Man ist sich einig. Und das seit Jahrzehnten. "Die Schweiz ist kein Land der Utopien und Visionen, weil es dem Land in dem Beharrenden, Behaglichen wohl ist." Sagt der Architekt, der rund um den Globus baut. "Ein Volk kann, das wissen wir aus der Geschichte, historische Entscheide und Reformen auch verpassen." Sagt der bürgerliche Bundesrat vor der wichtigsten Abstimmung seiner Karriere. Und der linke Schriftsteller raunt in seinen Texten: "Die Schweiz begreift sich als etwas Großartig-Gewordenes, nicht als etwas Werdendes."

Was die Herren sagen, ist ebenso richtig wie falsch:

Richtig, weil die Schweiz tatsächlich mit dem fortschreitenden Weltengang hadert. Weil sie ihre Zukunft in der Vergangenheit sucht. Weil sie zugleich an Größenwahn und einem Minderwertigkeitskomplex leidet. Falsch, weil das no future, no visions -Lamento nur die eine Seite der Geschichte erzählt. Und die andere an Historiker und Journalisten mit einem Flair fürs Abseitige oder Schöngeistige delegiert.

Es ist die Geschichte einer Schweiz als gesellschaftspolitisches Ideenlabor. Als ein Land, in dem sich 1915 die revolutionäre Linke, getarnt als Ornithologen-Verein, um einen Russen namens Wladimir Iljitsch Lenin gruppiert. Als ein Land, aus dem sich vor bald hundert Jahren die Dada-Bewegung in den Kunst-Orbit jagt. (Was 2016 mit viel Pomp und Brimborium gefeiert wird.) Als ein Land, auf dessen Hügeln die Früh-Hippies vom Monte Verità nackt eine neue Lebenskunst ertanzten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 01 vom 30.12.2015.

Kurzum: als ein Land, in dem immer wieder radikale Gesellschaftsutopien erdacht oder frisch belebt werden – und in die Welt finden. Bis heute.

Zum Beispiel das bedingungslose Grundeinkommen. Die Idee ist mehrere Hundert Jahre alt. 1516 will der englische Humanist Thomas Morus allen Menschen den Lebensunterhalt zahlen, um den Dieben das Handwerk zu legen. Sein Werk trägt den programmatischen Titel Utopia. 1797 fordert der Aufklärer Thomas Paine, einer der amerikanischen Gründerväter: Wer Land besitze, der solle dem Staat Steuern entrichten. Damit wollte er eine Altersvorsorge und ein Grundeinkommen für alle Erwachsenen finanzieren. Im 20. Jahrhundert sind es der linke Sozialpsychologe Erich Fromm oder die Chicago Boys um den Ökonomen Milton Friedman, die für ein Grundeinkommen weibeln: Der eine will den Menschen vom Arbeitszwang befreien, die anderen wollen den verhassten Sozialstaat zurückstutzen.

Wer aber stimmt 2016 über eine Volksinitiative ab, die ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen will? Genau, die ach so verstockten Schweizer.

2.500 Franken soll erhalten, wer hierzulande lebt. Egal, ob er arbeitet – oder nicht. Für jedes Kind gibt es 625 Franken. Das Grundeinkommen ist ein Sockel, auf den der Lohn draufgeschlagen wird. Wer vorher monatlich 7.000 Franken verdiente, kriegt dann zum Grundeinkommen von 2.500 Franken noch 4.500 Franken Lohn. Der Effekt: Die Lohnkosten sinken, weil sie durch das Grundeinkommen subventioniert werden. Steigen werden hingegen die niedrigen Einkommen: Wer heute weniger als 2.500 Franken im Monat verdient, hat künftig mehr Geld im Portemonnaie. Und wer mühselige Drecksarbeit erledigt, wird sich künftig zweimal überlegen, ob sich das für ihn noch lohnt.

Ein einziger Urnengang könnte die Schweiz revolutionieren

Politiker von links bis rechts halten nichts von der Idee. Im September versenkte der Nationalrat das Volksbegehren mit 146 gegen 14 Stimmen. Der Ständerat empfahl die Initiative sogar einstimmig zur Ablehnung. Das letzte Wort hat nun das Volk.

Tritt man einen Schritt zurück und lässt beiseite, ob ein solches Grundeinkommen überhaupt sinnvoll, geschweige denn finanzierbar wäre, so wird die Schweiz an einem Sonntag im Jahr 2016 über eine unglaubliche Idee abstimmen. Es ist die Idee, unser Verhältnis zur Arbeit völlig umzukrempeln. Es ist die Idee, den Sozialstaat total umzubauen. Die Vorlage wirft, das sagen ihre geistigen Väter, den Mensch auf sich selbst zurück, weil er sich fragen muss: Was würde ich tun, wenn für mein Einkommen gesorgt wäre? Wofür engagiere ich mich, wenn ich mich frei entscheiden kann?

Die Schweiz könnte mit einem einzigen Urnengang, quasi übers Wochenende, zu einer total anderen werden. "Das Grundeinkommen wäre ein Entwicklungsschritt für die Menschheit, vergleichbar mit der Abschaffung der Sklaverei", sagen die Initianten. Andernorts braucht es dafür einen Regierungswechsel, eine Revolution, einen Bürgerkrieg.

Doch der Schriftsteller, der genannte, schreibt: "Die parlamentarisch-demokratische Apparatur, eingespielt auf Kompromiss in Permanenz […] erzieht zur Resignation, zur Preisgabe jeder Utopie. Unter Demokratie-Praktikern ist Utopie das schlichte Synonym für Hirngespinst." Vielleicht hat er recht. Aber sicher vergisst er: Diskussionen über neue Schweiz-Entwürfe finden hierzulande nicht nur in den Feuilletons oder Thinktanks statt. Schnell züngelt das Ideenfeuer in die interessierte Bevölkerung. In die Verwaltung, die Parteien, ins Parlament. Bei allem Reden über die Zukunft und wie sie aussehen sollte, müsste, könnte, schwingt im Schweizer Hinterkopf immer mit: Es kommt vielleicht tatsächlich so. Wenn einer eine Initiative lanciert und 100.000 andere findet, die seine Idee teilen.

So geschehen bei der Vollgeld-Reform. Auch sie ist eine alte Idee. Auch sie wird in der Schweiz nun zum politischen Geschäft. Sie will, dass Privatbanken kein Geld mehr schöpfen dürfen. Die Nationalbank soll darauf ein Monopol haben. Am 1. Dezember wurde eine entsprechende Initiative mit 111.819 gültigen Unterschriften bei der Bundeskanzlei eingereicht.

Was sich wie eine kleine, komplizierte Schraubendrehung an der geldpolitischen Tinguely-Maschine anhört, wäre in Tat und Wahrheit ein Wendepunkt in der globalen Finanzgeschichte.

Die Theorie dahinter stammt aus den 1930er Jahren. Damals analysierte der Yale-Ökonom Irving Fisher die Ursachen der Großen Depression, die sein Land erschüttert hatte. Schnell war für ihn klar: Eine wundersame Geldvermehrung ließ das Finanzsystem kollabieren. Banken müssen nämlich – damals wie heute – nur für einen Bruchteil ihrer Kredite eine Bargeldreserve halten. Braucht einer ihrer Kunden Geld, schreiben sie es ihm einfach auf einem Girokonto gut. Als Darlehen. Dabei schaffen sie neues Geld – gleichsam aus dem Nichts. Deshalb wollte Irving den Banken vorschreiben, dass diese sämtliche Kredite decken müssen. Durch Spareinlagen oder Darlehen der Notenbank. Aus dem Mindestreserve-System sollte ein Vollreserve-System werden. Oder wie er es nannte: "100 percent money". Nur so überstehe die Finanzwelt eine Anlegerpanik, einen bank run, sagte der Ökonom. Obschon Präsident Franklin D. Roosevelt die Idee unterstützte, brachte er sie nicht durch. Der Druck der Banken war zu groß, sie fürchteten um ihr Geschäft. Auch eine zweite Vollgeld-Reform scheiterte. In Deutschland, nach dem Zweiten Weltkrieg, als man das Währungssystem reformierte.

Nun also nehmen Schweizer Ökonomen einen weiteren Anlauf. Angestiftet hat sie ein Aargauer Primarlehrer. "Ein Geldsystem, das auf Kredit gegründet ist, raubt uns die Freiheit", sagen sie. Das sogenannte Buchgeld macht heute 90 Prozent der Geldmenge aus. In der Schweiz sind das rund 490 Milliarden Franken. Wird die Initiative angenommen, können die Banken nur noch Kredite vergeben, wenn sie das entsprechende Geld auf dem Markt real beschaffen können: bei anderen Banken, bei Privaten – oder bei der Nationalbank. Allein sie darf Geld in Umlauf bringen, sie erhält ein Monopol, das sie seit 1891 bereits auf die Münzprägung und den Notendruck besitzt.

Die Vollgeld-Initiative ist radikaler als das "100 percent money"- Konzept. Sie würde die Nationalbank zur vierten Gewalt im Staat machen. Neben Exekutive, Legislative und Judikative gäbe es neu die "Monetative". Ihre Aufgabe wäre es, das Geldsystem zu kontrollieren und immer genügend, aber nicht zu viel Geld zu schöpfen.

Das hat nur Vorteile, sagen die Reformökonomen: In einem Vollgeld-Land schlagen die Konjunkturen weniger oft und weniger stark aus. Nach oben wie nach unten. Hier dient die Geldschöpfung der realen Wirtschaft. Das System kennt weder Spekulationsblasen noch Bankenkrisen. Die Schweiz wird zum sichersten Finanzplatz der Welt.

Keine Frage, die Initiative für ein Grundeinkommen wird hochkant abgelehnt werden. Die Vollgeld-Reform wird es ebenso schwer haben. Die Bankenlobby hat sich bereits in Stellung gebracht, sekundiert von der Denkfabrik Avenir Suisse: Sie warnen vor einem Experiment mit ungewissem Ausgang.

Es ist der Schriftsteller Max Frisch, der 1966 schreibt: Die Zukunft werde als etwas Bedrohliches empfunden. "Daher immer und immer der Begriff der Verteidigung, der Abwehr." Man mag ihm nicht widersprechen. Ebenso wenig dem Architekten Jacques Herzog, wenn er beklagt, dass "es dem Land in dem Beharrenden, Behaglichen wohl ist". Und man teilt den Warnruf von Bundesrat Arnold Koller an die Schweizer: Historische Entscheide und Reformen könne man auch verpassen.

Doch ein Blick auf die Website der Bundeskanzlei, Menüpunkt: "Zustandegekommene Volksinitiativen", zeigt: Das Land und seine Bürger können auch anders. Sie denken wild und in radikalen Alternativen. Sie fordern mal die Abkehr von der Welt, dann die geldpolitische Revolution. Sind mal Reaktionäre, dann wieder Avantgarde.

Und vielleicht tanzen auch heute, in diesen Winterstunden, einige von ihnen nackt in den Tessiner Bergen. No future? No visions? Ach was. Es lebe Utopia!