Götz Alsmann © dpa

Götz Alsmann empfängt im noblen Excelsior Hotel Ernst Köln – kaum zu glauben, dass der 58-Jährige hier später für den Reporter singen und ihm, ja, Nacktfotos zeigen wird. Alsmann wechselt mühelos vom intellektuellen Ich-eröffne-mit-einem-Assam-Tee-Ton in den Im-Fernsehen-läuft-nur-Mist-Sprech; hin und wieder schiebt er ein "Hähähä" hinterher, axtscharf, als wolle er einen Baum umhacken. Seit 20 Jahren moderiert er mit Christine Westermann im WDR die Sonntagabendsendung "Zimmer frei!", im Herbst 2016 soll Schluss sein. Zeit für eine Bilanz und einen Ausblick – in Form eines Glück-und-Geld-Interviews, bei dem der Rundum-Unterhalter sein Leben in Kurven zeichnen wird.

DIE ZEIT: Herr Alsmann, Sie machen Fernsehen, Radio, haben gerade mit der WDR Big Band ein neues Winterschlager-Album veröffentlicht. Wo steckt am meisten von Ihnen drin?

Götz Alsmann: Wer mich kennenlernen möchte, sollte meine Radiosendungen hören. Die sind, als würde ich zu meinen besten Freunden sprechen. Ab kommendem Jahr zwölf Stunden pro Woche – doppelt so viel wie bisher.

ZEIT: Sie sind promovierter Musikwissenschaftler. Wenn Sie sich wissenschaftlich mit Musik beschäftigen: Was interessiert Sie dann?

Alsmann: Zum Beispiel: Wie hat ein Mantovani für sein Orchester arrangiert? Das muss man analysieren, um es selbst umsetzen zu können.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015.

ZEIT: Muss man den Kontext kennen, in dem Musik entstanden ist, um sie zu mögen?

Alsmann: Über den Kontext machen sich eher Feuilletonisten Gedanken als das Publikum. Wenn die Musik gefällt, interessiert er dort kaum jemanden. Musiker sollten aber Bescheid wissen.

ZEIT: Seit 2011 halten Sie als Honorarprofessor Vorlesungen an der Uni Münster ...

Im Geld-und-Glück-Tsunami © ZEIT-GRAFIK/Quelle: Götz Alsmann

Alsmann: ... da kann ich meine umstrittenen Thesen ungebremst in die Welt hinauspusten.

ZEIT: Können Ihre Studenten Sie überhaupt ernst nehmen?

Alsmann: Der Humor kommt nicht zu kurz. Aber bei einer Masterclass für Chanson-Gesang zum Beispiel muss auch was herauskommen.

ZEIT: Wann haben Sie gemerkt, dass die Leute nicht nur Ihre Musik mögen, sondern Sie auch witzig finden?

Alsmann: Mit 15, 16 Jahren. Ich war eher nicht der introvertierte Pennäler, der 20 Gottfried-Benn-Gedichte auswendig kannte, sondern einer, der auch mal Witze riss. Und dann ist Schülerversammlung, du gehst ans Mikrofon, haust ’ne Pointe raus, und alles explodiert. Und dann denkst du: Das ist es!

ZEIT: Schon Ihre Frisur signalisiert ja: Man sollte Sie nicht zu ernst nehmen.

Alsmann: Kommen Sie, jeder Fußballer hat ’ne größere Tolle als ich. Ja, ich trage gern Anzüge. Und ja, ich fühle mich ohne Krawatte irgendwie nackt. Aber das war’s auch schon.

ZEIT: Braucht es solche Markenzeichen, um im Showgeschäft Erfolg zu haben?

Alsmann: Ja, und das habe ich schon als showbegeistertes Kind verstanden. Ich empfand es als toll, wie sich die Leute fürs Fernsehen oder für die Bühne aufgebrezelt haben; und ich habe gesehen, dass mein Vater sich am Wochenende einen Anzug anzog, eine Krawatte umband, die Taschenuhr aufzog und dann etwas Besonderes war. So wollte ich auf jeden Fall auch sein.

Eine erste Kurve, zum Warmwerden: Alsmann zeichnet, wie viel Bedeutung die Musik für ihn hat. Die Kurve steigt in der Kindheit langsam an und erreicht 1985 einen Höhepunkt: Während er promoviert, feiert er auf den Bühnen der Clubs erste Erfolge. Dann lässt eine Krise seiner Band die Kurve einbrechen.

ZEIT: Sie geben 100 Konzerte im Jahr, in großen, aber auch in sehr kleinen Städten. Wie wichtig ist das Honorar, wenn Sie planen, wo Sie auftreten?

Alsmann: So simpel ist das nicht. Man muss viel herumkalkulieren, es gibt verschiedene Arten von Deals, die Lage der Stadt innerhalb des Tourneeverlaufs ist wichtig, aber darum kümmern sich erfahrene Kollegen im Management, die das viel besser können als ich. Wenn es dann so gar nicht passen will, muss man leider abwinken. Es ist schließlich unser Beruf, nicht unser Hobby.

ZEIT: Wie wichtig ist Ihnen Geld überhaupt?

Alsmann: Gunter Gabriel sang nicht ohne Grund Ohne Moos nix los. Das ist doch jedermanns Ziel: Man kann der Familie etwas bieten und vielleicht auch sonst noch etwas Schönes und Gutes damit machen.

ZEIT: Zum Beispiel?

Alsmann: Sie erwarten nicht im Ernst, dass ich hier aufdrösele, wofür ich mein Geld ausgebe.

ZEIT: Haben die Deutschen ein Problem mit dem Reichtum anderer?

Alsmann: (überlegt) Sie haben vielleicht eher ein Problem mit Neid als die anderen.

Alsmann schnappt sich den gelben Stift, um die Geldkurve zu malen. Als Kind interessiert ihn Geld nicht; seine Eltern unternehmen alles, um ihm ein Klavier zu kaufen. In einem Antiquariat verdient er während des Studiums ein paar Mark; erst mit den Erfolgen seiner Band steigt die Kurve spürbar an – und wird, mit dem Start von "Zimmer frei!" 1996, zu einem Feuerwerk. "Eine Tsunamikurve", sagt Alsmann und rattert sein Axthieblachen. "Nach 30 Jahren Fernsehen sollte man seinen Kram einigermaßen hintereinanderhaben."

ZEIT: Sie sind Sohn einer Näherin und eines Maurers. Wie wahrscheinlich war es da überhaupt, dass Sie wurden, was Sie sind?

Alsmann: Eigentlich sehr wahrscheinlich! Meine Eltern waren musikbegeistert und hatten ein klares Bildungsideal. Sie haben nie gesagt: Lass die Musik und mach was Richtiges.