DIE ZEIT: Herr Kardinal, dürfen wir fragen, wie Sie Weihnachten gefeiert haben?

Gerhard Ludwig Kardinal Müller: An Weihnachten war ich, wo ich hingehöre, im Petersdom an der Seite des Heiligen Vaters. Mit meiner Hausgemeinschaft feiere ich Weihnachten immer mit Gebet, Gesang und der Lesung des Weihnachtsevangeliums, so wie es einem deutschen Gemüt guttut.

ZEIT: Die Christen haben ein dramatisches Jahr hinter sich. Was war für Sie 2015 das Wichtigste?

Kardinal Müller: Das Wichtigste für die Glaubenskongregation ist immer dasselbe: dass wir dem Heiligen Vater in seinem Lehramt dienen und uns auch um "Delikte" gegen die Glauben oder gegen die Heiligkeit der Sakramente kümmern müssen. Wir, das sind nicht nur die 45 Mitarbeiter in unseren drei Abteilungen Glaubenslehre, Disziplin und Ehefragen, sondern auch etwa 25 Kardinäle und Bischöfe als Mitglieder sowie 30 theologische Konsultoren in Rom.

ZEIT: Sie wurden von Papst Benedikt ins Amt des Glaubenspräfekten berufen. Was hat sich für Sie unter Papst Franziskus geändert?

Dieses Interview erschien in gekürzter Fassung in der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015.

Kardinal Müller: Meine Aufgabe ist unverändert. Die Kongregation dient im Auftrag des Papstes dem universalen Lehramt der Kirche – gemäß den approbierten Regeln und Statuten. Jeder Papst ist der Nachfolger des Apostels Petrus. Er stellt für die Einheit der Kirche im Glauben das "immerwährende und sichtbare Prinzip und Fundament" dar – so hat es das Zweite Vatikanische Konzil bestimmt. So wie aber Petrus als ein individueller Mensch mit seinen Stärken und Schwächen von Jesus berufen wurde, so sollen auch die Päpste ihre Mission mit ihrer Persönlichkeit ausfüllen. Sie sind keine austauschbaren Funktionäre. Die beiden Päpste, für die ich die Arbeit der Kongregation koordiniere, sind verschiedene Menschen. Das bereichert die Kirche.

ZEIT: Papst Franziskus ist angetreten, seine Kirche und insbesondere die Kurie zu erneuern. Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern?

Kardinal Müller: Erneuerung der Kirche kann nicht das spezielle Programm eines einzelnen Papstes sein. Sie ist die permanente Aufgabe eines jeden Christen, der über eine bloß äußerliche Anhänglichkeit an das Christentum hinaus ein wahrer Anhänger Christi werden will. Es gibt aber auch epochale Herausforderungen, auf die die Kirche jeweils in ihrer Zeit antworten muss.

ZEIT: Und was heißt das für die Kurie, deren "Krankheiten" der Papst zu Weihnachten 2014 auflistete?

Kardinal Müller: Wer genau hingehört hat, der merkte, dass er selbst zur Gewissenserforschung eingeladen war. Der Papst sprach von geistlichen Versuchungen wie ein Exerzitienmeister in der Tradition seines Ordensvaters, des Heiligen Ignatius von Loyola. Niemand solllte sich dadurch in seinen Vorurteilen und Klischees bestätigt fühlen. Die Kurie ist ein Hilfsinstrument für die Regierung der Kirche. Sie steht nicht im Zentrum der Kirche. Wo immer die Eucharistie gefeiert wird, ist das Zentrum auch in einer ärmlichen Urwaldhütte. Die überproportionale mediale Aufmerksamkeit ausgerechnet für die Kurie anstatt für das Evangelium ist der beste Beweis: Ein Perspektivenwechsel ist nötig! Die Kurienmitarbeiter müssen vom Geist Petri erfüllt sein und in den Päpsten ihm dienen. Nur wer trotz aller eigenen Schwächen mit Petrus zu Jesus sagen kann "Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe", der kann auch seinem Nachfolger, dem Papst, mit vernünftigem Rat und Urteil zur Seite stehen.

ZEIT: Der römische Reformprozess, insbesondere die Reform der Finanzen, macht immer wieder Schlagzeilen. Zuletzt standen Sie selbst in der Bild-Zeitung.

Kardinal Müller: Das geht an mir vorbei. Ich bin nicht zum Präfekten der Glaubenskongregation berufen worden, um mich um ein sekundäres Thema wie die sogenannten "Finanzen des Vatikans" zu kümmern, zumal in seinen weltlichen Institutionen, die nicht zu Kurie gehören. Da gibt es andere, die das besser können und lieber machen. Seit 1965 ist unsere Kongregation fast vollständig von der Verwaltung ihrer einst beträchtlichen Güter befreit, um sich ganz ihrer geistlichen und theologischen Mission zu widmen.

ZEIT: Gab es tatsächlich eine Haussuchung in der Glaubenskongregation? Und einen ominösen Geldfund von 20.000 Euro?

Kardinal Müller: Die investigativen Phantastereien in der Yellow-Press sind sachlich haltlos und dienen nur der Störung unseres eigentlichen Auftrags. Bezeichnend ist nur, wie bereitwillig das Lächerliche statt des Ernsthaften geglaubt wird. Wir haben eine Freudenbotschaft für die Menschen guten Willens und nicht eine Schadensfreudenbotschaft für die Hämischen.

ZEIT: Ihre Kongregation ist die älteste in der Kurie. Einst war sie in ganz Europa gefürchtet als Heilige Inquisition. Warum gibt es sie noch immer?

Kardinal Müller: Die heutige Kongregation für die Glaubenslehre ist nicht nur dem Namen nach, sondern auch der Aufgabenstellung nach von der alten Römischen Inquisition verschieden. Sie besteht in dieser Form seit 1965, weil der Papst auch heute die Universalkirche nicht allein leiten kann, sondern sich dazu der Hilfe der Römischen Kirche bedient. Seit dem 16. Jahrhundert hat das Kardinalskollegium, das vorher für alle Fragen gemeinsam zuständig war, einzelne Abteilungen gebildet. Heute gibt es zehn Kongregationen, eine neue für Ehe und Familie wurde gerade gegründet. Es stimmt: Als im Jahre 1542 unsere Kongregation entstand, waren die Zeiten für die katholische Kirche schwierig, die Päpste bekämpften die reformatorischen Bewegungen und diese den Papst. Zur historischen Inquisition wären die geschichtlichen Fakten und die antikatholischen Legenden kritisch zu unterschieden. Aber heute leben wir nicht mehr im Zeitalter des Konfessionalismus, sondern im Zeitalter der Ökumene!

ZEIT: Das sagen Sie als Hüter der Glaubenslehre?! Was heißt denn Ökumene?

Kardinal Müller: Ökumene heißt, dass die Christen verschiedener Konfessionen versuchen, das Gemeinsame zu entdecken und zusammen Zeugen für Jesus Christus zu sein.

ZEIT: Trotz des Satzes im Glaubensbekenntnis Ihrer Kirche: "Ich glaube an die heilige katholische Kirche"?

Kardinal Müller: Das Attribut "katholisch" kommt in allen Glaubensbekenntnissen der Christenheit lange vor der Trennung des 16. Jahrhunderts vor. Doch gerade die beträchtlichen dogmatischen und liturgischen Unterschiede zeigen: Der Weg auf eine größere Einheit hin ist notwendig.