie schon Deutsch?

Schneider: Ja. Die Nichte hat sehr gut Deutsch gelernt und Englisch. – Hier. Bitte.

Er reicht die Hose rüber.

Ich: Toll! Sie sind meine Rettung. Vielen Dank.

Ich ziehe sie in der Umkleide an.

Ich: Sehen Sie, perfekt! Ich hätte da noch ein Problem. Heute im Zug ist mir ein Knopf am Mantel abgerissen. Ginge das vielleicht auch noch schnell?

Schneider: Ein Knopf! Das kommt von der Tasche.

Ich: Ja, stimmt. Von einer anderen, die ich vorhin umgehängt hatte.

Schneider: Die Nichte hat eine Lehrerin, die zu ihr gesagt hat: "Du hast auf dieser Schule nichts zu suchen, du gehörst aufs Gymnasium." Dafür setzt sie sich jetzt ein. Zum Glück.

Ich: Das ist doch wunderbar.

Schneider: Wenn’s klappt.

Ich: Das muss klappen! – Vielen Dank! Und was macht das?

Schneider: Mit Knopf oder ohne? (zwinkert mir zu)

Ich: Mit allem Drum und Dran natürlich.

Schneider: Zehn Euro.

Ich: Zwanzig Euro. Bitte! Hätte ich mehr Hosen dabei, brächte ich sie her.

Schneider: Vielen Dank! Genießen Sie Bochum. Bochum macht jung!