Auf einmal hörte man, Shea Westhoff sei wieder aufgewacht. Er habe sogar ein paar Worte gesagt, er habe alle WM-Spiele der deutschen Mannschaft verfolgt, und nur einen Monat nach dem Unfall sei er dann am Bahnsteig gesehen worden, mit seinem blauen Eastpak-Rucksack. Die Leute auf der Straße in Butzbach haben ihm hinterhergeschaut, nachdem er aus dem Zug aus Gießen gestiegen war, wo er angeblich schon wieder zur Schule ging. Er habe keine Mütze getragen, an seinem Kopf soll nichts mehr von dem Aufprall zu bemerken gewesen sein. Und er habe gelächelt. Ein Wunder, dass er überhaupt wieder da war! So in etwa erzählten sie es.

Shea Westhoff hätte tot sein können. Er lag im Universitätsklinikum Frankfurt. Schläuche führten in seinen Mund und die Nase. Offenes Schädelhirntrauma III stand in seiner Diagnose. Die schwerste Stufe.

Als die Menschen im Ort von seinem Zustand erfuhren, haben sie für ihn gebetet, Stunde um Stunde, Tag für Tag, zwei Wochen lang.

Und dann war er wieder wach. Er sah aus wie früher. Aber für Shea Westhoff hatte sich alles verändert. Er war nun nicht mehr einfach ein sechzehnjähriger Junge, der eine große Klappe hatte und Basketball spielte. Er war eine Sehenswürdigkeit geworden. Einer, der am Tod vorbeigeschrammt war.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015.

"Ich habe Glück gehabt", so sagt er es manchmal. Es war ein Wunder, so sagen es die anderen.

Neuneinhalb Jahre nach dem Unfall steht Shea Westhoff auf einem Bahnsteig des Frankfurter Hauptbahnhofs, die Haare wuschelig zurechtgegelt. Er studiert Medienethik und Journalismus und wohnt in Nürnberg, aber weil ihm die Stadt zu düster und eng vorkommt, hat er gerade seinen 26. Geburtstag in Freiburg gefeiert. Eine helle Stadt, findet er. Jetzt steigt Shea Westhoff in den Regionalexpress in Richtung Butzbach und lässt seine Reisetasche aus Leder auf den Nebensitz fallen. Dann schaut er hoch, lächelt. "Ich fahr gern nach Butzi", sagt Shea Westhoff. "Aber drei Tage sind die Grenze."

Jetzt, am Ende seines Studiums, als er noch mal überlegt, woher er kommt und was er mit seinem Leben machen wird, will er rekonstruieren, was in diesen zwei Wochen geschah, die in seinem Gedächtnis ausgelöscht sind. Sie sind ein blinder Fleck in seinem Leben, aber einer, der ihn definiert. Noch heute sprechen ihn die Menschen in Butzbach darauf an: "Na, Gott muss ja Großes mit dir vorhaben." Deshalb hat Shea Westhoff sich an die ZEIT gewandt, um mit einer Journalistin dem nachzuspüren, was manche Menschen "Glück" nennen und andere "Wunder". Aber gibt es das – Wunder?

Butzbach ist ein kleiner Ort in Hessen, 23.000 Einwohner, ein Schloss, drei Kirchen, eine evangelische Stadtmission. 2004 waren die Westhoffs mit ihren drei Kindern dorthin gezogen, weil sie auf der Suche nach einer engagierten Kirchengemeinde waren. Shea ist das Sandwichkind, eine ältere Schwester, ein jüngerer Bruder. Alle drei, vier Monate besucht er seine Eltern. Sie haben ein gutes Verhältnis, aber über den Unfall vor gut zehn Jahren haben sie selten gesprochen.