Endlich ist es kalt geworden. Auf der Passhöhe des Arlbergs, 1.800 Meter über dem Meer, kann man den Winter hören. Es zischt in der Dunkelheit – die Schneekanonen laufen im Hochbetrieb. Aus dem Untergeschoss des großen Hotels neben der Piste sind aber Töne zu hören, die nicht wirklich zum Skigebiet von St. Anton passen: Violine und Klavier, Johann Sebastian Bach, Sonate in c-Moll.

Zwanzig Zuhörer verlieren sich in dem neuen Konzertsaal, der Platz für 200 bietet. Helle Eiche, klare Formen jenseits des Jodelbarocks, die Wand hinter dem schwarzen Steinway-Flügel ist in apricotfarbenes Licht getaucht. Zwei junge Virtuosen legen ihre ganze künstlerische Energie in das Allegro. In der Pause vor der zweiten Sonate – h-Moll, Bach-Werke-Verzeichnis 1014 – wendet sich der Geiger Peter Clemente entspannt an das Publikum: "Wir sind ja heut a bisserl leger beisammen, Sie dürfen sich gern auch weiter nach hinten setzen, wenn Sie die tolle Akustik dieses Saals genießen wollen."

Dort sitzt ein Mann in Jeans und Trachtenjanker. Einen Arm hat er lässig über die Lehne des nächsten Stuhls gelegt, aber seine wässrigen Augen zeigen, dass er viel Stress hinter sich hat. Sein schmales Gesicht ist gerötet. Florian Werner, 49 Jahre alt, der Wirt des Arlberg Hospiz Hotels, steckt mitten in einem Experiment: Im Herbst hat er das höchstgelegene Kunstquartier Österreichs eröffnet. Direkt neben dem Skiverleih seines Hotels geht es jetzt zur Kunsthalle und zum Konzertsaal. Bis zum Ende des Winters sollen hier jede Woche Musik, Literatur und Kabarett geboten werden.

Warum bringt ein Hotelier das Klavierkonzert zur Schneekanone?

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

"Ich will unabhängig werden vom Winter", sagt Florian Werner. In Tirol klingt das nach Gotteslästerung. Hängt doch in Werners Gaststube unter wuchtigen Balken eine goldumkränzte Ehrentafel: Ski-Club Arlberg – seine Weltmeister, seine Olympiasieger. Sie hängt zu Recht hier – am 3. Januar 1901 wurde im Hospiz der erste Skiclub Österreichs gegründet.

Die Tradition des Hauses reicht noch weiter zurück. 1386 gründete Heinrich Findelkind die Bruderschaft St. Christoph und baute ein Hospiz auf dem Arlberg. Es rettete Reisenden das Leben, die in Schneesturm und andere Unwetter gerieten. Im 20. Jahrhundert machten der Großvater und der Vater von Florian Werner aus dieser Herberge der christlichen Barmherzigkeit ein Luxushotel für Skifahrer mit 350 Betten.

Florian Werner besuchte das Gymnasium und die Hotelfachschule in Salzburg. Anschließend arbeitete er in Hotels auf der ganzen Welt. Besonders geprägt hat ihn das Peninsula in Beverly Hills. 1997 übernahm er den elterlichen Betrieb.

Am Handgelenk trägt er eine IWC. Er mag den zurückhaltenden Auftritt, das selbstbewusste Understatement. Seine leise Eleganz orientiert sich an Vorbildern aus der Großstadt. Man könnte den schmalen Mann für schüchtern halten. In dieser Hinsicht ist er nicht nach dem Vater geraten. Adi Werner, 79 Jahre alt, ist für Reisende der Luxusklasse zum Inbegriff des Tiroler Wirts geworden: leutselig, jovial, direkt. Er hat das Hospiz in eine Pilgerstätte für Weinliebhaber verwandelt, in diversen Kellern lagern große Schätze aus dem Bordeaux. Und Adi Werner hat maßgeblich dazu beigetragen, dass St. Anton den Zuschlag für die Skiweltmeisterschaft des Jahres 2001 bekam.

Wie soll ein Sohn in der Spur dieses Vaters gehen?