Dieser Stuck, diese Holzvertäfelung, diese schnörkeligen Geländer: Alles muss raus. Die Wände: schwarz streichen, alles übertünchen. Als im Mai 1968 in der Großen Freiheit 58 ein neuer Club eröffnete, sollte nichts mehr erinnern an die verstaubten Jahre des Wirtschaftswunders. Statt an Kaffeehaustischen und auf Stühlen zu sitzen, fläzte sich das neue Publikum auf alten Autoreifen – eine "Mischung aus Popjüngern, Kunstgammlern, Machwerkern, Teestubenhockern" sei das gewesen, so schrieb es die Lokalpresse.

Gruenspan heißt dieser Laden – eine Hommage an den jüdischen Widerstandskämpfer Herschel Grynszpan. Und dieses Gruenspan sollte der hippste Club auf dem Kiez werden – so wollten es die Betreiber Dr. Karl Lehwald, Zahnarzt und SPD-Bezirkspolitiker, und der deutschtürkische Gastronom Dervis Börü. Sie versuchten es mit Kinonächten, bei denen experimentelle Filme auf fünf Leinwänden liefen. Sie versuchten es mit Pop-Art-Fresken, die auf den Außenwänden leuchteten. Sie schafften es aber vor allem mit: Licht.

Zur Eröffnung luden die Betreiber drei Lichtdesigner aus Düsseldorf ein, die sich Leisure Society nannten. Freizeitgesellschaft. Wie passend. Die Leisure Society installierte eine Anlage, die es so in Deutschland noch nie gegeben hatte: Das Licht strahlte nicht mehr gleichförmig, es flackerte kurz auf, ein greller weißer Schein, und erlosch gleich wieder. Das Licht pulste im Millisekundentakt. Bewegungen flossen nicht mehr, Bewegungen zersplitterten in viele kleine abgehackte Sequenzen.

Unter der Decke hing ein Stroboskop.

Werbeaufnahme vor dem Gruenspan, entstanden in den Siebzigern © Opel

Das Gruenspan auf St. Pauli wurde zu einem Ort, an dem man im Lichtgewitter zu psychedelischem Rock die Verklemmtheiten der Nachkriegsrepublik wegtanzen konnte. Der Club als Sehnsuchtsort für die Utopien einer ganzen Generation. Eine "epochemachende, psychedelische und darin vollkommen neue Form der Diskothek" nannte es der Filmemacher und Musiker Walter Thielsch. Und Bernd Cailloux, einer der drei Lichtdesigner der Leisure Society, beschrieb den Stroboskopeffekt dreieinhalb Jahrzehnte später in seinem Erfolgsroman Das Geschäftsjahr 1968/69 so: "Es war ein neues Erleben, ein phantastischer Effekt, ein paar Sternminuten lang blähte sich eine Lichtblase voller Flirren und Flackern im Raum auf, ein Spiel mit Armen, Händen und Gebärden, um den Effekt am eigenen Körper sehen zu können. Der Boden, die Wände und die Decke, der gesamte Raum schien aus seiner Halterung zu springen."

Wer hip war oder Hippie, ging ins Gruenspan. Bier, Saft und Cola kosteten 2,20 Mark, vor der Tür gab’s Haschisch und LSD. Die Beat-Ära war passé, Vorbilder für den "größten Psychedelic-Laden Norddeutschlands" (Szene Hamburg) waren Orte wie der Londoner Ufo-Club, wo die jungen Pink Floyd ihr Publikum mit 20-Minuten-Songs betörten und betäubten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015.

Es gab Ekstase, es gab Empfindsamkeit. Autoren aus der Stadt unterbrachen die Partys mit Kurzlesungen. "Die wollten das gebildete Aussteigertum haben", sagt der Fotograf Günter Zint, der in den ersten drei Jahren im Gruenspan arbeitete. "Die Existenzialisten – Exis, wie wir sie nannten." Die Bild-Zeitung schauderte es fasziniert: "Bei knallhartem Beat stampften Langmähnige mit Teufel-Bärten, kurzberockte Mädchen mit Herzmund neben Original-Hanseaten über das Parkett."

Die Exis stampften zur Musik und versanken dabei in Licht, das neu war, grell, das sich änderte, jeden Abend. Denn das Stroboskopweiß wechselte sich ab mit einem Blubbermeer aus Farben. "Wir hatten das irgendwo gesehen", sagt Günter Zint, "und haben einfach angefangen zu experimentieren."