Das Café ist ein mythischer Ort für Künstler und Intellektuelle. Hemingway und Picasso, Sartre und de Beauvoir haben in den Bistros des Pariser Quartier Latin gearbeitet, sie haben dort diskutiert und am Abend zusammen getrunken. Stefan Zweig nannte das Kaffeehaus einen "demokratischen Klub", denn vor der Tasse seien alle gleich.Und Jürgen Habermas beschrieb in seinem Buch Strukturwandel der Öffentlichkeit, wie sich zur Zeit der Aufklärung in den Cafés und Salons zum ersten Mal eine bürgerliche Öffentlichkeit gebildet habe, wo Gleiche unter Gleichen diskutierten.

Der Grund für den Aufstieg des Kaffeehauses zur Geburtsstätte einer neuen intellektuellen Szene ist aber wohl viel profaner: Der zwanglose Zwang der Innenarchitektur fördert den kreativen Austausch. Wer dicht an dicht neben Fremde gedrängt ist, kommt unweigerlich mit seinen Nachbarn ins Gespräch, Freunde von Freunden stellen sich vor, das soziale Netz wird feinmaschiger. Gleichzeitig ist der Kopf frei von den Arbeitsroutinen des Büros, die Blicke schweifen umher, Gelegenheitsbeobachtungen verwandeln sich in Kurzgeschichten, der Zufall befördert die Fantasie.

Wo findet man heute diese Verdichtung an kultureller Energie, das freie Spiel zwischen Philosophie und Kunst, zwischen Verstand und Einbildungskraft? Das berühmte Pariser Les Deux Magots ist nur noch ein Zwischenstopp für Touristen beim Einkaufsbummel. In Berlin-Mitte sind Cafés erschreckend still, bevölkert von bärtigen Schweden und Spanierinnen in Hochwasserjeans, die unter ihren Mützen einsam auf ihr MacBook starren.

Das spontane Streitgespräch, die intensive Begegnung findet woanders statt, und zwar im BahnComfort-Abteil des ICEs. Dort trifft sich die mobile Boheme. Das Intellektuellencafé unserer Zeit hat keinen Namen, sondern nur die Wagennummern 7, 24 oder 34. Dort kann man auch ohne Reservierung einen Platz finden, vorausgesetzt, man gehört zum Stamm der akademischen Nomaden mit der entsprechenden Bahncard als VIP-Ausweis.

Als ich vor zehn Jahren meinen ersten Zweijahresvertrag an der Uni hatte, fing ich an, von Berlin an die RWTH Aachen zu pendeln. Einige waren überrascht, dass ich jede Woche zurück nach Berlin wollte. Doch Umziehen hätte bedeutet: alle Bücher mitnehmen, die Möbel zwischenlagern, die Freunde zurücklassen.

Damals hielt ich mich selbst für etwas exzentrisch. Inzwischen weiß ich: Alle pendeln; die jungen Akademiker, weil sie sich mit Kurzzeitverträgen von Stelle zu Stelle hangeln; die Vollprofessoren, weil sie oft schon eine Familie gegründet haben, wenn der Ruf auf eine Dauerstelle kommt; die meisten aber, weil sie der Strahlkraft von Berlin nicht entkommen, wo die Wohnungen immer noch so billig sind, dass man sich das Reisen leisten kann.

Jetzt fahre ich wöchentlich von Berlin nach Stuttgart über die Nord-Süd-Verbindung, eine der beiden großen Universitätslinien: Braunschweig, Hildesheim, Göttingen, Kassel, Fulda, Frankfurt, Mannheim, Stuttgart. Jede Stadt beherbergt eine Universität oder Fachhochschule. Dienstag früh geht die Di-Mi-Do-Woche los.

Man erkennt die Geistes- und Sozialwissenschaftler im Abteil sofort. Sie spielen nicht Call of Duty und schauen keine amerikanischen Serien auf ihren Laptops, sondern bauen die letzten Folien für ihre Vorlesungen oder halten Bücher in den Händen, die blauen Bände von Suhrkamp oder die gelben von Reclam.

Auf der Rückfahrt nach Berlin am Donnerstagnachmittag füllen sich die Plätze mit jedem Zwischenhalt. Manchmal sitzen ausschließlich Professoren um die Tische herum. Die Gespräche klingen dann wie bei einer Fakultätsratssitzung. An der Fensterseite geht es um Drittmittelprojekte und Berufungsverfahren, während ein älterer Kollege am Gangplatz mit dem Rotstift eine Dissertation bearbeitet, die so dick ist wie das belegte Brötchen, das daneben liegt.

Die Zug-Intellektuellen zetteln gern mal eine Diskussion mit Fachfremden an. Der Juradozent streitet mit seinem Gegenüber über das neoliberale Wirtschaftssystem ("Ich vertraue nur noch Oskar Negt!"), und ein langhaariger Soziologe erklärt einem besorgten Bürger geduldig, warum man vor Flüchtlingen aus Syrien keine Angst haben muss.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015.

Unter den Reisenden sind auch Künstler und Schriftsteller, deren Auftritte sie durch ganz Deutschland führen. Auf einer späten Heimfahrt fläzte sich einmal der Musiker Chilly Gonzales über zwei Sitzplätze, selig summend mit einem übergroßen Kopfhörer auf den Ohren. Ein andermal besprach der Kabarettist und Regisseur Rainald Grebe mit einer Frau sein neues Programm. Neulich erzählte ein Medienkünstler, der eine Professur in Kassel hat und gerne Orange trägt, von seinen Saunaerlebnissen in Israel.

In Paris flohen Hemingway und Sartre aus ihren kleinen Apartments, bei denen der Wind kalt durch die Mansardenfenster pfiff. Für sie war das Café auch ein Ort der Geborgenheit, an dem der "expresso" stark und die Speisen warm waren. Die ICE-Intellektuellen entfliehen eher ihren allzu behaglichen Arbeitsplätzen auf dem Rückweg in die aufreibende Hauptstadt.

Auch für mich ist Berlin ein permanent uneingelöstes Versprechen. Das Angebot an Hoch- und Subkultur ist ungemein anziehend, obwohl ich es kaum nutze, abgesehen von den Vernissagen um die Ecke, zu denen ich hin und wieder gehe.

Während Naturwissenschaftler oft ans Labor gebunden sind und sich mit einem Reihenhaus in Göttingen bescheiden, verlassen Humanwissenschaftler daher ungern ihre Altbauwohnungen in Kreuzberg. Das war besonders deutlich, als ich vor einigen Jahren die Bewerberliste für eine Professur an der Universität Aachen in den Händen hielt. Als akademische Anschrift standen dort Städte von Greifswald bis Konstanz, doch in der Spalte "Privatadresse" begannen fast alle Postleitzahlen mit 10, für die begehrten Stadtteile von Berlin.

Als ich mit dem akademischen Pendelwesen anfing, fand ich das Reisen anstrengend: Zugverspätung, Zahnbürste vergessen, Steckdose besetzt. Doch inzwischen mag ich es. Lesezeit und Gespräche wiegen die Mühen auf. Wie im Café kommt es im Comfort-Abteil zu Zufallsbekanntschaften jenseits des eigenen Metiers. Besonders an großen Forschungsinstituten weiß man oft nicht, woran die Kollegin im Büro nebenan forscht. Im informellen Rahmen hingegen entstehen Synergie-Effekte. Dafür reicht manchmal schon eine Couch neben der Kaffeemaschine – oder eben ein volles Bahnabteil. Als ich an meinem jüngsten Buch schrieb, hatte ich ebendieses Glück: Ein Psychologieprofessor empfahl mir genau die Fachaufsätze, die ich für eine Kritik an Experimenten zum Unbewussten brauchte. Ein Kollege aus der Philosophie lektorierte kurz vor Abgabefrist das letzte Kapitel. Nebenbei erfuhr ich von einem Medienprofessor von den Sicherheitslücken im iPhone und davon, dass nur Judith Butler auf einer Sommerakademie ihr Honorar korrekt abgerechnet habe.

Nicht nur das: Aus Zufällen entspinnen sich auch Freundschaften. Vielleicht werden sogar Akademikerpaare bald auf die Frage "Wo habt ihr euch kennengelernt?" nicht mehr antworten "Auf einer Konferenz" oder "In einer Bar", sondern "Im Zug".

Wie das Café ist auch der Zug für mich ein Ort der kreativen Meditation. Nicht Fußgänger ziehen draußen vorbei, sondern die ganze Welt – wie in einem Spielfilm mit langen Einstellungen. Und so gehen auch die Gedanken auf Wanderschaft. Kein Institutstermin steht an, niemand klopft an die Bürotür. Das schwache Mobilnetz und das unzuverlässige WLAN sind ein Segen, denn ich tauche in das kreative Zwielicht zwischen Konzentration und Tagträumerei.

Ein bekannter Philosoph der Humboldt-Universität, der täglich zwischen Hamburg und Berlin pendelt, beschwerte sich einmal halb scherzhaft darüber, dass ihm, seitdem die neue Schnellverbindung steht, eine Stunde der produktivsten Phase seines Tages fehlt. Ein Stuttgarter Kollege packt in den Semesterferien die Gelegenheit beim Schopfe. Er korrigiert Klausuren nicht am Schreibtisch, sondern nimmt den Zug von Leipzig an die Ostsee und setzt sich danach zur Belohnung für ein paar Stunden ans Meer.

Der neue Strukturwandel der Öffentlichkeit hat aber auch einen bedenklichen Ursprung: Wie die Kaffeehauskultur entsteht die neue Mobilität nämlich oft aus einer Notlage. Es ist die prekäre Situation des akademischen Mittelbaus, unter der junge Akademikerfamilien ebenso leiden wie die kleineren Institute der Universitäten. Noch ist nicht abzusehen, ob die Kooperationen und kreative Befruchtungen aus diesem Leucht-Biotop das aufwiegen; und noch weniger, welchen Einfluss das unstete Leben auf den Denkstil junger Intellektueller hat, denn das Hin- und Herreisen spiegelt auf eigenartige Weise die Arbeitsmobilität wider, mit den halb eingerichteten Wohnungen, den unfertigen Projekten, den anschwellenden Erledigungslisten, der unsicheren Perspektive und dem dauerhaften Gefühl der Vorläufigkeit. Vielleicht sind es gerade die pendelnden Nachwuchssoziologen, die das irgendwann erforschen werden.

Einige französische Literaturpreise sind nach den berühmten Cafés der alten Boheme benannt. Es gibt den Preis des Les Deux Magots und des Café de Flore ebenso wie den Priz Cazes, benannt nach einem Besitzer der Brasserie Lipp. Wer weiß, vielleicht wird in Zukunft der "ICE-Literaturpreis" oder das "Bahncomfort-Stipendium" für junge Akademiker vergeben – in einer stilechten Zeremonie bei 200 km/h.

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