Eine Liebeserklärung an Paris hätte man gerne von mir. Wie soll das gehen? Eine Liebeserklärung an die Stadt der Liebe? Na gut, ich versuch’s einfach mal: Paris, je t’aime! Je t’aime, Paris! Wie man’s auch dreht, es klingt nach Pleonasmus. Gleichzeitig klingt es so, als ob ich mit dem gewünschten Text schon fertig wäre. Bin ich aber nicht.

Ich gebe zu, es gibt in den letzten Wochen diesen altbekannten Effekt, der nach einem plötzlichen Unheil eintritt. Wir ärgern uns jahrelang über einen guten Freund, schimpfen über unsere Eltern, bis zu dem Tag, an dem ihnen etwas passiert. Dann schimpfen wir erst einmal lange Zeit nicht mehr. So auch mit der Stadt Paris.

Zur Stadt Paris heißt ein Buch mit Geschichten von Peter Bichsel. Die kürzeste davon trägt den Titel Sehnsucht. Auch wenn sich manche darüber erhaben fühlen: Paris ist über die Jahrhunderte ein Sehnsuchtsort geblieben. Zum Wesen der Sehnsucht aber gehört ihre Unbestimmtheit. Der Sehnsuchtsort ist weder die Stadt selbst mit ihren bekannten und unbekannten Sehenswürdigkeiten noch ein wie immer geartetes "Flair". Was uns anzieht, ist vielmehr eine unerreichbar ferne Wolke, in der auf geheimnisvolle Weise Catherine Deneuve und der Glöckner von Notre-Dame, Samuel Beckett und die Rita Mitsouko, Jeanne d ’ Arc und Serge Gainsbourg zusammenfinden und nach durchtanzter Nacht in weichen Himmelbetten unter einer Brücke schlafen. In diese Wolke wollen wir hinein. Paris! Je nachdem, woher wir kommen und wer wir sind, hoffen wir sie an Heines Grab auf dem Cimetière de Montmartre, bei Jim Morrisson und Abélard und Héloïse auf dem Père-Lachaise, bei Sartre und Beauvoir im Café de Flore, bei Beckett und Giacometti an der Kreuzung des Boulevard du Montparnasse und des Boulevard Raspail, im Moulin Rouge unterhalb von Sacré-Cœur, bei Rilke im Jardin des Plantes und immer wieder auf dem Eiffelturm und immer wieder in der Liebe zu finden.

Nur wer wie Peter Bichsel verstanden hat, dass er weniger den Sehnsuchtsort liebt als die Sehnsucht selbst, hat das Glück – oder das Pech –, zu Hause bleiben zu können. Oder jedenfalls den Zielbahnhof nie verlassen zu müssen, wie in jenem Film über Bichsels erste und einzige Reise nach Paris, bei der er, schon in fortgeschrittenem Alter, an der Gare de l’Est ankommt, ein Hotel gegenüber dem Bahnhof bezieht und sich für den Rest des Aufenthalts allein mit seiner intakten Sehnsucht in sein Hotelzimmer einschließt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015.

Ich selbst bin vor zweiunddreißig Jahren ausgestiegen und den Boulevard de Strasbourg herunter in die Stadt gelaufen. Dabei ist im Laufe der Zeit die Sehnsucht nicht ganz unbeschadet geblieben. Zunächst einmal bin ich aber an vielen afrikanischen Frisörläden vorbeigekommen, krause dunkle Haarbüschel wehten über den Bürgersteig, die vierspurige Straße war gesäumt von Männern, die den Tag im Stehen verbrachten, während hinter den Schaufenstern in geduldiger Flechtarbeit Zöpfchenwellen und -türme entstanden, und ich merkte, dass meine Sehnsucht nach Paris auch eine Sehnsucht nach Afrika gewesen war.

Ich ging weiter, immer geradeaus den Boulevard entlang, an einem Turm vorbei, von dem ich nicht wusste, dass er das einzige Überbleibsel, gewissermaßen der abgehackte Arm der aus dem 12. Jahrhundert stammenden Kirche namens Saint-Jacques-de-la-Boucherie war, wörtlich Heiliger Jakob der Metzgerei, so benannt nach den Schlachtereien, die es in diesem Stadtviertel im Mittelalter gab. Ich ging an dem kleinen Garten vorbei, der den Turm umgibt, ohne auf die Büste von Blaise Pascal zu achten, die an seine 1648 von diesem Turm aus unternommenen Experimente zur Schwerkraft erinnern soll, und ohne die in Stein geritzten Verse von Gérard de Nerval zu lesen, der ein paar Schritte von hier, Rue de la Vielle Lanterne, in einer eisigen Winternacht des Jahres 1855, nachdem er sich einen Strick um den Hals gebunden hatte, auf seine Weise mit der Schwerkraft experimentierte. Die schwarze Sonne der Melancholie war noch nicht aufgegangen. Wie eine Sonnenblume schwankte der Turm sachte im Wind.

Ich ging weiter geradeaus, erst über eine Brücke, dann an einem gewaltigen, düsteren Schloss namens Conciergerie vorbei. Eine Concierge war offensichtlich doch etwas anderes als der deutsche Hausmeister. Kurz darauf stand ich Nase an Nase mit Notre-Dame. Der polnische Dichter Zbigniew Herbert, der ein paar Jahrzehnte vor mir denselben schnurgeraden Fußweg in die Stadt hinein genommen hat, beschloss bei diesem Anblick, doch nicht herauszufinden, welche Dichter hier gerade in Mode waren, und doch kein Buch über Paul Valéry zu schreiben, sondern stattdessen alle gotischen Kathedralen Frankreichs zu besuchen. Ein paar Tage später war er schon in Chartres. Ich hob die Augen zu der dreckigen, vielförmigen Steinwelt, in der mehr Leben war als in dem ganzen Touristengewusel davor, einer Welt, die nicht nur von Menschen, sondern auch von Schafen, Löwen, Hunden, Vögeln, Fischen bevölkert war, in der musiziert und gefoltert, geritten, gebetet und auf dem Kopf gestanden wurde.