Ein kurdischer Kämpfer in der Stadt Kobane (Januar 2015) © Bulent Kilic/AFP/Getty Images

Ich wollte für ein paar Tage raus, vorweihnachtlicher Eskapismus ohne Reue. Also Finger weg von Twitter, automatische Mail-Antwort eingerichtet, den Posteingang würde ich allerhöchstens mal überfliegen. Ein lange verschobener Tantenbesuch im Rheinland zum vierten Advent stand an.

Die Tante ist Mitte achtzig, sie lebt im Altersheim, sieht und hört nur noch schlecht, ist aber geistig hellwach. Kaum hatte ich meine Geschenke überreicht, begann sie zu erzählen.

Alles war wieder da, als sei es gestern geschehen und nicht schon siebzig Jahre her: die Flucht auf Leiterwagen durch Pommern an die Ostsee; die sehnsüchtigen Lieder der Bauern (Nun ade, Du mein lieb Heimatland, es geht nun fort zum fremden Strand); die Tage und Nächte auf einem überfüllten Frachter ("tief unter Deck, wir wären als Erste ertrunken"). Die Fliegerbomben, die Notaufnahmelager, schließlich das Unterschlüpfen bei Verwandten in der Nähe von Halle – und auch die Erinnerung an den Hass, der den "Umsiedlern" dort vonseiten der deutschen Volksgenossen entgegenschlug ("Polacken haben sie uns genannt").

Was mich das ganze Jahr beim Zeitungmachen umgetrieben hatte – Flucht und Vertreibung –, kam mir nun als Urgeschichte meiner eigenen Familie entgegen. Warum hatten wir darüber nie geredet? Die Schrecken des Totalverlusts, die Mühen des Neuanfangs waren in unserer Familie von mächtigen Tabus umstellt. Man ließ die alten Geschichten lieber abgeschottet hinter einer Mauer der Scham. Wie beiläufig erwähnte die Tante nun, vor Kummer über die Entwurzelung habe sie irgendwann nur noch 31 Kilo gewogen. Ein Arzt musste sie mit Spritzen aufpäppeln.

Das hatte ich noch nie gehört. Warum haben wir darüber immer geschwiegen? Und warum geht das jetzt nicht mehr? Darin liegt für mich ein Schlüssel zu diesem verfluchten, beglückenden, aufwühlenden Jahr.

Es gibt diese Jahre, in denen man irgendwann zu wissen glaubt, was die Stunde geschlagen hat, was gerade zu Ende geht oder begonnen hat. 1989 war so ein Jahr, 2001 auch. Ende des Kalten Krieges, Beginn des "Krieges gegen den Terror".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015. Weitere Artikel von ZEIT-Mitarbeitern zum Thema "Was dieses Jahr mit uns gemacht hat" finden Sie in der aktuellen ZEIT.

Aber 2015? So viel Jahr war noch nie. Allein die ersten Wochen waren schon atemberaubend. Am 7. Januar töteten Terroristen in Paris beim Überfall auf die Redaktion von Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt 17 Menschen, am 25. Januar gewann Alexis Tsipras die Wahl in Athen, am 26. Januar begann sich im ostukrainischen Debalzewe der Kessel um die ukrainischen Regierungstruppen zu schließen. Der Angriff der Dschihadisten auf unsere Freiheit, der Aufstand gegen die sogenannte Austeritätspolitik, die Drohung eines Stellvertreterkriegs mit Russland am Rande Europas – all das passierte gleichzeitig, als das Jahr noch kaum begonnen hatte.

Die Terroristen würden noch radikaler werden, der Aufstand gegen die Austerität aber sollte dann in einem Kompromiss enden, und auch der drohende Krieg mit Russland führte zu einem imperfekten, aber irgendwie doch funktionierenden Abkommen. Nichts davon hätte ich Ende Januar so erwartet: dass wir Ende des Jahres einen noch schlimmeren Angriff, wieder in Paris, erleben würden; dass ausgerechnet Tsipras nach einem Referendum gegen die Reformpolitik zu deren Vollstrecker werden würde; dass das Minsker Abkommen, im Februar geschlossen, bis dato hält.