Ein ungewöhnlicher Junge ist dieser Péter, wie er da auf den Stufen sitzt mit dem Vogel auf dem Arm. Das Ei hat er selbst ausgebrütet, einen Monat lang in seiner Achselhöhle, bis der Falke schlüpfte, oder genauer die Falkin, denn es ist ein weibliches Tier. Groß, prächtig schwebt "Ré", so nennt er sie, durch die Lüfte, hoch oben ein Pünktchen, kaum noch zu erkennen. Sie könnte die Freiheit suchen. Doch setzt sie sich immer wieder auf seinen Arm, krallt sich ins Schutzleder, frisst Péter aus der Hand. Der menschliche Vogelvater ist nicht die Hauptfigur des bewegenden Romans Der Scheiterhaufen von György Dragomán, aber er stellt die entscheidende Frage: Warum Ré nicht wegfliegt, "warum sie zurückkommt, wenn sie doch fortbleiben könnte, das möchte er wissen". Das ist, natürlich, stellvertretend für die Menschen gemeint.

Der Scheiterhaufen führt in ein Land ohne Namen, in eine Stadt ohne Namen, mit vielen Toten, die nie beerdigt worden sind; Demonstranten, niedergemetzelt, verschleppt und dann irgendwo verscharrt von der untergehenden Staatsmacht. Die Revolution steckt allen noch in den Knochen, und wie sie zu bewerten sei, als Befreiung oder als Fortsetzung der alten Lügen in neuem Gewand, diese Frage spaltet die Gesellschaft des weit im Osten Europas gelegenen Landes. Es könnte Transsilvanien sein.

Der Autor, 1973 in die ungarische Minderheit in Siebenbürgen hineingeboren, verließ 1988 zusammen mit seiner Familie Rumänien und zog nach Ungarn. Von dort aus hat er die dramatische Hinrichtung des rumänischen Diktators Ceauşescu verfolgt. Dass György Dragomán Beckett übersetzt hat und überhaupt bestens mit der Literatur der Moderne vertraut ist, merkt man seiner Prosa an. Sie lebt von Allegorien, Mikroerzählungen, von raffiniert gesteigerter Komplexität. Und von Gegensätzen wie diesem: die Leere und die Fülle.

An den Wänden der staatlichen Institutionen sind überall helle Flecken geblieben, schmuddelig umrandete Quadrate ohne Zentrum, wo kurz zuvor noch die Konterfeis der Diktatur hingen. Der Bildersturm, so surrealistisch wie gewaltsam, erzeugt einen ganz eigenen Film, eine üppige Erinnerungsspur, die an die Stelle der leeren Flecken tritt: "ich sehe das Gesicht des Genossen General im Fernsehen, wachsgelb und blutig liegt es im grauen Schlamm, und jemand holt einen großen gelben Bronzepokal aus der Vitrine, den die Schüler des Internats im Friedenswettbewerb gewonnen haben, und der Pokal fliegt, sich in der Luft drehend, gegen den Bildschirm, auf dem das blutüberströmte Gesicht des Genossen General funkelnd zerspringt".

Das Ich, das hier spricht, gehört einem Mädchen. Einem Waisenkind. Seine Eltern seien bei einem Autounfall ums Leben gekommen, wurde ihm gesagt. Emma heißt das Mädchen, wenngleich der Name nur zwei-, dreimal fällt. Ihre Trauer um die Eltern hat Emma wie einen schwarzen Klumpen in ihrer Seele versenkt, aber äußerlich ist sie mutig, weiß sich zu beherrschen. Sie ist die Heldin des Romans, und es sei verraten, dass auch Emma – wie der Junge mit dem Vogel, in den sie sich verlieben wird – die Tiere achtet.

Doch wäre da noch jene Frau zu nennen, die sich von einem Tag auf den anderen ihres Lebens bemächtigt. Sie taucht im Internat auf, gibt vor, Emmas Großmutter zu sein, und nimmt die Dreizehnjährige mit zu sich nach Hause. Was wie eine Entführung aussieht, erweist sich als der Beginn einer tief berührenden Beziehung. Gleich auf der Zugfahrt wird klar, mit wem wir es bei dieser "Großmutter" zu tun haben. Im Buffetwagen tauchen schnapsselige Musiker auf, werfen glühende Blicke auf das hübsche Mädchen, bestehen darauf, mit ihm zu tanzen. Wie eine Furie wirft die Alte sich vor ihre Enkelin, stürzt Wodka hinunter, tanzt dann statt des Mädchens mit den schimpfenden, spottenden Männern. Es liegt so viel Kraft und Rohheit, so viel Kargheit und Leidenschaft, so viel "Osten" in diesem Tanz, dass man nur staunen kann über György Dragománs Erzählkunst.