Wenn man lange lebt, erlebt man alles und auch das Gegenteil. Der Rückschlag kommt in einer Weise, die niemand geplant oder auch nur vorausgesehen hat. Es geschehen Dinge, die man bis vor Kurzem für unvorstellbar hielt." Diese Worte des deutschen Schriftstellers Ernst Jünger fallen dem persönlich betroffenen Beobachter ein, wenn er die jähen Wendungen dieses Jahres in der Flüchtlingspolitik im Verhältnis zwischen Ungarn und Österreich Revue passieren lässt.

Wer hätte gedacht, dass 87 Prozent der Ungarn – laut einer Umfrage des unabhängigen Median Institutes im November 2015 – die Abschottung ihres Landes durch den von der Regierung errichteten Zaun billigen würden und dass eine so allgemeine Geschichtsvergessenheit die Erinnerung an die Massenflucht nach der Niederschlagung des Aufstandes von 1956 auslöschen könnte?

Michael Gehler/Erich Lessing: Ungarn 1956, Tyrolia, Innsbruck 2015; 272 S., 34,95 € © Tyrolia Verlag

Was geschah damals in Ungarn? Die "unerwartete Revolution" begann an einem strahlend schönen Herbsttag, am 23. Oktober mit Kundgebungen und Demonstrationszügen der Studenten zur Unterstützung der von den Sowjets bedrohten polnischen Reformer. Bereits vor den Schüssen auf die Demonstranten beim Rundfunkhaus und bereits vor dem Auftauchen des ersten sowjetischen Panzers war eine in erster Linie von jungen Arbeitern und Lehrlingen getragene revolutionäre Massenbewegung, ein Arbeiteraufstand im Gange. Überall in Budapest und später in der Provinz stürzten sich die Menschen in ihrem unbändigen Zorn zuerst auf die Symbole der Diktatur.

In den nächsten Tagen erlebte die Welt einen elementaren Ausbruch der Wut des ungarischen Volkes. Nach dem im rasanten Tempo erfolgten Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur und dem vorläufigen Rückzug der Sowjettruppen beschloss die von dem kommunistischen Reformer zum nationalen Staatsmann gewandelten Imre Nagy geführte Koalitionsregierung die Wiederherstellung des Mehrparteiensystems, den Austritt aus dem Warschauer Pakt und die Deklaration der Neutralität.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

An einem nebligen, nasskalten Sonntag, am 4. November 1956 um 4.15 Uhr, begannen 60.000 sowjetische Soldaten mit Hunderten Panzern die militärische Operation Wirbelsturm zur Niederschlagung der ungarischen Revolution und des nationalen Freiheitskampfes. Wegen des verzweifelten Widerstandes der Freiheitskämpfer betrugen die sowjetischen Verluste 699 Tote, 1.450 Verletzte und 51 Vermisste. Bei den Kämpfen ist viel junges Blut vergossen worden. Insgesamt zählte man über 2.700 ungarische Tote und fast 20.000 Verwundete. Die Hälfte von ihnen waren unter dreißig Jahre alte Arbeiter.

Die ungarische Revolution war nach dem Zweiten Weltkrieg die größte Herausforderung der sowjetischen Hegemonialmacht in Osteuropa und zugleich ein weithin sichtbares Symbol des Bankrotts des Sozialismus sowjetischer Prägung. Sie war eine "siegreiche Niederlage", eine authentische antitotalitäre Revolution und ein weltweit beachtetes Ereignis, dessen Folgewirkungen bis heute ein zutiefst positives Bild von Ungarn mitgeprägt haben. Die Untätigkeit der US-Regierung während der ganzen Periode des Triumphs und der Tragödie und das britisch-französische Suesabenteuer bewiesen den moralischen und politischen Bankrott der US-Befreiungskonzeption. Nicht nur der Rachefeldzug der vom Kreml eingesetzten Phantomregierung (fast 400 Hinrichtungen und Zehntausende Verhaftungen), sondern auch die bittere Enttäuschung über die ausgebliebene Hilfe des Westens trugen dann viel zur relativ schnellen Konsolidierung des verhassten Regimes von János Kádár bei.

Die Diskussion über Flüchtlingsschicksale ruft viele Erinnerungen aus meiner eigenen Geschichte und an die Erfahrungen meiner Freunde wach. Ich war im Alter von 27 Jahren auch ein politischer Flüchtling, einer von den 180.432 Ungarn, die von Oktober 1956 bis März 1957 in Österreich ohne Rücksicht auf Herkunft und Vergangenheit mit offenen Armen aufgenommen wurden. Fünf zum Teil sehr schwierige Jahre lagen hinter mir: Militärdienst, Verhaftung, Untersuchungsgefängnis, Internierung und drei Jahre Berufsverbot. Trotz allem hatte ich ursprünglich meine Heimat nicht verlassen wollen. Als ehemaliger Linkssozialist, verfolgt und während des Aufstandes nicht kompromittiert, konnte ich endlich wieder bei einer Tageszeitung arbeiten. Auch hatte ich mit meinen geliebten Eltern kein Wort über einen Absprung in den Westen gewechselt.