Mann. Sekt. Kater © Reggie Casagrande/Getty Images

Der Kater beginnt, wie immer, mit Dunkelheit und einer Ahnung von dem, was war. Gekrümmt wie ein Embryo liege ich da und öffne die Augen, hineingehalten ins Nichts.

Licht dringt durch die Gardinen. Ich reibe mir die Augen: Das ist also die Welt.

Das, was vor Stunden geschah, erscheint fern. Als sei es in einem vorherigen Leben passiert. Wie wir im Nebel standen, sie ihre Arme in der Nacht ausbreitete, ihre Haare über die Schulter warf. Unsere glühenden Zigaretten, die Kreise in die Finsternis malten.

Der Wodka.

Ich strecke die Beine von mir. Das Gefühl, ohne Haut zu sein. Die Scham. Auf dem Parkettboden liegen eine Flasche, Schuhe und Zigarettenschachteln. Ich wache im Klischee auf. Es beginnen die Stunden der Buße.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015.

In einem Tatort, den ich neulich sah, kommt ein Kommissar morgens zur Arbeit, Sonnenbrille auf der Nase, und begrüßt die Kollegin, er lässt sich Kaffee und Aspirin geben. Kamera aufs Glas, er wirft die Tablette ins Wasser, die Tablette zergeht. Der Kommissar verschwindet im Büro, Hand an der Stirn. Der Kommissar hat gesoffen, sollen uns diese Bilder sagen. Jetzt hat er einen Kater.

Die Folge einer leichten Alkoholvergiftung, medizinisch betrachtet. Der Kater äußert sich durch Symptome wie starker Durst, Nachdurst genannt, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Schwächegefühl. Er führt zu Konzentrationsschwierigkeiten, zu depressiven Verstimmungen, zu Licht- und Geräuschempfindlichkeit, zu Schlafproblemen, Zittern, Ängstlichkeit. Die Symptome treten Stunden nach dem Alkoholkonsum auf. Sie sind am stärksten, wenn der Alkohol schon vollständig abgebaut ist.

Der Kater ist das Ende des Exzesses, aber nicht sein Ziel. Wir wollen nicht den Kater, wir wollen den Rausch. Der Rausch bringt uns einander näher, er verbindet. Er lässt uns vergessen, was ist. Erst geht es bergauf, alle gemeinsam, Entgrenzung, Verbrüderung, Hände zum Himmel. Doch wenn der Kater kommt, der Aufprall, der Tag danach, sind wir allein.

Der Kater ist die verborgene Rückseite des Rauschs. Die Rückseite der Geburtstagsparty, der Weihnachtsfeier und der Silvesternacht. Er ist der Hinterhof der alkoholbetriebenen Leistungsgesellschaft. Work hard, party hard.

Der Rausch ermöglicht uns den kurzzeitigen Ausbruch oder zumindest: die Illusion des Ausbruchs. Danach liegen wir im Halbdunkel rum und kotzen.

Unser Umgang mit den unmittelbaren Folgen des Trinkens ist schamhaft. Wir verdrängen den Kater, wie wir Krankheiten verdrängen, Schwäche, Niederlagen. Wir verkleinern ihn zu einer Nebenwirkung. Die Brigitte gibt Anti-Kater-Tipps, "die wirklich helfen": heiße Bouillon, saure Gurken, frische Luft, duschen statt baden. Die Apotheken Umschau rät, dem Kater "Saures zu geben": Rollmops, Laugengebäck, Heringssalat. Fit for fun empfiehlt, den "Kater-Kampf" mit einer Heiß-Kalt-Dusche einzuleiten.

Dabei ist der Kater keine Plage, die es zu bekämpfen gilt. Er ist eine existenzielle Erfahrung. Viel mehr noch als der Rausch selbst. Der Rausch ist unwirklich. Er verfliegt. Der Kater ist wahr. Er dauert. Der Rausch führt zu Enthemmung, erhöhter Kontaktbereitschaft, Selbstüberschätzung. Der Rausch vergrößert den gegenwärtigen Moment wie eine Lupe. Bis wir nichts mehr sehen außer uns im Hier und Jetzt. Der Kater invertiert den Rausch. Er macht uns zerbrechlich, empfindsam. Er hindert uns daran zu funktionieren. Verkaterte Menschen führen stundenlang Gespräche, weil sie zu mehr nicht in der Lage sind. Sie sind friedlich und klug.

Wir sollten den Kater umarmen. Er ist die Einkehr nach dem Ausgehen. Er führt zu seltenen Momenten der Reduktion, da er uns lahmlegt und die alltägliche Betriebsamkeit unmöglich macht. Und ohne Betriebsamkeit kommen die Fragen, die kleinen und die großen.

Auf einem Blog las ich neulich diesen Satz: "Das Schönste an Reue ist der Abend davor." Zuerst gefiel er mir, ich trug ihn einige Tage mit mir herum. Inzwischen aber weiß ich: Das Schönste am Abend ist die Reue danach.